# taz.de -- Sozialproteste in Rom: Italiens Vorstadtjugend kocht vor Wut
> Auch Italien erlebt eine Welle der Gewalt. Dem wenig zielgerichteten
> Protest der Jugend haben sich Gewerkschaften und Lkw-Fahrer
> angeschlossen.
(IMG) Bild: Rom, 16. Oktober: Studierende protestieren gegen die italienische Bildungspolitik
Großdemonstrationen, Ausschreitungen, Tränengas- und Wasserwerfereinsätze
der Polizei, geplünderte Läden und abgefackelte Müllcontainer, Hunderte
Festnahmen: Am Freitag, Samstag und Sonntag erlebte Italien gleich an drei
Tagen in Folge eine Welle des Protestes, der – [1][wie in Frankreich] –
immer wieder auch in Gewalt umschlug.
Am Ende standen 270 Festnahmen. 80 Prozent der Festgenommenen seien
Minderjährige, hieß es aus den Reihen der Polizei, die jüngsten seien bloß
12 Jahre alt und damit nicht einmal strafmündig. Dass hier nicht
politischer Protest im engeren Sinn, sondern das soziale Problem der
Vorstadtjugend hochkocht, liegt auf der Hand. Dennoch möchte die
Rechtsregierung unter Giorgia [2][Meloni die Krawalle allzu gern ins
übliche Rechts-links-Schema pressen] und fordert lautstark von der
Linksopposition, sie solle sich „von der Gewalt distanzieren“, obwohl die
das umgehend getan hatte. Am Montag hatte Meloni auch ihr Kabinett
einberufen, um die Lage zu beraten. In Italien stehen im kommenden Jahr
Wahlen an.
Den Auftakt bildeten am Freitag zunächst Demonstrationen von
Schüler*innen in ganz Italien; linke Schülerorganisationen hatten zum
„No-Meloni-Day“ aufgerufen, um gegen die anstehende kräftige Erhöhung des
Verteidigungsetats bei fortdauernder Unterfinanzierung des Schulwesens zu
protestieren. Die meisten dieser Demos, an denen auch Eltern und
Lehrer*innen teilnahmen, verliefen friedlich. Doch in Turin suchte eine
Gruppe vermummter Demonstrant*innen vor der Präfektur den Zusammenstoß
mit der Polizei, während in Bologna ein kleiner Teil der
Demonstrant*innen in den Bahnhof vorzudringen suchte – und vorneweg vom
Gros der friedlichen Demonstrant*innen daran gehindert wurde. In Rom
wiederum warfen ins übliche Schwarz Gekleidete Knallkörper und Steine auf
das Bildungsministerium.
## Protest gegen steigende Wehrausgaben
Für Samstag wiederum hatte Italiens größter Gewerkschaftsbund CGIL
gemeinsam mit zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen zu einer
Großdemonstration in Rom mit Zehntausenden Teilnehmer*innen aufgerufen,
gegen die Kaufkraftverlust bei den Einkommen und weitere Kürzungen im
Sozialstaat bei steigenden Wehrausgaben. Hier blieb die Lage friedlich,
weil der Ordnungsdienst der Gewerkschaft die Situation im Griff hatte.
Ganz anders waren dagegen am selben Tag die Bilder aus Mailand und anderen
norditalienischen Städten. Dort hatte in sozialen Medien die bisher völlig
unbekannte Initiative „Italia in piazza“ zum Protest „gegen die Teuerung
und die Kraftstoffkosten“ aufgerufen. In Mailand kamen etwa 5.000 Menschen
zur Demo zusammen, über ihren Köpfen wehten keine roten, sondern einige
italienische Fahnen. Es war keine klassische linke Demo, und auch die etwa
500 Jugendlichen, die sich bald vom Demo-Zug abspalten sollten, waren zwar
großteils komplett in Schwarz gekleidet, lassen sich jedoch kaum als
„Schwarzer Block“ bezeichnen.
Mitten im Zentrum Mailands gingen sie zur Sache, attackierten auf dem
Domplatz die Polizei, zogen dann randalierend durch die Straßen rund um den
Dom. Doch mit dem Spektrum der besetzten Autonomen Zentren haben sie nichts
zu tun. Durch die Bank handelte es sich um Kids aus den Stadtrandvierteln
Mailands und aus kleineren Städten des Umlands. Viele von ihnen – aber
beileibe nicht alle – stammen aus migrantischen Familien. Zu
Ausschreitungen kam es am Samstag erneut auch in Turin; dort wurde der
Feltrinelli-Buchladen am Bahnhof verwüstet – eine Aktion, auf die man sich
politisch kaum einen Reim machen kann.
## Schuh- und Sportläden wurden häufig geplündert
Eine weitere Eskalationsstufe wurde dann am Sonntag in Mailand erreicht.
Niemand hatte für den Tag offiziell zu weiterem Protest aufgerufen. Dennoch
kamen am Nachmittag erneut Hunderte Jugendliche im Zentrum zusammen; sie
hatten sich nach Berichten der italienischen Medien über Tiktok und
Instagram koordiniert. Die erste Aktion war die Plünderung eines
Supermarkts. Danach zogen die Randalierer in kleinen Grüppchen durch die
Stadt, schlugen die Schaufenster zahlreicher Läden ein: Vor allem Geschäfte
für Sportkleidung und -schuhe wurden geplündert. Bis spät in den Abend
hinein lieferten sie sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.
Doch die Proteste im Norden des Landes sind nicht Melonis einziges Problem.
Im Süden, von Sizilien über Kalabrien und Apulien bis zum Großraum Neapel
in Kampanien, sind Hunderte LKW-Fahrer in den Ausstand getreten und haben
am Sonntag erste Autobahnabschnitte blockiert. Sie klagen Regierungshilfen
angesichts des exorbitanten Dieselpreises ein – und in zahlreichen
Supermärkten des Südens leeren sich bereits die Auslagen, weil Waren ihr
Ziel nicht mehr erreichen.
19 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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