# taz.de -- „+972 Mag“ aus Israel-Palästina: Das Magazin hinter der Doku „Naza“
> Das „+972 Magazine“ ist für seine Recherchen zu israelischen
> Kriegsverbrechen bekannt. Wie lange ist derart kritischer Journalismus in
> Israel noch möglich?
(IMG) Bild: In Israel angefeindet: Journalist Yuval Abraham (l.), Autor beim „+972 Mag“, und Rachel Szor (r.), seine „Naza“-Co-Regisseurin
„Die meisten Leserinnen und Leser haben wir in englischsprachigen Ländern“,
sagt Ben Reiff, der stellvertretende Chefredakteur des
israelisch-palästinensischen +972 Magazine, das auf Englisch erscheint.
„Aber nach den USA und Großbritannien kommt Deutschland an dritter Stelle:
Hier haben wir unsere drittgrößte Leserschaft“, sagt der 29-Jährige
gegenüber der taz.
Mit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und [1][Israels Kriegen, die
darauf folgten], hat das Interesse an kritischen Berichten aus der Region
weltweit zugenommen. Mit seinen investigativen Recherchen füllt das +972
Mag eine Lücke, denn die Themen, über die es berichtet, kommen etwa in
deutschen Medien kaum vor. „Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich unsere
Leserschaft verzehnfacht“, berichtet Reiff. Sie liege im Augenblick bei
durchschnittlich 1,8 Millionen Leserinnen und Lesern pro Jahr.
Gegründet wurde das unabhängige und gemeinnützige Onlinemagazin im Jahr
2010 von palästinensischen und israelischen Journalisten, die schon mit der
Berichterstattung über den ersten Krieg in Gaza 2008/09 unzufrieden waren.
Der Name bezieht sich auf die gemeinsame Telefonvorwahl Israels und der
besetzten palästinensischen Gebiete.
2014 kam das Schwestermedium Local Call hinzu, das sich auf Hebräisch an
eine israelische Öffentlichkeit richtet und etwa eine Million Menschen
erreicht. Beide Redaktionen haben ihren Sitz in Israel. Ihre Mitarbeiter
aber leben zum Teil im Ausland, im Westjordanland und manche sogar im
Gazastreifen.
## Enthüllungen über Kriegsführung mit KI
Großes Aufsehen erregte zu Beginn des aktuellen Kriegs die Enthüllung, dass
das israelische Militär [2][auf künstliche Intelligenz setzt, um
Angriffsziele auszuwählen, und eine hohe Zahl ziviler Opfer als
„Kollateralschäden“ in Kauf nahm]. Die Recherchen stammten von Yuval
Abraham – dem Journalisten, der durch den oscarprämierten Dokumentarfilm
„No Other Land“ bekannt wurde, den er mit dem Palästinenser Basel Adra
drehte.
Abrahams [3][neuer Dokumentarfilm „Naza“, den er mit seiner Kollegin Rachel
Szor produzierte], läuft aktuell auch in deutschen Kinos. Die Filmdoku
basiert auf den Enthüllungen, die bereits vor zwei Jahren im +972 Magazin
erschienen sind und die bis heute zu den meistgelesenen Artikeln auf der
Webseite des Magazins gehören.
Es sind nicht die einzigen Enthüllungen des Magazins: Der israelische
Journalist Oren Ziv untersuchte 2025 [4][die 3D-Animationen der
israelischen Armee, die angebliche Hamas-Tunnel und Kommandozentralen im
Gazastreifen zeigten] – damit rechtfertigte sie ihre Angriffe auf Schulen
und Krankenhäuser wie die Al-Schifa-Klinik. Ziv fand heraus, dass dafür
Bilder von 3D-Animationen aus Videospielen und ausländischen Museen
verwendet wurden, und widerlegte damit das Propagandanarrativ der Armee.
Eine weitere Recherche des +972 Mag brachte im August 2025 ans Licht, dass
es [5][in der israelischen Armee eine „Legitimierungszelle“ geben soll].
Ihr Auftrag: Journalisten in Gaza der Mitgliedschaft in der Hamas zu
beschuldigen, um ihre Tötung zu rechtfertigen. Vor diesem Hintergrund muss
man eine Liste von rund 170 getöteten Journalisten betrachten, die Israels
Armee kürzlich veröffentlicht hat, um ihnen posthum eine angebliche
Hamas-Mitgliedschaft zu unterstellen. Sie hatten unter anderem für Reuters,
CNN, BBC, Le Monde, Al Jazeera und andere Medien gearbeitet.
## Komplizenschaft der Tech-Konzerne
Das +972 Mag deckte früh auch [6][systematische Misshandlungen und Folter
gegen palästinensische Häftlinge in israelischen Haftlagern wie Sde Teiman
auf], die im Sommer 2024 weltweit Schlagzeilen machten, sowie – zusammen
mit dem britischen Guardian – [7][Israels Versuche], den Internationalen
Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag, der gegen Israels Premierminister
Netanjahu wegen Kriegsverbrechen ermittelt, auszuspionieren. Außerdem wies
es die Komplizenschaft großer Tech-Konzerne wie Google, Amazon und
Microsoft beim Völkermord in Gaza nach.
„Wir haben die [8][Verbindungen zwischen einer Einheit innerhalb des
israelischen Militärs und Microsoft bei der Überwachung von Palästinensern
in Gaza] aufgedeckt“, sagt Dana Mills, die als Autorin für das +972
Magazine arbeitet und dort die Ressourcenentwicklung leitet. „Nach der
Veröffentlichung kam Microsoft sowohl von oben als auch von unten unter
Druck: Microsoft-Aktionäre waren von unseren Enthüllungen schockiert, und
Beschäftigte, die sich gerade gewerkschaftlich organisiert hatten,
forderten das Unternehmen auf, seine Beziehungen zum israelischen Militär
abzubrechen.“ [9][Im September 2025 beendete Microsoft diese
Zusammenarbeit].
Trotz ihrer politischen Brisanz passieren die meisten Artikel, die im +972
Mag erscheinen, die israelische Militärzensur. Dieser müssen alle
sicherheitsrelevanten Artikel vor Veröffentlichung vorgelegt werden,
insbesondere in Kriegs- und Krisenzeiten: Sie nimmt dann Schwärzungen vor
und streicht Passagen.
„Wir haben keine andere Wahl, als uns dem zu fügen“, sagt Ben Reiff.
„Andernfalls könnten wir verhaftet, unsere Medien könnten geschlossen oder
wir im Extremfall ins Gefängnis geworfen werden.“ Über Berichte, die im
Ausland erscheinen, dürfen israelische Medien aber weitgehend ungefiltert
berichten. Auch aus diesem Grund baut das +972 Mag seine Zusammenarbeit mit
dem britischen Guardian aus, der eine der angesehensten
Investigativabteilungen der Medienwelt besitzt. Auch alle Aussagen, die im
Dokufilm „Naza“ zu hören sind, haben diesen Faktencheck durchlaufen.
## Kriegsverbrechen ohne Konsequenzen
Warum erlaubt die israelische Armee die Veröffentlichung von Artikeln, die
eindeutige Kriegsverbrechen beschreiben? Das wissen die Redakteure des +972
Mag auch nicht so genau, aber sie haben so ihre Vermutungen. Eine Vermutung
ist, dass es der Regierung schlichtweg egal ist. „Israelis, die
Kriegsverbrechen begehen, müssen keine Strafverfolgung fürchten. Sie gehen
also kaum ein Risiko ein, wenn sie darüber aussagen oder etwas darüber
herauskommt“, sagt Dana Mills, und erinnert daran, dass sich viele
israelische Soldaten [10][in den sozialen Medien stolz mit ihren Verbrechen
gebrüstet] hätten. „Das ist die Art von Klima, in dem wir arbeiten.“
Ben Reiff hat noch eine andere Erklärung: „Wir betreiben zwar keine PR für
die israelische Armee“, sagt er. Aber Israels Regierung und Armee hätten
ein Interesse daran, auf ihre Überwachungs- und Kriegstechnologie
aufmerksam zu machen, weil sie diese an andere Länder verkaufen wollen.
Darauf sei Israel sehr stolz, stimmt Dana Mills zu. Das zeige sich auch an
den Motiven, aus denen heraus Informanten an das +972 Mag herantreten.
„Manche sind echte Whistleblower, die moralische Bedenken haben und sich
sehr unwohl fühlen mit dem, was man von ihnen verlangt“, sagt Ben Reiff.
„Andere sind ziemlich stolz auf das, was sie tun, und haben kein Problem
damit, uns davon zu erzählen.“
## Noch kann die Redaktion des „+972 Mag“ arbeiten – zumindest in Israel
Die palästinensischen Kollegen im Westjordanland sind in steter Gefahr, vom
israelischen Militär schikaniert, verhaftet und ohne Anklage eingesperrt zu
werden, denn in den von Israel besetzten Gebieten herrscht Militärrecht.
„Unsere Reporter im Westjordanland müssen deshalb stark darauf achten, was
sie sagen und wie sie es sagen, damit sie nicht verhaftet werden“, sagt
Alaa Salama. „Sie müssen also eine Art Selbstzensur betreiben.“ Er selbst
wurde im Flüchtlingslager Yarmouk in Syrien geboren, lebte lange in
Ramallah und jetzt in Spanien. Beim +972 Mag ist er für die
Publikumsbindung zuständig.
## Raum für kritischen Journalismus wird enger
„Es gibt viele Gesetze, mit denen die Regierung versucht, die Finanzierung
von Menschenrechtsorganisationen und der Zivilgesellschaft ziemlich
einzuschränken“, sagt Dana Mills weiter. „Das beeinflusst unsere Arbeit
natürlich stark, da wir in hohem Maße auf Material angewiesen sind, das von
Menschenrechtsorganisationen erstellt wird und wir eng mit ihnen
zusammenarbeiten.“
Wie lange wird das +972 Mag noch aus Israel berichten können? Das ist
unklar. Auf die Doku „Naza“ reagierten Netanjahu und sein Kulturminister
Miko Zohar mit der Drohung, den Filmemachern die Staatsbürgerschaft zu
entziehen. Rahel Szor und Yuval Abraham sind seitdem wegen
Sicherheitsbedenken nicht nach Israel zurückgekehrt. Die Redaktion des +972
Mag trifft schon einmal Vorkehrungen für den Fall, dass sie auch ins Visier
gerät, und hat deshalb ein Bankkonto im Ausland eingerichtet.
„Im Grunde macht jede Menschenrechtsorganisation in Israel gerade
dasselbe“, sagt Ben Reiff. „Israel möchte in der Welt als Demokratie
gesehen werden“, sagt Alaa Salama – darum halte es sich zumindest innerhalb
Israels noch mit offener Zensur zurück. Aber das müsse nicht so bleiben:
„Über Nacht könnten neue Gesetze erlassen werden, die es uns unmöglich
machen würden, das +972 Magazine so weiterzuführen, wie es derzeit der Fall
ist“.
## Skepsis angesichts der Wahlen
Israel ist [11][in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne
Grenzen zuletzt auf Platz 116 von 180 abgerutscht], hinter Marokko und den
Philippinen. Israels ultrarechte Regierung ließ die Büros des arabischen
Senders Al Jazeera in Jerusalem und dem Westjordanland schließen und
mehrere seiner Reporter im Gazastreifen töten, darunter bekannte
Korrespondenten wie Anas al-Sharif und Hossam Shabat.
Die Macher des +972 Mag haben wenig Hoffnung, dass sich nach den Wahlen in
Israel viel ändern wird. Auch wenn Netanjahu abgewählt werden sollte: Die
Unterstützung für die israelische Armee ist ungebrochen, das Interesse am
Schicksal der Palästinenser gering. „Es gab seit 2023 nur sehr wenig
Widerstand gegen den Krieg, [12][selbst beim jüngsten Krieg gegen Iran
lagen die Zustimmungswerte bei über 90 Prozent]“, sagt Dana Mills.
Israelische Journalisten stünden auf der Seite ihres Staates und ihrer
Armee. Einige seien mit ihr nach Gaza eingereist, in Uniform oder in
Panzern, und hätten darin überhaupt kein Problem gesehen. Ein Medium wie
+972 Mag, das diesen Militarismus infrage stellt und sogar
Wehrdienstverweigerern eine Stimme gibt, ist in Israel eine absolute
Ausnahme und eine Randerscheinung. Aber es ist eine wichtige Stimme der
demokratischen und linken Gegenöffentlichkeit.
19 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwerpunkt-Nahost-Konflikt/!t5007999
(DIR) [2] https://www.972mag.com/lavender-ai-israeli-army-gaza/
(DIR) [3] /Debatte-um-Gaza-Doku/!6216937
(DIR) [4] https://www.972mag.com/israeli-army-3d-propaganda-animations/
(DIR) [5] https://www.972mag.com/israel-gaza-journalists-hamas-hasbara/
(DIR) [6] https://www.972mag.com/sde-teiman-prisoners-lawyer-mahajneh/
(DIR) [7] https://www.972mag.com/icc-israel-surveillance-investigation/
(DIR) [8] https://www.972mag.com/microsoft-8200-intelligence-surveillance-cloud-azure/
(DIR) [9] https://www.972mag.com/microsoft-cloud-israel-8200-expose/
(DIR) [10] /Gaza-Krieg-in-den-Medien/!6010413
(DIR) [11] /Reporter-ohne-Grenzen-ueber-Gaza-Krieg/!5982676
(DIR) [12] /Israels-Sicht-auf-den-Irankrieg/!6169294
## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Israel
(DIR) Israelische Armee
(DIR) Gaza-Krieg
(DIR) Medien
(DIR) Investigativer Journalismus
(DIR) Zensur
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Weniger Geld für Welternährungsprogramm: UN müssen Lebensmittelhilfe in Gaza immens streichen
Im Gazastreifen verlieren Hunderttausende Menschen ihre Unterstützung durch
das Welternährungsprogramm. Die Kürzungen erfolgen kurz vor Beginn des
Winters.
(DIR) Israelische Doku „Naza“: Sie sind Helden
In Israel ist eine Film-Doku über das brutale Vorgehen des
Militärgeheimdienstes im Gazastreifen verboten. Eine offene Debatte wird
unterdrückt.
(DIR) Anonyme Interviews in der Doku „Naza“: Netanjahu sucht nach den Quellen
Israels Premier Netanjahu will die Informanten, die im Dokumentarfilm
„Naza“ interviewt wurden, identifizieren und strafrechtlich verfolgen
lassen.
(DIR) Debatte um Gaza-Doku: „Naza“ soll kostenlos im Netz zu sehen sein
Israels ultrarechte Regierung wütet schon vor dem weltweiten Filmstart
gegen die Gaza-Doku „Naza“. Ab Donnerstag läuft sie in deutschen Kinos.