# taz.de -- Schwesigs SPD-Wahlkampf in Meck-Pomm: Mit dem Wahlvolk kann sie
       
       > Manuela Schwesig kämpft in Mecklenburg-Vorpommern um jeden Prozentpunkt
       > und rückt der AfD auf die Pelle. Gefährlich wird sie damit auch für die
       > CDU.
       
 (IMG) Bild: Schwesig tingelt durch alle 36 Wahlkreise. Im August machte sie Wahlkampf in Schwerin
       
       Zwei Dutzend Menschen waren zum Bürgergespräch mit Manuela Schwesig
       gekommen. Darunter ein Mann in Jeansjacke aus Bad Doberan. „Erst mal ein
       Riesenkompliment für Ihre tolle Arbeit. Sie könnten Kanzlerin sein.“ Die
       Ministerpräsidentin sagte lächelnd: „Danke.“ Dann setzte sie nach: „Wir
       haben ja schon einen Kanzler. Mein Platz ist in Mecklenburg-Vorpommern.“
       
       Zwei Jahre ist das her. Damals unterstützte Schwesig die Brandenburger
       Parteifreunde im Wahlkampf. Der Kanzler kam von der SPD. Heute kämpft
       Schwesig um ihr Amt als Ministerpräsidentin – und gegen den Niedergang
       ihrer Partei.
       
       Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass sie diese Wahl gewinnt. Punkt um
       Punkt robbt sich die SPD an die AfD heran. Einige hoffen, dass Schwesig
       dann auch die SPD rettet. Und sie vielleicht wieder ins Kanzleramt führt?
       Es gibt auch gute Gründe, die dagegensprechen. [1][Die AfD liegt in
       Mecklenburg-Vorpommern in Umfragen seit Monaten vorn.] Die SPD ist im Bund
       auf 12 Prozent abgerutscht. Eine Wahlverliererin als Kanzlerkandidatin kann
       sich die SPD kaum leisten.
       
       Manuela Schwesig wischt Personaldebatten beiseite wie lästige Fliegen: „Wer
       mich kennt, weiß, dass ich mich auf das konzentriere, was ich gerade tue.“
       Ihr Ziel sei es, die SPD zur stärksten Kraft zu machen und für die nächsten
       fünf Jahre Ministerpräsidentin zu bleiben.
       
       ## Ein Wahlkampf wie eine Radtour
       
       Das Gespräch mit ihr findet fünf Wochen vor der Wahl in einem ehemaligen
       Gutshaus in Lübtheen statt. Etwa 150 Menschen wollen dort mit ihr im Garten
       diskutieren. Die taz hat 25 Minuten, bevor Till Backhaus, Wahlkreiskandidat
       und Landwirtschaftsminister, sie zur Vorbesprechung abholt. „Siehst ein
       bisschen blass aus, Mädchen“, sagt er. – „Findet ihr? Soll ich mich noch
       mal ein bisschen schminken?“, wendet Schwesig sich an ihre
       Wahlkampfmanagerin. Die beruhigt: „Nein, du siehst aus wie immer. Genug
       Farbe.“
       
       Ein klein wenig geschafft sieht sie schon aus. Der Wahlkampf gleicht einer
       Radtour bei stetigem Gegenwind mit schwerem Gepäck. Traditionell dominiert
       bei Landtagswahlen die Landespolitik. Doch das schlechte Ansehen der
       Bundesregierung und ihre ungeliebten Reformen beschweren die örtlichen
       Wahlkämpfer:innen. Den sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Sven
       Schulze hat es eine Woche zuvor aus dem Sattel geworfen.
       
       Schwesig versucht, noch rechtzeitig Ballast abzuwerfen. Sie wettert seit
       Wochen gegen die Politik der Bundesregierung. „Herr Merz will die
       abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren abschaffen. Wenn Du das nicht willst,
       dann unterstütze mich“, postet sie. Seit dem Sieg der AfD in Magdeburg hat
       sie ihre Strategie zugespitzt. „Ich bin Eure Frau gegen Blau.“ Schwesig
       setzt alles auf eine –ihre –Karte. Tingelt durch alle 36 Wahlkreise, sucht
       das Gespräch.
       
       „Ich kämpfe gern“, sagt sie der taz. Anders als Schulze, der Slalom fuhr,
       haben Schwesig und die SPD den Kurs früh abgesteckt und drei Leitplanken
       gesetzt: Wirtschaft, Familie und Zusammenhalt. „Die Leute gucken nicht nach
       großen Überschriften, sondern ob sich was für sie im Alltag verbessert“,
       sagt sie und beißt in eine Waffel. Sie verspreche nichts, was sie nicht
       halten könne.
       
       ## Klarer Fokus, klare Rolle, klare Farbwahl
       
       „Das Volksbegehren für die Halbierung der Gruppengröße in Kitas finde ich
       als Mutter super, aber es ist nicht bezahlbar.“ Deshalb habe sie sich mit
       der Initiative auf einen realistischen Plan geeinigt, wie man die Gruppen
       in den nächsten Jahren halbieren könne. Sie will glaubwürdig bleiben. Dazu
       gehört auch: „Bei uns in MV fallen Partei- und Regierungsarbeit nicht so
       weit auseinander.“
       
       Klarer Fokus, klare Rolle, klare Farbwahl. Als Ministerpräsidentin tritt
       Schwesig gern im blauen Hosenanzug auf. In Lübtheen erscheint die
       Spitzenkandidatin ganz in Rot wie auf dem Krönungsparteitag im Juni in
       Wismar. Dort betrat sie die Bühne in weißen Sneakern mit rotem Schriftzug:
       „SPD“. Eine Sonderanfertigung. Sie und ihr Team überlassen nichts dem
       Zufall. Schwesig schunkelte zum Ostseewellenlied, die Parteiprominenz hatte
       mitzuschunkeln. „Wo ist denn mein Bürgermeister aus Wismar? Hopp, hopp auf
       die Bühne!“, rief sie. Schwesig wollte mal Erzieherin werden, man kann sich
       das gut vorstellen.
       
       Mit einer Gegenstimme wählten die Delegierten Schwesig zur
       Spitzenkandidatin. Die Debatte über das Regierungsprogramm flutschte so
       glatt wie ein Hering in der Ostsee. „Bisschen wenig innerparteiliche
       Demokratie“, murmelte mancher hinter vorgehaltener Hand.
       
       Ihren Landesverband mit 3.000 Mitgliedern hat Schwesig fest im Griff. Die
       Liste ist erst spät aufgestellt worden. Wer sich vorab kritisch geäußert
       hatte, ist hinten gelandet. „In Mecklenburg-Vorpommern genießt sie den
       Status einer Königin“, sagt der Linke-Bundestagsabgeordnete Dietmar
       Bartsch, der aus Mecklenburg-Vorpommern kommt. „Die SPD und das Land leben
       auch davon, dass Schwesig so stark ist.“ SPD und Linke regieren seit fünf
       Jahren zusammen, die Rollenverteilung sei klar. „Sie ist die Köchin.“
       
       ## Mit 29 erst zur SPD
       
       Aufgewachsen ist Schwesig im brandenburgischen Seelow. Mit ihrem Mann zog
       sie zur Jahrtausendwende nach Schwerin, wo sie als Steuerfahnderin
       arbeitete. Zur SPD kam sie erst mit 29 Jahren. Thomas Haack war damals
       Mitglied der SPD-Fraktion in der Stadtvertretung von Schwerin. In sein
       Anwaltsbüro sei eines Nachmittags eine Mitarbeiterin der SPD gekommen mit
       den Worten: „Da wartet ein Paar, das interessiert sich für die SPD. Kann
       mal jemand mit denen reden?“ Das tat er.
       
       Selbstbewusst sei Schwesig aufgetreten, erzählt Haack. „Sie, als Neuling,
       hat den alten Hasen erklärt, was die SPD will.“ Nur ein Jahr nach ihrem
       Parteieintritt zog Schwesig als Abgeordnete ins Schweriner Stadtparlament
       ein. Haack wurde Fraktionsvorsitzender, sie seine Stellvertreterin. „Ihr
       Anspruch an unsere gemeinsame Arbeit war sehr hoch“, erinnert er sich. „Sie
       war eine unglaubliche Telefoniererin, sie hat die Leute so lange
       bequatscht, bis sie hatte, was sie wollte“, berichtet Haack am Telefon. Sie
       habe auf jedes Detail geachtet. Haack erzählt von einem Lehrgang für
       Kommunalvertreter:innen. Am Abend stand ein „Kamingespräch“ mit einem
       Landrat auf der Tagesordnung. Schwesig habe einen kleinen, mit einer Kerze
       beleuchteten Kamin besorgt, der traulich flackerte.
       
       Spricht man mit Menschen aus ihrem Umfeld, sagen diese, Schwesig sei
       diszipliniert, durchsetzungsstark, ehrgeizig und eine „krasse“
       Verhandlerin. „Alles gute Attribute“, sagt Schwesig der taz. „Ich finde
       nichts Schlimmes daran.“ Sie sei eine harte Verhandlerin, ja. „Aber mir
       geht’s um die Sache. Ich will etwas bewegen.“ Ist sie eine
       Machtpolitikerin? Sie holt Luft. „Wenn man darunter versteht, dass ich die
       Möglichkeiten, die ich habe, nutze, um was durchzusetzen, ist das richtig.“
       
       Kostenlose Kinderbetreuung, wachsende Wirtschaft, ein Rufbussystem – in
       Lübtheen zählt Schwesig ihre Erfolge auf. „Alles, was wir versprochen
       haben, haben wir umgesetzt.“ Die Rufbusse sind so gut ausgelastet, dass an
       diesem Abend kein einziger mehr zu buchen ist.
       
       ## Kontroverse Fragen erlaubt
       
       Als es in Lübtheen zu regnen beginnt, schlüpft sie unter den Regenschirm
       einer Frau. „Ich darf doch?“ – „Rücken Sie ran“, sagt diese und lacht. Mit
       dem Wahlvolk kann Schwesig. Während sie Journalist:innen auch mal
       bohrend in die Augen schaut, wenn die ein sensibles Thema wie eine
       abgesagte Talkrunde ansprechen, ist den Bürger:innen jede noch so
       kontroverse Frage erlaubt.
       
       Ihn störe das Wort Brandmauer, sagt ein Mann mit Schiebermütze. „Das sind
       doch nicht alle Radikale.“ Er sei mal für die CDU aktiv gewesen und
       überlege jetzt, ob er nicht die Blauen wähle. Schwesig findet es richtig
       gut, dass er das anspricht. „Klar, müssen wir mit AfD-Wählern reden und uns
       um ihre Themen kümmern.“ Aber eine Zusammenarbeit mit der Partei, die sich
       nicht von radikalen Kräften distanziert? „Jemandem, dem man Hausverbot
       erteilt hat, gibt man doch nicht den Schlüssel.“ Der Mann bedankt sich für
       die offenen Worte. „Ich bereue es nicht, hergekommen zu sein.“
       
       Intern ist Schwesigs schärfstes Schwert die Telefonschalte. „Ihre
       politischen Erfolge sind das Resultat von ganz viel Kommunikation“, meint
       Julian Barlen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Schweriner Landtag gehört zu
       ihrem engen Kreis hoch loyaler Vertrauter. Sie alle sind bereit, Tag und
       Nacht Probleme wegzuräumen. Zwei große Krisen haben sie zusammen
       gemeistert. Im September 2019 erhielt Schwesig die Diagnose Brustkrebs. Da
       war sie zwei Jahre als Ministerpräsidentin im Amt, das sie von ihrem an
       Krebs erkrankten Vorgänger übernommen hatte. Sie selbst blieb, organisierte
       Regierung und Alltag rund um die Chemo. Inzwischen ist sie geheilt. „Die
       Krankheit hat mich demütig gemacht und emotional gestärkt.“
       
       Nach der persönlichen Krise folgte 2022 die politische. Russland überfiel
       die Ukraine. Monate zuvor hatte Schwesig eine Stiftung mitgegründet, die
       unter dem Deckmantel des Klimaschutzes russisches Geld für den Weiterbau
       der Gaspipeline Nord Stream 2 besorgte. Vier Jahre lang widmete sich ein
       Untersuchungsausschuss im Landtag der Stiftung und Schwesigs Rolle darin.
       [2][Der Vorwurf, sie habe im russischen Interesse gehandelt, ließ sich
       nicht belegen.]
       
       ## Im inneren Machtzirkel der SPD
       
       Viele Beobachter waren sich dennoch einig, dass Schwesig die Affäre so
       stark geschadet habe, dass sie in Berlin niemals eine Rolle spielen werde.
       Das Gegenteil ist der Fall.
       
       Sie gehört zum inneren Machtzirkel der SPD, hat einen engen Draht zu
       Parteichef Lars Klingbeil. Seit 2013 hat sie jeden Koalitionsvertrag
       mitverhandelt, bestens präpariert mit Zahlen und Forderungspapieren, die
       sie vorab verteilte. In Berlin ist keine andere Ministerpräsident:in
       so präsent wie sie.
       
       Was würde sie dem Mann aus Bad Doberan heute antworten? „Dasselbe wie
       damals: Ich konzentriere mich auf Mecklenburg-Vorpommern.“ Aber ein
       Parteifreund ist überzeugt: „Schwesig wird sich nicht damit zufriedengeben,
       nur Ministerpräsidentin zu sein.“ Der Kanzler kann sich warm anziehen.
       
       13 Sep 2026
       
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