# taz.de -- Linkspartei in Mecklenburg-Vorpommern: „Wir sind doch alle nicht dafür, Streit zu haben“
> Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern präsentiert sich als konstruktive
> Mitregierpartei. Ihre Spitzenkandidatin ist Pragmatikerin durch und
> durch.
(IMG) Bild: Mission Zweistelligkeit: Spitzenkandidatin Simone Oldenburg (links) und Bundeschefin Ines Schwerdtner im Wahlkampf
Simone Oldenburg, die Spitzenkandidatin der Linken für die Landtagswahl in
Mecklenburg-Vorpommern, will lieber kein konkretes Wahlziel ausgeben. Nur
so viel: „Über eine Zweistelligkeit würde ich mich sehr freuen.“ In den
letzten Umfragen kommt die Linke auf 9 bis 11 Prozent. Da dürfe an diesem
Sonntag noch „das ein oder andere Pünktchen“ hinzukommen. Dann sei das doch
gut.
Vor fünf Jahren holte die Partei 9,9 Prozent, ihr historisch schlechtestes
Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern. Trotzdem regiert sie seither als
kleiner Partner [1][an der Seite der SPD von Ministerpräsidentin Manuela
Schwesig] mit. Oldenburg selbst ist Bildungsministerin des Landes. Mit
Jacqueline Bernhardt stellt die Linke zudem die Justizministerin.
Kritiker:innen – auch in der Linken – monieren, die Partei habe es in
den vergangenen fünf Jahren kaum geschafft, eigene Akzente zu setzen. Eine
Regionalzeitung verlästerte sie deshalb als Schwesigs „Wackeldackel“. Soll
heißen: Die Chefin Schwesig gibt den Ton an, die Linke folgt brav.
„Das ist Quatsch“, sagt Oldenburg zur taz. „Wir waren und sind
gleichberechtigt in der Koalition.“ Und ohne die Linke hätte es viele
soziale Erfolge nicht gegeben. Etwa im Bildungsbereich, wo an den Schulen
1.500 zusätzliche pädagogische Fachkräfte eingestellt worden seien. Oder
der Frauentag am 8. März, der nun gesetzlicher Feiertag ist. Oder das
Senioren- und Azubiticket: „Das sind alles Elemente mit einer besonders
starken linken Handschrift.“
## Die Pragmatikerin
Wie fast alle führenden ostdeutschen Linken ist auch Simone Oldenburg
Realpolitikerin durch und durch. Das stellt in Mecklenburg-Vorpommern nicht
mal der politische Gegner infrage. CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters
[2][holzte im taz-Interview zwar gegen die Linke], was das Zeug hält. Die
Partei suche „ihr Heil in der Radikalität“, weshalb er sie „als
Verdachtsfall für den Verfassungsschutz“ betrachte. Nur: „Die
Spitzenkandidatin Simone Oldenburg ist sicherlich eine Pragmatikerin.“
Früher, als es ihn noch gab, gehörte Oldenburg zum Reformerflügel der
Linken. Deren Führungsfigur kam ebenfalls aus Mecklenburg-Vorpommern und
hieß Dietmar Bartsch. Oldenburg trat hier in gewisser Weise Bartschs
Nachfolge an. „Jetzt hat Simone das Sagen“, heißt es aus dem Landesverband.
Auf die Koalition mit der SPD lässt die 57-jährige Lehrerin aus der Nähe
von Wismar nichts kommen. „Wir haben mit einer sehr ruhigen und
konstruktiven Hand regiert.“ Dazu gehöre auch, dass Kompromisse intern
erstritten wurden. „Aber das regeln wir reibungslos.“ Ohne Streit.
Oldenburg sagt: „Wir sind doch alle nicht dafür, Streit zu haben. Streit
lähmt. Erst recht in einer Regierung.“
Hennis Herbst, seit zwei Jahren Linken-Landeschef, berichtet seinerseits
von Regierungsrunden, „in denen wir sehr wohl hart miteinander ringen“. Mit
Schwesigs SPD sei ja auch „nicht alles selbstverständlich hier, was wir als
Linke durchsetzen wollen“. Allerdings verlasse das in der Regel nicht den
Raum, so Herbst zur taz. Bei Haustürgesprächen bekomme er gespiegelt, dass
das auch bei den Wähler:innen gut ankommt: „Endlich mal eine Regierung,
die sich nicht die ganze Zeit beharkt.“
Öffentlich ausgetragene Konflikte sind tatsächlich rar. So echauffierte
sich die Linke 2024 mal nach einem Besuch von Schwesig in der Ukraine. Die
Ministerpräsidentin hatte im Anschluss erklärt, das von Russland
überfallene Land müsse den Krieg gewinnen. Teile des Koalitionspartners
waren daraufhin auf den Bäumen, weil: „Ein ‚Sieg‘ bedeutet zwangsläufig
Schmach für den Besiegten.“ Man hätte erwartet, „dass sich die
Ministerpräsidentin einer aktiven Friedenspolitik verpflichtet sieht“.
## Krieg und Frieden
Überhaupt Krieg und Frieden. [3][Die Landesverbände in Westdeutschland und
im ebenfalls wahlkämpfenden Berlin] mögen sich in außenpolitischer Hinsicht
an Gaza und „Genozid“ abarbeiten. In Mecklenburg-Vorpommern spielt das
Thema so gut wie keine Rolle. „Die Partei tut sich ja auch keinen Gefallen
damit“, sagt Simone Oldenburg. „Es geht doch hier um Sachen, die wir gar
nicht zu entscheiden haben.“ Was ein „Genozid“ sei, „entscheidet das
Völkerrecht, das entscheidet keine Partei“.
Im Nordosten ticken die linken Uhren anders. Auf Landesparteitagen wird von
einer kleinen, aber lauten Gruppe daher wie ehedem gegen „Russophobie“, den
„Sumpf des bürgerlichen Bellizismus“ oder „die kleinen Giftzwerge der
baltischen Staaten“ gewettert.
Die Vorwürfe richten sich dabei auch direkt gegen Simone Oldenburg. Ihr
wird bis heute nachgetragen, dass sie als Teil der rot-roten
Landesregierung im März 2025 im Bundesrat für die Aufweichung der
Schuldenbremse gestimmt hat, was unbegrenzte Rüstungskredite ermöglichte.
Die Berliner Linksjugend rief damals dazu auf, Oldenburg aus der Partei zu
schmeißen, weil die Zustimmung dem „Kampf für den Sozialismus“ geschadet
habe. Dass die Lockerung der restriktiven Schuldenregelung nicht nur das
Sondervermögen für die Bundeswehr betraf, sondern auch den Ländern
finanziell etwas mehr Beinfreiheit verschaffte – alles egal.
Ein gegen Oldenburg beantragtes und sich über ein Jahr hinziehendes
Parteiausschlussverfahren ist mittlerweile zwar vom Tisch. In dieser Zeit
habe sie aber mit ihrer Partei durchaus gehadert, so die Spitzenkandidatin.
„Der Ton, die Art und Weise, der Umgang: Das hat mich total verletzt.“
Viele Kritiker:innen wollten „gar nicht zuhören, sondern waren
vollkommen fertig in ihrem Urteil“.
## „Ein vergiftetes Geschenk“
Heute, sagt Simone Oldenburg, würde sie sich im Bundesrat anders
entscheiden: „Dass wir dafür gestimmt haben, war nicht richtig. Das war ein
vergiftetes Geschenk.“ Es habe zu wenig Zeit für Abwägungen gegeben. Und
letztlich sei es auf die Stimmen Mecklenburg-Vorpommerns auch gar nicht
angekommen. Oder wie Linken-Chef Hennis Herbst sagt: „Das Geld wäre ja
ohnehin da.“
Unbestreitbar ist, dass das strukturschwache Bundesland das Geld gut
gebrauchen kann. Durch die Reform der Schuldenbremse dürfen in den
kommenden Jahren Kredite in Höhe von 1,92 Milliarden Euro aufgenommen
werden. Schwesigs SPD stellt das in ihrem Programm auch groß ins Fenster
und untermauert damit ihr Versprechen einer „gestärkten, aktiven
Investitionspolitik“.
Auch die Linke will überall investieren. Dass die jährlichen
Millionenbeträge hierfür unter anderem über den seinerzeitigen
Bundesratsbeschluss verfrühstückt werden können, lässt sie in ihrem
Programm freilich unerwähnt. Das Geld ist ja da. Also richtet sich der
Blick der Partei beim Thema Finanzen auf das große Ganze: die
Komplettabschaffung der Schuldenbremse. „Das war schon immer unsere
Position“, sagt Landeschef Herbst.
17 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwesigs-SPD-Wahlkampf-in-Meck-Pomm/!6211546
(DIR) [2] /CDU-Chef-Daniel-Peters-Die-Linkspartei-ist-ein-Fall-fuer-den-Verfassungsschutz/!6180502
(DIR) [3] /Nahostkonflikt-und-Linke-in-Berlin/!6208815
## AUTOREN
(DIR) Rainer Rutz
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Die Linke
(DIR) Rot-Rot
(DIR) Manuela Schwesig
(DIR) Friedenspolitik
(DIR) GNS
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