# taz.de -- Wut in der Bevölkerung: Wer zu spät kommt …
       
       > Wer sich abgehängt fühlt, ist nicht resilient genug und fällt leicht den
       > Rechten in die Hände. Eine Regierung, die das nicht begreift, fördert
       > Wut.
       
 (IMG) Bild: Wut und Erschöpfung in der Einkaufspassage
       
       Unter den Denksprüchen, die es beinahe zu Aphorismen brachten, war mir
       [1][Adornos] Bemerkung stets eine der liebsten: Häufig werde behauptet,
       „dass nur der Kritik üben könne, der etwas Besseres anstelle des
       Kritisierten vorzuschlagen habe“. Und: „Durch die Auflage des Positiven
       wird Kritik von vornherein gezähmt und um ihre Vehemenz gebracht.“ Wer sich
       gegen die neuen Faschisten wendet und deren Anstachelung zu Hader und
       Gewaltfantasien, gegen das Schüren von Affekten und mobilisierenden
       Leidenschaften, unterliegt weder einer politischen Verpflichtung noch einem
       intellektuellen Gebot, gleich die Lösung zu präsentieren.
       
       Gewiss ist es nicht damit getan, unsere Wirklichkeit in gebotener Schärfe
       und möglichst präzise zu beschreiben, aber die radikale Kritik, die
       zunächst einmal nichts anderes ist als schonungslose Kritik, hat ihre
       eigene Berechtigung. Allein schon deshalb, weil der zweite Schritt, wie man
       aus der Malaise herauskommt, den ersten Schritt zwingend voraussetzt,
       nämlich die Malaise zu verstehen.
       
       Repräsentationslücken und das Gefühl, nicht mehr vertreten zu sein, machen
       Menschen für ultrarechte Narrative empfänglich, Angst und
       Abstiegserfahrungen verstärken diese Empfänglichkeit. Wer in den Sog gerät,
       wird durch die stündlichen Bombardements mit diesen Narrativen verwandelt
       und im Extremfall in [2][paranoide Revanchelust und Rachefantasien]
       hineinagitiert. Ist eine Gesellschaft davon vollends befallen, verbreitet
       sich das Gift in allen Kapillaren.
       
       Den Boden dafür hat die Kampfesstimmung bereitet, in die die neoliberale
       Ego-Ideologie unsere Gesellschaften versetzt: Wenn die Welt als eine Arena
       des „jeder gegen jeden“ beschrieben und Solidarität zersetzt wird, dann
       macht sich ein Kult der Härte breit. Die alte Redensart, dass der, der vom
       Kapitalismus nicht reden wolle, besser auch vom Faschismus schweigen
       sollte, war zwischenzeitlich arg zur Plattitüde verkommen – hier aber
       behauptet sie ihre Richtigkeit.
       
       ## „Positive Individualisierung“
       
       Die „positive Individualisierung“ auf den oberen Sprossen der
       gesellschaftlichen Leiter spiegelt sich in den darunterliegenden Geschossen
       als depressive Individualisierung: als Gefühl, alleingelassen zu sein. In
       jener Formulierung, die man von Detroit bis Gelsenkirchen, von East London
       bis Halle an der Saale überall auf nahezu wortgleiche Weise hört: „Ich
       kümmere mich nur mehr um mich selbst.“ Sie wird nicht stolz, nicht im Sound
       modernistischer „Eigenverantwortlichkeit“ vorgetragen, sondern im Ton des
       Fatalismus. „Wandel“ bedeutet oben, dass man ein Start-up gründen kann, und
       unten, dass man entlassen wird.
       
       Wo sich Fatalismus und Negativismus ausbreiten, wachsen Zorn und
       berechtigte Wut. Meinungsforscher wissen, dass viele Menschen heute wütend
       sind, weit über den Kreis der Wähler und Wählerinnen der Rechtsextremen
       hinaus. Was die Anhänger des Rechtsextremismus von den anderen
       unterscheidet, ist, dass die Wut, das Ressentiment, die Rage Ersteren zur
       zweiten Natur geworden sind.
       
       Aber es gibt auch den anderen Zorn. Viele Menschen fühlen sich bedroht. Und
       sie fühlen sich schutzlos. Wenn die Miete 30 Prozent höher ist als vor fünf
       Jahren. Wenn man sowieso keine bezahlbare Wohnung mehr bekommt. Wenn das
       Investorengesindel die Bewohner*innen aus ihren Städten vertreibt. Wenn
       der Einkauf um 30 Prozent teurer wird, wenn man weiß, die Klimakatastrophe
       wird die Lebensgrundlagen untergraben. Es wächst das Potenzial zu einem
       Widerstand – und an vielen Orten artikuliert sich dieser Widerstand.
       
       Er artikuliert sich in Selbstverteidigung, in Aufruhr, in Aufständen, in
       Nachbarschaftsaktionen, in lautem und in leiserem Aufbegehren gegen die
       rechte Erziehung zur Grausamkeit, gegen die Plünderer, die neuen Faschisten
       und die Oligarchen, gegen die Endzeitpropheten und die skrupellosen
       Techbosse, die uns und unseren Kindern die Zukunft stehlen. Der Ruf dieses
       Aufbegehrens klingt schon leise im Ohr: „Ihr werdet uns unsere Zukunft
       nicht stehlen.“
       
       ## Was solidarische Gesellschaften zusammenhält
       
       Der US‑Soziologe Eric Klinenberg hat vor einigen Jahren in seinem Buch
       „Palaces for the People“ beschrieben, was solidarische Gesellschaften
       zusammenhält. Ausgangspunkt seiner Studien war eine außergewöhnliche
       Hitzewelle in Chicago in den neunziger Jahren, die zu extremer
       Übersterblichkeit führte. Auf den ersten Blick schien alles den erwartbaren
       Mustern zu folgen: In den Reichenvierteln war die Übersterblichkeit gering,
       in den Armenvierteln war sie dramatisch.
       
       Aber sobald er sich die Daten genauer ansah, stellte er fest: In manchen
       Armenvierteln war die Übersterblichkeit krass, in anderen wiederum
       überhaupt nicht nachweisbar. Und diese Differenz machte ihn neugierig. Bald
       stellte Klinenberg fest: Die Resilienz, die Fähigkeit, sich wechselseitig
       zu helfen, war in jenen unterprivilegierten Gegenden hoch, in denen die
       soziale Infrastruktur funktionierte. In denen es lokale Geschäfte gab, in
       denen sich die Menschen kannten. In denen es soziales Vertrauen gibt, in
       denen man um Hilfe bittet oder sich auch um andere kümmert. Wo die soziale
       Infrastruktur nicht funktionierte, starben die Menschen allein daheim.
       
       Zur funktionierenden sozialen Infrastruktur zählen öffentliche
       Bibliotheken, schöne Parks und Spielplätze, also alle möglichen
       Gemeinschaftsorte, an denen sich Menschen mit unterschiedlichem Status und
       verschiedener Herkunft, Lebensart, Kultur treffen. Wenn es solche Orte
       gibt, funktioniert die Gemeinschaft. Wenn es solche nicht gibt, leidet sie.
       
       Wo es schöne öffentliche Bibliotheken gibt, lebt man länger. Soziale
       Infrastruktur ist nicht nur materiell, sie ist vor allem immateriell, denn
       sie verdichtet sich in den sozialen Fäden, die zwischen den Menschen
       geknüpft werden. [3][Arbeit am Gemeinwesen] muss auch die aktivistische
       Gegenwehr fördern, zum Aufbegehren anstacheln, der Wut eine Stimme geben.
       Sie darf also nicht reine Sozialarbeit sein. Wer das zu spät begreift, den
       bestraft das Leben.
       
       21 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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