# taz.de -- Siedlergewalt im Westjordanland: Siedler greifen Journalisten und Diplomaten an
       
       > Eine US-Fotojournalistin und eine europäische Diplomatendelegation werden
       > im Westjordanland von Siedlern attackiert. Israels Regierung wiegelt ab.
       
 (IMG) Bild: Heidi Levine, Fotojournalistin der Washington Post, berichtet im Krankenhaus von dem Angriff der Siedler
       
       Im Oktober steigt die Gewalt religiös-nationalistischer jüdischer Siedler
       gegen Palästinenser wieder einmal an. Denn es ist die Zeit der Olivenernte
       im Westjordanland – und die Extremisten versuchen, die Palästinenser eben
       daran zu hindern. Zwei Angriffe haben in den vergangenen Tagen für viel
       Medienaufmerksamkeit gesorgt und scharfe Verurteilungen auf höchster Ebene
       hervorgerufen.
       
       Am Freitagmorgen wurde die 64-jährige Fotografin der Washington Post, Heidi
       Levine, zusammen mit zwei weiteren Personen bei einem Angriff von Siedlern
       im Dorf Abu Falah nördlich von Ramallah verletzt. Levine berichtete, sie
       sei von „mindestens 25, vielleicht 50 Personen“ angegriffen worden. Diese
       hätten sie „etwa zehn Minuten lang“ wiederholt getreten; außerdem ihre
       Tasche zerrissen und ihr Handy sowie ihre Kameraausrüstung an sich
       genommen.
       
       Ein Augenzeuge berichtete dem israelischen Medium Haaretz, dass die
       Grenzpolizei und die das israelische Militär erst eintrafen, nachdem die
       Auseinandersetzung bereits begonnen hatte. Die Sicherheitskräfte hätten
       außerdem lediglich versucht, die anwesenden Palästinenser und andere
       Demonstranten zu zerstreuen – während sie tatenlos zusahen, wie die Siedler
       ihre Angriffe fortsetzten.
       
       Levine trug von der Attacke eine gebrochene Rippe sowie gebrochene Wirbel
       davon. Einer ihrer Finger wurde außerdem fast von der Hand abgerissen,
       hinzu kommen Blessuren am ganzen Körper.
       
       ## Angriff auf Diplomaten-Delegation aus Europa
       
       Trotz Aussagen von Levine und anderer Zeugen sowie [1][umfangreichem
       Videomaterial], das den Angriff dokumentiert, [2][reagierte die Regierung
       von Premier Benjamin Netanjahu] mit dieser Erklärung: „Die Umstände der
       Auseinandersetzung in der Nähe von Abu Falah, bei der die Fotojournalistin
       der Washington Post, Heidi Levine, angeblich angegriffen wurde“ seien
       „weiterhin unklar“ und würden untersucht. Diese Untersuchung solle auch
       klären, „wer die Gewalt ausgelöst“ habe.
       
       Von ihrem Krankenhausbett in Israel aus kritisierte Levine am Samstag laut
       der Times of Israel die Reaktion der Netanjahu-Regierung als „eine Lüge und
       die größte Beleidigung“. Levine sagte, ohne die Hilfe der Palästinenser,
       die gekommen waren, um sie zu retten, wäre sie „wahrscheinlich tot“. Sie
       erklärte außerdem, dass der Angriff ihre journalistische Arbeit nicht
       aufhalten werde. Die „jüdischen Terroristen“ ruinierten außerdem das
       Ansehen „der Menschen in Israel weltweit.“
       
       Am folgenden Tag gab es einen weiteren heftigen Siedlerangriff auf eine
       europäische Delegation aus französischen, polnischen und belgischen
       Regierungsvertretern und Diplomaten beim Besuch des christlichen Dorfs
       Taybeh im Westjordanland. Einer der Siedler [3][zerschlug die Scheibe]
       eines Diplomatenfahrzeugs mit einer Eisenstange. Der französische
       Bürgermeister Bernard Baudoux sagte, er sei zu Boden gestoßen und von
       Siedlern geschlagen worden.
       
       Amit Orfali, der als Protective Presence-Aktivist sich immer wieder im
       Westjordanland schützend vor Palästinenser stellt, war kurz nach dem
       Angriff vor Ort. Der taz erzählt er am Telefon: Er sei eigentlich in Taybeh
       gewesen, um dort Palästinenser bei der Olivenernte zu schützen. Dann seien
       sie zu dem Ort gerufen worden, an dem die Delegation bereits angegriffen
       worden war. Sieben maskierte Siedler hätten ihn und seine Mitstreiter
       bedrängt. Sie seien mit Keulen bewaffnet gewesen, hätten nach den Ausweisen
       der Aktivisten gefragt. „Sie haben uns mit dem Tod gedroht“, erzählt er.
       Schließlich habe er die Delegation erreicht – und das Video aufgenommen,
       das den französischen Bürgermeister am Boden zeigt.
       
       ## Sieder-Angriffe auf die Olivenernte nehmen jedes Jahr zu
       
       Die Außenministerien Frankreichs, Polens und Belgiens verurteilten die
       Angriffe. Ebenso das israelische Militär, das allerdings gleich anfügte,
       der Besuch des Konsulats sei nicht mit dem Militär abgestimmt gewesen.
       „Eine solche Abstimmung ist wichtig, um Vorfälle dieser Art zu verhindern.“
       Es ist allerdings ein anhaltender Vorwurf an das Militär, dass es die
       Siedlerangriffe nicht verhindert, teilweise Soldaten untätig dabeistehen
       oder die Siedler sogar zu unterstützen scheinen.
       
       Auf den Vorfall reagierte das Büro des israelischen Ministerpräsidenten
       [4][erneut mit einer Zurückweisung.] Die Zeugenaussagen, das umfangreiche
       Videomaterial und die Fotos, die den Angriff dokumentieren, seien keine
       „überprüfbaren Beweise“, und der Vorfall beruhe auf „unbewiesenen
       Behauptungen“.
       
       Nach Angaben der israelischen [5][Menschenrechtsorganisation Yesh Din] gab
       es vom 27. September bis zum 14. Oktober 2026 486 Vorfälle von Gewalt durch
       Siedler und Soldaten gegen Palästinenser, von denen die Hälfte im
       Zusammenhang mit der Olivenernte stand. [6][Laut der Times of Israel]
       werden Palästinenser von Jahr zu Jahr zunehmend sowohl von gewalttätigen
       Siedlern als auch von der IDF daran gehindert, die Oliven zu ernten, auf
       die sie – wenn sie sich auf ihrem Land befinden – eigentlich einen Anspruch
       haben.
       
       Die Welle der Angriffe ist so massiv geworden, dass gemäßigtere Siedler
       [7][laut Haaretz] Briefe in Umlauf gebracht haben, in denen sie sich gegen
       die Gewalt der extremistischen sogenannten „Hilltop-Jugend“ aussprechen.
       
       Auch Rabbiner aus Siedlungen sprechen sich gegen die Gewalt aus: Der
       ehemalige Oberrabbiner der Siedlung Kiryat Arba in der Nähe von Hebron
       erklärte jüngst in [8][einer halachischen Entscheidung, dass] es Juden
       gestattet sei, palästinensische Oliven zu ernten. Schließlich hätten die
       Palästinenser ja vor Jahrhunderten das Land besetzt. Sechs Rabbiner aus dem
       Siedlungsbock Gush Etzion unterschrieben daraufhin einen Brief, in dem sie
       erklärten, solche Handlungen seien Diebstahl und nicht erlaubt. Alle
       Siedlungen sind nach internationalem Recht illegal.
       
       Aus dem Englischen Lisa Schneider
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/infinite_jaz/status/2111002549994029456?ref_src=twsrc%255Etfw%257Ctwcamp%255Etweetembed%257Ctwterm%255E2111033298201825672%257Ctwgr%255E3c376e28284af9d0948eb4ea51a0741a12d75a8f%257Ctwcon%255Es2_&ref_url=https://www.timesofisrael.com/settlers-beat-palestinians-us-journalist-in-west-bank-attacks-they-kept-kicking-me-and-kicking-me/
 (DIR) [2] https://x.com/IsraeliPM/status/2111106640099307910
 (DIR) [3] https://x.com/Doron_Kadosh/status/2111435808909517050?ref_src=twsrc%255Etfw%257Ctwcamp%255Etweetembed%257Ctwterm%255E2111436514332696825%257Ctwgr%255E3afc4647499e938b6ecb8e96be4f73f4fc55c021%257Ctwcon%255Es2_&ref_url=https://www.timesofisrael.com/european-diplomats-attacked-amid-settler-raids-on-west-bank-olive-harvest/
 (DIR) [4] https://x.com/IsraeliPM/status/2111497338808140140
 (DIR) [5] https://x.com/Yesh_Din/status/2111044964775768168
 (DIR) [6] https://www.timesofisrael.com/west-bank-olive-harvest-an-annual-flashpoint-presses-ahead-amid-obstacles-and-violence/
 (DIR) [7] https://www.haaretz.co.il/news/politics/2026-10-16/ty-article/.premium/000001a1-40ec-dc38-a3bb-c1eca9790000
 (DIR) [8] https://www.timesofisrael.com/hardline-rabbi-jews-can-take-palestinian-olives-to-demonstrate-our-ownership-of-the-land/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tamar Ziff
       
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       Täglich greifen extremistische Siedler palästinensische Dörfer an.
       taz-Korrespondentin Serena Bilanceri spricht über ihre Arbeit im
       Westjordanland.