# taz.de -- Festival im Hebbel am Ufer: Die Herzensbrecher
> Das Berliner Performancefestival Love is a Verb setzte sich mit der Kraft
> der Liebe auseinander. Die Stücke gaben Einblick in neue Formen von
> politischem Theater.
(IMG) Bild: Schonungslos offen: Rébecca Chaillons und Sandra Calderans Performance „Der Lesbengarten“
Über dem Eingang des HAU 1 hängt Anfang Oktober ein riesiges Stoffbanner.
Es zeigt eine Frau, die mit ihrem Schwert einen Drachen tötet. Die
Illustration stammt von der afghanischen Künstlerin Kubra Khademi, die
einen persischen Mythos feministisch umgedeutet hat: Der männliche
Drachentöter wird zur Kämpferin, die sich patriarchaler, religiöser und
politischer Gewalt entgegenstellt und damit die Stoßrichtung von [1][Love
is a Verb am Berliner Theater Hebbel am Ufer] vorgibt. Laut dem Motto der
zweiten Festivalausgabe „We, the Heartbroken“ geht es darin um Herzschmerz
und Liebeskummer, aber über den persönlichen Verlust hinaus. Die Frage
lautet: Wie kann man in Zeiten von rechten Angriffen, Krieg und Klimakrise
handlungsfähig bleiben? Um dies zu ergründen, hat das Orgateam
Künstler*innen aus der ganzen Welt eingeladen.
Eine der berührendsten Arbeiten kommt von der eingangs erwähnten Kubra
Khademi, die nicht nur malt, sondern auch töpfert und als Performerin
auftritt. In ihrer Installation „Afghan Women“, die sie zusammen mit dem
französisch-afghanischen Filmemacher Mortaza Behboudi entwickelt hat, sieht
man Khademi im Hau 3 vor einer langen Essenstafel mit Rosen, getrockneten
Mohnkapseln und Keramik knien. Gefäße mit arabischer Schrift stehen da, aus
manchen Tellern ragen Brüste oder spitze rote Zungen. Khademi, die ein
Gewand aus Organza und lange offene Haare trägt, hält sich die meiste Zeit
im Hintergrund. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Film.
Durch die beiden Bildschirme an der Wand blickt man wie durch zwei Fenster
auf die Straßen von Kabul. Behboudi und sein Kamerateam haben drei Frauen
begleitet, die von ihrem Leben unter der Herrschaft der Taliban erzählen.
Da ist Laila, die Mädchen in ihrer Untergrundschule beibringt, wie sie aus
leeren Patronenhülsen Schmuck herstellen. Die ehemalige Lehrerin Narges,
deren Mann plötzlich verhaftet wurde, und Souhaila, die Rapperin. Ihre
Lyrics untermalen die bedrückenden Bilder. Statt der Gesichter der Frauen
sieht man Männer mit Maschinengewehren, Vogelkäfige, Schnee.
## Liebe und Menschlichkeit entgegensetzen
Zu Gast ist auch die Autorin Ece Temelkuran, die die Türkei 2016 aus Angst
vor Repressalien verlassen musste und seitdem über den Zerfall von
Demokratien und den Verlust von Heimat schreibt. Temelkuran sagt: „Die
Politik muss sich mehr um die Emotionen der Menschen kümmern.“ Wenn die
Rechten das Angstzentrum bedienen, müssten Linke ihnen Liebe und
Menschlichkeit entgegensetzen. Als gelungenes Beispiel nennt sie die
Politik von Mamdani und Eralp. Der Vorwurf des Antisemitismus sei für sie
ein Ablenkungsmanöver, um die Vergesellschaftung von Wohnungen zu
verhindern.
Bei „Cabaret Heartbreak“ wird es dann richtig voll. Vor der Tür unterhält
sich ein Pärchen, sie Katzenohrenmütze, er futuristische
Designerturnschuhe, angeregt auf Englisch. Ein paar Meter weiter bindet
sich eine junge Frau ihre Kufiya wie eine Schärpe um. Die Stimmung im
Publikum ist politisiert, aber nicht unfreundlich. Durch den Abend führen
Dragqueen Olympia Bukkakis, die in der Vergangenheit die Berliner
Israelpolitik kritisiert hat, und Schauspielerin Thelma Buabeng. Sie sind
schlagfertig und sehen glamourös aus. Vor allem das Kleid von Bukkakis, das
vorne aus Volants und hinten aus einem eng geschnürten Korsett besteht,
wird lautstark bewundert.
Thematisch sind die Kabarett-Nummern an die sieben Phasen der Trauer
angelehnt. Es wird geschwiegen, geschrien und gelacht. Mutig ist die
Performance „Buttox Antiphon“ von Aba Naia, bei der zwei nackte Hintern
miteinander streiten, Stichwort: Jede*r ist ein Arschloch. In einer
anderen Nummer erzählt der in Berlin lebende israelische Künstler Ariel
Efraim Ashbel die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Dessen Scheitern sei
Nobelpreisträgerin Toni Morrison zufolge ein großes Glück gewesen, weil es
die Menschen dazu gezwungen habe, sich mit ihrer Verschiedenartigkeit
auseinanderzusetzen.
Unterschiedliche Charaktere sind auch die beiden Performerinnen [2][Rébecca
Chaillon] und Sandra Calderan, die ihr autobiografisches Stück mit dem
Titel „Der Lesbengarten“ lose an [3][Tschechows berühmten „Kirschgarten“]
angelehnt haben. Nur wollen sie gerade nicht an der Vergangenheit
festhalten. Sie wollen eine Zukunft. Dafür baut Calderan im Hau 2 aus
Bauklötzen Häuser und holt Chaillon, die auch im echten Leben ihre Freundin
ist, mit einem Spielzeugtraktor ab. Später richten sich die beiden mit
einem Plattenspieler und Marienstatuen, die sie Dyke-Seeds nennen und
gießen, im Patchwork-Chaos häuslich ein. Dazu gehört für sie auch ein
Solidaritätsplakat mit Palästina. Ohne Kommentar klebt Calderan es an einen
Lautsprecher. Es scheint, als hat das Festival an gewissen Abenden eine
politische Schlagseite.
Rébecca Chaillon, die in einem Pariser Vorort aufgewachsen ist und deren
Vorfahren aus Martinique stammen, hat es mit ihren radikalen Performances
bis in die New York Times geschafft. Gegen den Einsatz von Putzmitteln auf
nackter Haut, wie in einer früheren Performance, wirken der hier
eingesetzte Tapetenkleister und die Blümchentapete geradezu harmlos. Später
wird es dann aber doch noch etwas heftiger, als sie sich mithilfe ihrer
Partnerin, die es nach eigener Aussage gar nicht so extrem mag, von einer
abgetrennten Rinderzunge lecken lässt. Die Anspielungen an diesem Abend
reichen von der feministischen Horrorstory „Die gelbe Tapete“ bis zur
Tradewife-Szene. Die Monologe sind von großer literarischer Qualität.
Bemerkenswert auch die schonungslose Offenheit der beiden Frauen und ihr
liebevoller Humor. Der Subtext: Auch queere Beziehungen sind nicht perfekt,
aber können unter Umständen das Zeug zur Utopie haben.
19 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anna Fastabend
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