# taz.de -- Selbstenttarnung des NSU vor 15 Jahren: Noch immer bleiben Fragen
       
       > Andächtig erinnern Menschen im Dom von Zwickau an die Opfer des NSU. In
       > der Stadt beging das Kerntrio keine Morde, sondern fühlte sich zu Hause.
       
 (IMG) Bild: Die Waffen der NSU-Nazi-Mörder, die im ihrem abgebrannten Haus in Zwickau 2011 gefunden wurden
       
       Mandy Boulgarides hält kurz inne, schluchzt leise, holt Luft und spricht
       dann weiter. Ihre Stimme hallt an diesem Mittwochnachmittag von den hohen
       Steinwänden des kühlen Doms in Zwickau wider. Es ist die offizielle
       Gedenkveranstaltung der Stadt, genau 15 Jahre nachdem sich der
       „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) selbst enttarnt hat. Boulgarides
       steht vorne am Redepult, erzählt von Theodoros Boulgarides, dem
       Einzelhändler in München, ihrem Vater. Und sie erzählt vom unersetzlichen
       Verlust, [1][als ihn der NSU 2005] ermordete.
       
       In Zwickau, der gar nicht so kleinen Stadt in Sachsen, lebte das Kerntrio
       des NSU über Jahre unbehelligt in verschiedenen Wohnung. Von dort aus
       planten sie Anschläge, Morde und Raubüberfälle, unterstützt von einer
       [2][bis heute unbekannten Zahl von Mitwisser:innen.]
       
       Aber beim Gedenken im Zwickauer Dom am Mittwoch [3][stehen die zehn
       Ermordeten und ihre Angehörigen] im Fokus. Neben Theodoros Boulgarides
       tötete die Terrorgruppe Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman
       Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Mehmet Kubaşık, Halit
       Yozgat und Michèle Kiesewetter.
       
       Nach der Rede von Mandy Boulgarides treten mehrere Vertreter:innen der
       Bundesregierung und der sächsischen Regierung ans Pult. Minister:innen
       oder Staatsminister:innen sind nicht da. Dafür räumt unter andrem
       Sebastian Wüste, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Fehler der
       Polizei ein. „Die Sicherheitsbehörden haben in viele Richtungen ermittelt,
       aber nicht in die richtige.“ Statt der Rechtsextremen gerieten die
       Angehörigen in den Fokus – bis zur Selbstenttarnung vor 15 Jahren.
       
       ## Der NSU in Zwickau
       
       Doch bis [4][heute sind Fragen] ungeklärt. Das betonen die Betroffenen und
       Angehörigen der Opfer des NSU-Terrors. Auf Flyern, die auf den Holzbänken
       im Dom ausliegen, stehen acht Forderungen. „Wir fordern nachhaltige
       psychologische und unbürokratische Unterstützung für unsere Betroffenen“,
       heißt es da. Oder: „Wir fordern die Ermittlung und Anklage aller
       Unterstützer:innen des NSU.“
       
       Von diesen Unterstützer:innen [5][lebten einige auch in Zwickau].
       Mutmaßlich etwa in der Polenzstraße, einen Kilometer vom Dom entfernt.
       Genau dort wohnte von 2001 bis 2008 auch das Kerntrio, Beate Zschäpe, Uwe
       Mundlos und Uwe Böhnhardt. Wenige Stunden vor dem offiziellen Gedenken
       drängen sich dort etwa 40 Personen auf den schmalen Gehweg. Sie hören zu,
       wie eine Person vom Dokumentationszentrum Offener Prozess erzählt, wie wohl
       sich die drei Täter:innen in der Stadt fühlten.
       
       Das Kerntrio habe, anders als es das Wort „Untergrund“ im selbstgewählten
       Name vermuten lasse, nicht abgeschottet von der Gesellschaft gelebt,
       erzählt die sich nur mit dem Vornamen Momo vorstellende Person vom
       Dokumentationszentrum. Unter falschem Namen hätten sie stattdessen Kontakt
       zu Nachbar:innen und Urlaubsbekanntschaften gepflegt. Die Polenzstraße
       ist die zweite Station eines Rundgangs, den das Dokumentationszentrum
       Offener Prozess an diesem Mittwoch, 15 Jahre nach der Selbstenttarnung, zum
       ersten Mal anbietet.
       
       Den letzten Wohnort in der Frühlingsstaße des NSU-Kerntrios überspringt der
       Rundgang allerdings. Anders als die Polenzstraße sei der weitgehend
       bekannt, erklärt Momo. Nachdem sich Mundlos und Böhnhardt nach einem
       gescheiterten Bankraub im 150 Kilometer entfernten Eisenach erschossen
       hatten, zündete Zschäpe vor genau 15 Jahren die Wohnung in der
       Frühlingsstraße an, jagte sie damit in die Luft, um Beweise zu vernichten.
       
       ## Umkämpftes Gedenken
       
       Statt in der Frühlingsstraße endet der Rundgang im Gedenkhain am
       Schwanenteich von Zwickau. Zehn Bäume erinnern dort nicht nur an die
       Mordopfer des NSU. Sie erinnern auch daran, dass das Gedenken in Zwickau
       lange Zeit ein schwieriges Thema war.
       
       Als Bürger:innen 2016 zum 5. Jahrestag zunächst mit Gedenkbänken an die
       Opfer erinnerten, wurden diese innerhalb weniger Tage teils angesägt, mit
       Farbe bespritzt und geklaut. Auch einen 2019 gepflanzten Gedenkbaum für den
       als Erstes vom NSU ermordeten Enver Şimşek [6][sägten Unbekannte nach
       wenigen Wochen] ab.
       
       Erst etwas später pflanzte die Stadt dann die zehn Bäume des Gedenkhains
       für die Mordopfer. Doch dabei bezog sie die Hinterbliebenen der Opfer nicht
       ein. Mehrere Namen auf den Gedenktafeln waren falsch geschrieben. Dann
       legte noch die AfD einen Gedenkkranz nieder und löste einen Tumult aus.
       
       Inzwischen sind die Namen auf den Tafeln korrigiert. Dass die zehn
       Gedenkbäume noch immer stehen, liege vielleicht daran, dass die Polizei sie
       bewacht habe, vermutet Momo, kurz bevor der Rundgang endet. Die Blätter der
       zehn immer noch jungen Bäume haben sich schon herbstlich verfärbt. Neben
       ihnen stehen wieder Holzbänke, bunt bemalt, auf denen ebenfalls die Namen
       der Mordopfer stehen.
       
       Ein paar Stunden später ziehen dann auch die Teilnehmer:innen der
       Gedenkfeier aus dem Dom zum Hain. Es ist inzwischen dunkel geworden. Zum
       Abschluss bilden die etwa hundert Menschen einen Halbkreis, sprechen noch
       einmal gemeinsam die Namen der Mordopfer und schweigen schließlich für eine
       Minute.
       
       5 Nov 2026
       
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