# taz.de -- Nahostberichterstattung in Deutschland: „Man stößt als Journalist:in schnell an Grenzen“
       
       > Eine Mehrheit befragter Journalist:innen sieht die Pressefreiheit zur
       > Nahostberichterstattung bedroht. Carola Richter hat an der FU Berlin dazu
       > geforscht.
       
 (IMG) Bild: Bei der Umfrage gab nur etwas mehr als ein Drittel der Befragten an, einen höheren Kenntnisstand zu Israel und Palästina zu haben
       
       Wer über den Nahostkonflikt in Deutschland berichtet, braucht ein dickes
       Fell: Es drohen Shitstorms, persönliche Anfeindungen und auch berufliche
       Konsequenzen. Eine neue [1][Studie der Freien Universität Berlin] hat dies
       nun wissenschaftlich untersucht. Das Ergebnis: Eine Mehrheit von
       Journalist:innen nimmt eine gestiegene Bedrohungslage wahr.
       
       Für die Studie hat die Kommunikationswissenschaftlerin Carola Richter
       gemeinsam mit den Konfliktforscher:innen Nina Moya Schreieder und
       Jannis Julien Grimm 179 Journalist:innen befragt. Die Ergebnisse sind
       nicht repräsentativ, liefern laut den Forschenden jedoch zum ersten Mal
       belastbare Daten zu dem Thema und ergänzen die Forschung, die bis jetzt
       hauptsächlich qualitativ stattgefunden hat. Die taz hat mit Carola Richter
       über die neuen Erkenntnisse gesprochen – und darüber, was sich in deutschen
       Redaktionen ändern muss.
       
       Frau Richter, wovor haben deutsche Journalist:innen Angst, wenn sie
       über den Nahostkonflikt schreiben?
       
       Wir haben in der Studie festgestellt, dass ein Drittel der Befragten sagt,
       sie verspürten ein Bedürfnis nach Selbstzensur. Wenn wir konkreter nach aus
       ihrer Sicht sensiblen Themen fragen, nennt ungefähr die Hälfte Menschen-
       und [2][Völkerrechtsverletzungen in Israel] beziehungsweise die israelische
       Politik. Aber auch Pro-Palästina-Proteste werden genannt.
       
       Welche Konsequenzen befürchten Journalist:innen? 
       
       Uns hat überrascht, dass es sehr stark darum geht, dass man in den Medien
       selbst, im Kollegium oder gegenüber Chefredaktionen Zurückhaltung walten
       lässt, weil man Sorge hat, diffamiert oder ausgegrenzt zu werden. Mit Blick
       auf die eigene [3][Nahostberichterstattung] haben über 20 Prozent gesagt,
       sie hätten schon Ausgrenzung im eigenen Medium erfahren. Über 40 Prozent
       haben außerdem Diffamierung im Internet, Hassrede oder Drohungen erlebt.
       Das kam also nicht nur aus dem eigenen beruflichen Umfeld.
       
       Es geht aber auch darum, dass man Angst hat, möglicherweise ausgegrenzt zu
       werden. Einige haben berichtet, dass ihnen Aufträge entzogen wurden oder
       ihre Publikationen nicht gedruckt oder gesendet worden seien.
       
       Sind von Anfeindungen innerhalb und außerhalb der Redaktionen besonders
       Journalist:innen bedroht, die sich eher proisraelisch oder
       propalästinensisch äußern?
       
       Wir haben nicht konkret gefragt, ob jemand proisraelisch oder
       propalästinensisch eingestellt ist. Das wäre auch ein Schubladendenken, dem
       sich meiner Ansicht nach die meisten Journalist:innen, die hier geantwortet
       haben, verwehren würden. Wir haben zum Beispiel nach bestimmten Haltungen
       zum Nahostkonflikt gefragt und dafür konkrete Themen vorgegeben.
       
       Ein Thema war etwa: Wie stehen Sie zum besonderen Schutz jüdischen Lebens
       in Deutschland? Da haben über 90 Prozent gesagt, dass ihnen dieses Thema
       wichtig oder besonders wichtig ist. Insofern würde ich nicht einfach sagen,
       dass die einen propalästinensisch und die anderen proisraelisch sind. In
       den Redaktionen selbst scheint man aber mit Israel-kritischen Positionen
       mehr anzuecken.
       
       Und doch scheint sich die Qualität zu unterscheiden: Der Journalist Iman
       Sefati wurde 2024 von Anti-Israel-Aktivist:innen mit einem Messer bedroht,
       Gewerkschaften und [4][„Reporter ohne Grenzen“ warnen seit Jahren vor
       steigender Gewalt auf Palästina-Demos].
       
       Wir haben auch gefragt, ob es direkte Gewalterfahrungen gegeben habe, also
       physische Gewalt, Gewalt durch die Polizei oder Sachbeschädigungen,
       beispielsweise am Auto. Davon haben nur wenige Menschen berichtet, etwa ein
       Prozent. Das muss nicht heißen, dass nicht auch andere davon betroffen sein
       können. Wir wissen, dass die Stimmung auf propalästinensischen
       Demonstrationen häufig medienfeindlich ist, weil viele das Gefühl haben,
       von den Medien nicht korrekt behandelt zu werden.
       
       Sie haben fast 600 Journalist:innen angefragt, etwa 30 Prozent haben
       sich beteiligt. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?
       
       Wir wollten diejenigen befragen, die zur Region selbst arbeiten, unter
       anderem Auslandskorrespondent:innen. Aber auch jene, die sich in deutschen
       Redaktionen oder als freie Journalist:innen mit dem Thema beschäftigen.
       
       Es geht auch um die eigene Sachkompetenz, zu welchem Ergebnis sind Sie
       gekommen?
       
       Viele geben einen relativ hohen Kenntnisstand an, vor allem bei Themen wie
       Antisemitismus und Rassismus. Nachholbedarf sehen wir bei der [5][Kenntnis
       der Region] selbst. Nur etwas mehr als ein Drittel der Befragten hat sich
       einen höheren Kenntnisstand zu Israel, Palästina und den umliegenden
       Ländern zugeschrieben. Man muss davon ausgehen, dass nicht immer eine
       besonders kompetente Einschätzung der politischen und gesellschaftlichen
       Verhältnisse vor Ort möglich ist.
       
       Deshalb greifen viele auf Kontakte zu Journalist:innen vor Ort zurück
       und auf Freund:innen oder Familie, heißt es in der Studie.
       
       Ja, die Hälfte der Befragten gibt an, mit lokalen Journalist:innen in
       Israel oder Palästina zusammenzuarbeiten. 56 Prozent haben Freunde und 13
       Prozent gar Familie in Israel, 36,5 Prozent haben Freunde und 3 Prozent
       Familie in Palästina. Und rund die Hälfte aller Befragten hat bereits
       Recherchen vor Ort betrieben.
       
       Was empfehlen Sie den Redaktionen, um das Klima für Journalist:innen zu
       verbessern?
       
       Das Problem ist: Es gibt Hierarchien und man stößt schnell an Grenzen, wenn
       man bestimmte Positionen vertritt. Das ist etwas, worüber
       Redaktionsleitungen nachdenken sollten. Sie sollten für eine offene
       Debattenkultur sorgen und Maßnahmen ergreifen, damit persönliche Bezüge als
       Erkenntnisressource eingebracht werden können.
       
       Auch müssen Wissensbestände und Faktenrecherche eine große Rolle bei der
       Entscheidung spielen, welche Perspektiven berücksichtigt werden und was
       veröffentlicht werden kann. Journalist:innen müssen die Möglichkeit
       haben, ihre Einschätzungen frei zu äußern, ohne dass sie jemand diffamiert
       oder sie das Gefühl bekommen, bestimmte Dinge nicht sagen zu können.
       
       22 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2026/fup_26_124-befragung-medien-nahostregion-kommunikationswissenschaft/index.html
 (DIR) [2] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6222316
 (DIR) [3] /972-Mag-aus-Israel-Palaestina/!6222315
 (DIR) [4] /Reporter-ohne-Grenzen-ueber-Presseschutz/!6071746
 (DIR) [5] /Schwerpunkt-Nahost-Konflikt/!t5007999
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Niewendick
       
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