# taz.de -- Rot-Rot-Grün in Mecklenburg-Vorpommern: Zur Abwechslung mal keine Briefschlachten
       
       > Anders als in Berlin steuern SPD, Linke und Grüne in
       > Mecklenburg-Vorpommern harmonisch auf eine Koalition zu. Knackpunkte
       > werden geräuschlos versenkt.
       
 (IMG) Bild: Rot-grün-rote Harmonie à la Meck-Pomm: Linken-Chef Herbst, Grünen-Spitzenfrau Müller und SPD-Regierungschefin Schwesig (v.l.n.r.)
       
       Keine offenen Briefschlachten zu Antisemitismus und Nahost, keine mit
       Ächtung drohenden Unions-Politiker, keine Beleidigungen der künftigen
       Partner aus der zweiten Reihe: Mecklenburg-Vorpommern stellt gerade unter
       Beweis, dass sich SPD, Linkspartei und Grüne auch ohne großen Theaterdonner
       auf eine Regierung verständigen können.
       
       Während sich Rot-Rot-Grün in Berlin das Leben schwermacht und die Linke
       nicht mal abschließend geklärt hat, ob aus den Sondierungen auch
       Koalitionsverhandlungen werden, wollen die drei Parteien in Schwerin
       bereits in der ersten Novemberhälfte vertragseinig sein. Seit Anfang
       vergangener Woche laufen die Gespräche über die Details des
       Koalitionsvertrags.
       
       Es werde hart verhandelt, aber niemand zerfleische sich, heißt es aus
       Grünen-Kreisen. Vor allem aber dringen Informationen nur schwer dosiert
       nach außen. Am vergangenen Freitag vermeldeten [1][SPD-Ministerpräsidentin
       Manuela Schwesig], Linken-Landeschef Hennis Herbst und die
       [2][Grünen-Fraktionsvorsitzende Claudia Müller] immerhin schon ihre
       Ergebnisse für den Bereich Finanzen.
       
       Klar ist daher, dass die Spielräume der künftigen Koalitionäre begrenzt
       sein werden. Sinkende Steuereinnahmen, eine alternde Bevölkerung, steigende
       Personalausgaben: Ab 2028 droht Mecklenburg-Vorpommern laut
       Landesrechnungshof eine Finanzierungslücke von im Schnitt über einer
       Milliarde Euro pro Jahr.
       
       ## Rot-Rot-Grün kündigt Sparjahre an
       
       Also wird gespart. Der Grundsatz der Koalition sei dabei: „Sparen fängt
       beim Staat selbst an und nicht zuerst bei den Menschen“, so Manuela
       Schwesig. Konkret einigten sich SPD, Linke und Grüne unter anderem auf
       einen Stellenabbau in der Verwaltung: In den kommenden fünf Jahren gehen
       demnach von den 38.000 Landesbeschäftigten rund 7.000 in den Ruhestand,
       1.000 Stellen davon sollen nicht mehr nachbesetzt werden.
       
       Das bringe, so Schwesig, 125 Millionen Euro im Jahr. Wie die verbleibenden
       Löcher gestopft werden sollen, ist vorerst offen. Neue Schulden sollen
       nicht gemacht werden. Stattdessen wollen sich die drei Partner – wie ihre
       Kollegen in der notorisch klammen Hauptstadt auch – für eine höhere
       Erbschaftssteuer und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer einsetzen.
       
       „Es ist in diesen Zeiten dringend notwendig, dass die wenigen, die
       besonders viel haben, auch ihren gerechten Anteil am Gemeinwesen leisten“,
       sagt Hennis Herbst zur Begründung. Kleines Problem: Erbschafts- und
       Vermögenssteuer sind Bundessache – und von CDU und CSU sind hier keinerlei
       Lockerungsübungen zu erwarten. Philipp Amthor, kommissarischer
       CDU-Landeschef von Mecklenburg-Vorpommern, verweist bereits genüsslich
       darauf, dass das „Wunschkonzert“ in Schwerin nicht finanzierbar sei.
       
       Dabei ist das beklagte große Wunschkonzert so bislang kaum zu erkennen.
       Verglichen mit den milliardenschweren Vergesellschaftungsversprechen in
       Berlin werden in Mecklenburg-Vorpommern eher kleine Brötchen gebacken. Die
       Kita soll beitragsfrei bleiben, ein Jugendticket soll eingeführt werden,
       die Schulen sollen modernisiert werden.
       
       ## Grüne setzen Klimacheck durch
       
       Am Montag wurde bei den Koalitionsverhandlungen schließlich auch ein Haken
       hinter die Themen Landwirtschaft, Klima- und Umweltschutz gesetzt. Und auch
       hier bleibt vieles vorerst vage. Als sehr wahrscheinlich gilt gleichwohl,
       dass das bislang von SPD-Mann Till Backhaus geleitete Mammutressort
       Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt zerschlagen wird.
       
       „Bisher haben wir diese Dinge zusammengehabt, weil sie zusammengehören“,
       sagte Schwesig am Montag bei der Vorstellung der Zwischenergebnisse. Aber
       es sei „auch klar, dass wir grundsätzlich über die Strukturfragen sprechen
       werden, und das werden wir genau am Ende machen – erst die Inhalte, dann
       die Strukturen.“
       
       Es ist ein offenes Geheimnis, dass erstens der knurrige
       Agrarwissenschaftler Backhaus und die Grünen in Abneigung verbunden sind.
       Und zweitens die Grünen im künftigen Kabinett ohnehin den Bereich Umwelt-
       und Klimaschutz für sich beanspruchen.
       
       Backhaus, seit fast 30 Jahren in ein und demselben Amt, hatte im Frühjahr
       zwar bundesweit [3][für Schlagzeilen gesorgt mit der missglückten Rettung
       der gestrandeten Walkuh Timmy]. Die Rettung des Klimas, heißt es, war
       dagegen eher weniger sein Thema. So kippte er zuletzt auch die
       Klimaschutzziele des Landes. Statt – wie zuvor abgesprochen – spätestens
       2040 soll Mecklenburg-Vorpommern nun erst 2045 klimaneutral werden.
       
       Eigentlich war erwartet worden, dass der Klimaschutz einer der Knackpunkte
       in den Koalitionsverhandlungen wird. Immerhin hatte die Grüne Jugend im
       Wahlprogramm der Mutterpartei das Zieljahr 2035 durchgedrückt. Davon ist
       aktuell keine Rede mehr. Durchsetzen konnten sich die Grünen dafür mit
       einem Klimacheck, mit dem alle neuen Landesgesetze und Verordnungen
       hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Klima und Umwelt überprüft werden
       sollen.
       
       ## Konfliktfeld Aufrüstung
       
       Gut möglich, dass ein weiterer Konflikt genauso geräuschlos abgeräumt wird.
       Die Rede ist vom Thema Aufrüstung, Teil der noch ausstehenden
       Verhandlungsrunde zur Wirtschaft. Hier ist es die Linke, die vorab Stimmung
       gemacht hat. Es brauche eine Landespolitik, die sich der Aufrüstung
       entgegenstelle, hatte Landeschef Herbst zu Beginn der Verhandlungen
       erklärt.
       
       Herbst bittet am Dienstag auf taz-Nachfrage um Verständnis, dass er
       „unmittelbar in den Verhandlungen keine öffentlichen Forderungen“ erheben
       wird. Aber der Standpunkt sei unverändert: „Die zunehmende Militarisierung
       der Gesellschaft, hohe Profite von Rüstungskonzernen und die Rückkehr zur
       Wehrpflicht lehnen wir entschieden ab.“
       
       Was davon bleibt, wird sich in wenigen Tagen zeigen. Nicht zuletzt
       Ministerpräsidentin Schwesig hat bislang jedenfalls noch jeden
       Bundeswehrauftrag für eine Werft im Land als Jobwunder erster Güte
       gepriesen. Es ist auch nicht erkennbar, dass sie aus Liebe zur Linken von
       dieser Linie abweichen wird.
       
       20 Oct 2026
       
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