# taz.de -- Nahostexperte über Wahlen in Israel: „Die arabische Bevölkerung könnte Netanjahu verhindern“
       
       > Am 27. Oktober wählt Israel sein neues Parlament. Das Land ist gespalten,
       > die Bevölkerung heterogen. Wer für wen abstimmt, erklärt Nahostexperte
       > Peter Lintl.
       
 (IMG) Bild: Diese Männer der Balad Partei könnten bald Netanjahus Herrschaft beenden
       
       taz: Herr Lintl, in den Umfragen stehen sich der Oppositionsblock unter
       Gadi Eisenkot und der Regierungsblock von Benjamin Netanjahu auf Augenhöhe
       gegenüber. In weniger als einer Woche wird gewählt. Gibt es Themen, die das
       Potenzial haben, das Verhalten der Wähler:innen zu beeinflussen? 
       
       Peter Lintl: Ich glaube, die meisten Menschen haben sich bereits eine
       Meinung gebildet. Jetzt kommt es auf die Unentschlossenen an: Sie machen
       bis zu 12 Prozent aus, in manchen Umfragen sogar mehr. Dabei spielen
       mehrere Dinge eine Rolle: Was noch geschieht, wer eine bessere Figur macht.
       Es kommt auf die Feinheiten an, die großen ideologischen Kämpfe sind
       vorbei.
       
       taz: Können [1][der 7. Oktober 2023] oder die jüngst verkündete
       Unterstützung des US-Präsidenten Donald Trump für Netanjahu noch etwas
       bewegen? 
       
       Peter Lintl: Der 7. Oktober hat schon vieles bewegt. Die Zahlen, die wir
       jetzt in den Umfragen sehen, sind schon teils ein Produkt des 7. Oktobers.
       Und davon, dass die [2][Regierung keine Verantwortung] übernommen, sondern
       sie abgeschoben hat. Netanjahu hofft sicherlich, dass die jetzige
       Unterstützung von Trump ihm noch was bringt – obwohl ich das nicht glaube.
       
       taz: Dennoch gibt es in der Parteienlandschaft weiterhin Bewegung. 
       
       Peter Lintl: Ja, der gemäßigt-konservative Benny Gantz ist jüngst
       zurückgetreten. Das heißt: Es wird sicherlich einen Kampf um die Stimmen
       der Wählerinnen und Wähler von Gantz geben. Und es gibt noch ein paar
       Kandidatinnen und Kandidaten, die sich überlegen müssen, ob ihre Partei
       wirklich in die Knesset einzieht – also ob sie die 3,25-Prozenthürde
       schaffen. Das gilt etwa für die rechte Amcha Yisrael und die
       Reservisten-Partei.
       
       taz: In Israel gibt es viele kleine Parteien, die Bevölkerung ist ebenfalls
       vielfältig. Es gibt beispielsweise ultraorthodoxe Jüd:innen, die ihre
       religiösen Parteien haben. 
       
       Peter Lintl: Laut aktuellen Umfragen werden 80 Prozent der Ultraorthodoxen
       den ultraorthodoxen Parteien wie Schas und Torah-Judentum ihre Stimmen
       geben. Die ultraorthodoxen Parteien sind klare Milieuparteien, die relativ
       stabil sind. Einige wollen aber auch für [3][Itamar Ben-Gvirs ultrarechte
       Partei Otzma-Yehudit] oder für Netanjahus Likud abstimmen. Die religiöse
       Linke spielt bei ihnen so gut wie keine Rolle.
       
       taz: [4][Der Streit um das Einberufungsgesetz der Ultraorthodoxen] hat den
       Wahlkampf ebenfalls geprägt. Werden mehr Ultraorthodoxe deswegen wählen
       gehen? 
       
       Peter Lintl: Die drohende Wehrpflicht bietet großes
       Mobilisierungspotential. Ich höre allerdings auch andere Stimmen: Dass
       manche Ultraorthodoxe enttäuscht sind, dass sich das Problem bisher nicht
       hat lösen lassen. Manche rechnen deswegen damit, dass Teile der Community
       nicht zur Wahl gehen werden. Es gibt auch moderne Ultraorthodoxe, die kein
       großes Problem mit der Wehrpflicht haben. In jedem Fall ist das Thema ein
       Problem für zukünftige Regierungsbildungen – auch für den Likud.
       
       taz: [5][Ultraorthodoxe] machen etwa 14 Prozent der Bevölkerung aus.
       Säkulare Jüd:innen hingegen bis zu 35 Prozent. Welche Parteien vertreten
       sie am ehesten? 
       
       Peter Lintl: Die jüdisch-säkulare ist keine einheitliche Gruppe, sie teilt
       sich auf vier bis fünf unterschiedliche Parteien auf. Ein Teil wird
       Jisra’el Beitenu wählen, die säkulare Mitte-rechts-Partei. Ein Teil wird
       Jashar von Gadi Eisenkot wählen, ein anderer den liberal-zionistischen Yair
       Lapid. Und ein Teil wird den Likud wählen. Oder die Demokraten. Sicherlich
       wählen sie aber nicht die religiösen Parteien.
       
       taz: Mehr als 17 Prozent der Israelis sind zudem arabischer Herkunft,
       [6][die meisten bezeichnen sich selbst als Palästinenser]. Welche Rolle
       spielen sie? 
       
       Peter Lintl: Es deutet vieles darauf hin, dass es eine relativ hohe
       Wahlbeteiligung innerhalb der arabischen Bevölkerung geben wird. Auch vor
       dem Hintergrund, [7][dass sie es in der Hand haben, eine Wiederwahl
       Netanjahus zu verhindern]. Denn: Je erfolgreicher die arabischen Parteien
       sind, umso schwieriger wird es für Netanjahu, die Mehrheit der Sitze zu
       bekommen. Aber das hängt sehr stark von der arabischen Wahlbeteiligung ab.
       
       Der Oppositionsblock ist in fast allen Umfragen stärker. Das würde ihnen
       zumindest theoretisch erlauben, eine von den arabischen Parteien
       unterstützte Minderheitsregierung durchzusetzen.
       
       taz: Und was ist mit den Drusen? Sie machen zwar weniger als zwei Prozent
       der Bevölkerung, aber dienen im israelischen Militär und nehmen damit in
       der arabischsprachigen Bevölkerung eine Sonderrolle ein. 
       
       Peter Lintl: Ganz unterschiedlich. Es gibt Drusen, die sehr weit rechts
       stehen. Und es gibt Drusen, die Mitte-links stehen. Und welche, die
       überhaupt nicht wählen. [8][Die Drusen] haben kein klar festgelegtes
       Wahlprofil.
       
       taz: Alle bisherigen Einschätzungen basieren auf Umfragen. Wie verlässlich
       sind diese? Sollte man mit Überraschungen am Wahltag rechnen? 
       
       Peter Lintl: Die Erfahrung zeigt: Je näher wir an der Wahl sind, desto
       zuverlässiger werden die Umfragen. Aber es gab auch schon mal
       Überraschungen. Etwa die Wahl 2015, als alle dachten, es werde eine linke
       Regierung geben. Und Netanjahu dann einen fulminanten Wahlkampf hinlegte
       und die Wahl gewann.
       
       Ich glaube aber nicht, dass dies unter den aktuellen Bedingungen möglich
       ist. Netanjahu hat damals auf eine [9][extreme Polarisierung] gesetzt, das
       hat mobilisiert. Aber das hat sich inzwischen abgenutzt. Das Land ist schon
       sehr stark polarisiert. Populismus ist überall, daher wäre das nichts
       Neues. Ich sehe nicht, dass eine noch stärkere Emotionalisierung viel
       bringen würde.
       
       23 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Alle-sind-vom-7-Oktober-betroffen-Drei-Israelis-und-drei-Palaestinenserinnen-erzaehlen-was-der-Tag-fuer-sie-bedeutet/!6218892
 (DIR) [2] /Untersuchungskommission-zum-7-Oktober/!6177343
 (DIR) [3] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6222316
 (DIR) [4] /Ultraorthodoxe-in-Israels-Armee/!6030765
 (DIR) [5] /Ultraorthodoxe/!t5019337
 (DIR) [6] /Juedisch-arabisches-Zusammenleben/!6079396
 (DIR) [7] /Arabische-Bevoelkerung-in-Israel/!6222585
 (DIR) [8] /Israelisch-libanesische-Grenze/!6017594
 (DIR) [9] /Demografischer-Wandel-in-Israel-Mehr-Juden-wandern-aus-als-ein/!6198950
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Serena Bilanceri
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Israel
 (DIR) Wahl
 (DIR) Benjamin Netanjahu
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Israel vor der Wahl: Wenn KI-Videos das Netz fluten
       
       Im israelischen Wahlkampf spielen KI-generierte Inhalte eine immer größere
       Rolle. Und KI wird auch genutzt, um das Regierungsimage aufzupolieren.
       
 (DIR) Nahostberichterstattung in Deutschland: „Man stößt als Journalist:in schnell an Grenzen“
       
       Eine Mehrheit befragter Journalist:innen sieht die Pressefreiheit zur
       Nahostberichterstattung bedroht. Carola Richter hat an der FU Berlin dazu
       geforscht.
       
 (DIR) Arabische Bevölkerung in Israel: Gewalt, organisierte Kriminalität und das Wegsehen
       
       In der arabischen Community in Israel kommt es immer häufiger zu schwerer
       Gewaltkriminalität. Die Polizei allerdings interessiert sich kaum dafür.
       
 (DIR) „+972 Mag“ aus Israel-Palästina: Das Magazin hinter der Doku „Naza“
       
       Das „+972 Magazine“ ist für seine Recherchen zu israelischen
       Kriegsverbrechen bekannt. Wie lange ist derart kritischer Journalismus in
       Israel noch möglich?