# taz.de -- Georgische Theaterszene: Widerstand als eine Art des Glücks betrachten
       
       > Die Theaterszene in Tbilissi ist Teil der unermüdlichen Proteste gegen
       > die georgische Regierung. Eines ihrer Stücke ist ab Freitag in Berlin zu
       > sehen.
       
 (IMG) Bild: „Nothing Political“ aus Georgien im Hau
       
       Die Rustaveli-Avenue ist eine Matschgrube. Seit Juni wird Tbilissis
       Flaniermeile, die vom Freiheitsplatz an Parlament, Museen und
       Jugendstilpalästen vorbei bis zum Konzerthaus führt, einer mindestens
       viermonatigen Renovierung samt Komplettsperrung unterzogen. Das betrifft
       auch [1][die Proteste], die hier seit dem 28. November 2024 – dem Tag, an
       dem die prorussische KO-Regierung die Beitrittsverhandlungen mit der EU
       einstellte – allabendlich stattgefunden haben und den Regierenden ein Dorn
       im Auge sein dürften. Doch die inzwischen geschrumpften [2][Demos gehen
       trotzdem weiter], jetzt eben auf einer Alternativroute.
       
       Auch die [3][Theaterszene war und ist wichtiger Teil der Proteste].
       „Fraktur des fünften Mittelhandknochens. Fraktur des Nasenbeins und des
       Kiefers. Hämatome am Kopf und am ganzen Körper. Prellungen.
       Gehirnerschütterung. Mehrere Blutergüsse und Hämatome“, zählt ein
       Schauspieler das Resultat seiner Begegnung mit Polizeigewalt auf. „Nothing
       Political“ heißt sarkastisch das Stück, das Nikusha Bakradze, Magda
       Lebanidze, Tamri Okhikian, Davit Khorbaladze, Sandro Samkharadze und Sophia
       Zeragia gemeinsam geschrieben und inszeniert haben und auf der Bühne des
       „Open Space“ in Tbilissi selbst performen – auf der Basis ihrer eigenen
       Erfahrungen als Theaterleute und politische Aktivist:innen, die seit Ende
       2024 unermüdlich gegen die zunehmend autokratische Regierung protestiert
       haben.
       
       Ihre theatrale Bestandsaufnahme nach fast zwei Jahren des Widerstands fällt
       verstörend aus. Denn mehr noch als körperliche Wunden schmerzen die
       seelischen: Das der Performance zugrunde liegende Skript liest sich
       chaotisch, wie ein Fiebertraum zwischen Polizeiverhör, Therapiesitzung,
       Trennungsstreit und Selbstgespräch. Auf der Bühne prasseln immer neue
       Fragen auf das Publikum ein, durchsetzt von Erinnerungsfragmenten,
       Videodokumenten und dem gezielt misslingenden Versuch, die Politik zu
       verdrängen und doch noch Weihnachten und Silvester zu feiern.
       
       Das Kollektivprojekt „Nothing Political“ ist eine von rund dreißig
       Produktionen, die der georgische Showcase Ende September im Rahmen des
       Internationalen Theaterfestivals Tbilissi präsentiert – eine Art Messe für
       Festivalleiter und Kuratorinnen aus aller Welt, bei der die Bühnen der
       Hauptstadt ihre besten neuen Produktionen zeigen, vom traditionellen
       Puppentheater Gabriadze im touristischen Glockenturm über den Mystery-Krimi
       im Marjanishvili Theater bis hin zur ambitionierten Antikenbearbeitung
       „Iokaste“, die die Theatergruppe Haraki in einem ehemaligen
       Weinkellergewölbe zur Aufführung bringt.
       
       ## Neue Räume erschlossen
       
       Wie in Berlin haben nämlich auch in Tbilissi oft Künstler:innen und
       freie Gruppen neue Räume erschlossen, so etwa die Theatre Factory 42 eine
       ehemaligen Coca-Cola-Fabrik, das „Open Space“ ein liebevoll saniertes Loft
       im vierten Stock einer Fabrikruine am Stadtrand oder das kleine
       City-Theater einen Hinterhof, der inzwischen zu einem hippen Ausgeh-Areal
       mit lauschigen Weinbars und Outdoor-Restaurants gentrifiziert wurde. Als
       Kurzzeitbesucherin des Showcase kann man an solchen Orten glatt übersehen,
       dass sich Georgien unter Ministerpräsident Irakli Kobachidse in ein
       autoritär regiertes Land verwandelt hat.
       
       Der georgische Showcase vernetzt schon seit 2009 die kleine, aber sehr
       vielfältige georgische Theaterszene weltweit und gerade auch nach
       Deutschland. Doch in den letzten Jahren ist der Druck auf die
       Künstler:innen enorm gewachsen – nicht zuletzt, weil sich die
       Theatercommunity in den Protesten so stark engagiert hat.
       
       Schon Ende 2024 war am prominenten Schauspieler Andro Chichinadze,
       Ensemblemitglied am umtriebigen Vaso Abashidze State New Theatre, ein
       Exempel statuiert worden: Er wurde bei einer Demonstration verhaftet und
       wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ zu zwei Jahren Gefängnis
       verurteilt. Sein Theater sagte daraufhin alle Vorstellungen ab, der
       künstlerische Direktor Davit Doiashvili stellte sich auf die Seite der
       Protestierenden. Im April 2025 wurde er entlassen und seine Stelle nicht
       nachbesetzt, das Theater hat seither den Betrieb eingestellt. Im Frühjahr
       wurde – angeblich wegen Renovierungsarbeiten – auch noch das letzte
       Protestzeichen entfernt: Ein großes Transparent an der Fassade hatte an den
       inhaftierten Chichinadze erinnert.
       
       Ebenfalls verschärft hat sich die rechtliche Lage durch neue Gesetze „über
       die Transparenz ausländischer Einflussnahme“ und „zum Schutz der
       Familienwerte und von Minderjährigen“. Ersteres verkompliziert
       beispielsweise die Finanzierung von NGOs und Kulturprojekten mit
       europäischen Mitteln, wie gerade erst wieder der Rückzug von Adenauer- und
       Friedrich-Naumann-Stiftung aus Tbilissi gezeigt hat. Letzteres zielt auf
       die [4][Einschränkung der Sichtbarkeit von LGBTQ] in den Künsten und
       anderswo.
       
       ## Exkommunizierungsdrohungen der orthodoxen Kirche
       
       Diese Gesetze veränderten auch den öffentlichen Diskurs, wie das Royal
       District Theater in der Altsadt von Tbilissi erfahren musste: Aus Data
       Tavadzes immersivem Dokumentartheaterstück „Liberté“ verbreiteten
       Social-Media-Accounts heimlich gefilmte und aus dem Zusammenhang gerissene
       Ausschnitte, deren Verbreitung zu einem so massiven Shitstorm bis hin zu
       Exkommunizierungsdrohungen der orthodoxen Kirche führte, dass Tavadze und
       sein Protagonist Sandro Samkharadze für zwei Monate das Land verließen.
       Seither läuft die Inszenierung höchstens noch im Ausland, zum Beispiel Ende
       des Monats in Prag.
       
       Tamar Lalishvili, die Leiterin des Showcase, betont, dass das Festival
       selbst bislang von Einmischung oder Zensur unbehelligt bleibt. Sie sagt
       aber auch, dass neben der angespannten finanziellen Situation die größte
       Herausforderung für das georgische Theater darin bestehe, „einen Raum zu
       bewahren, in dem Künstler weiterhin frei denken, experimentieren und ihre
       eigene Position zum Ausdruck bringen können“.
       
       Noch scheint das der Fall zu sein, auch wenn gerade die queeren und
       experimentellen Theaterleute oft auf gepackten Koffern sitzen. Einige
       Produktionen im Showcase reflektieren die kriegerischen Konflikte mit
       Russland in den frühen 90ern und 2008, die Verdrehung der Wahrheit zum
       Zweck der Propaganda, das transgenerationale Schweigen über
       gesellschaftliche Probleme und politische Gräben innerhalb der Familie.
       Auch Sandro Samkharadze steht jetzt wieder auf der Bühne im Foyer des Royal
       District Theaters – mit Bernard-Marie Koltès' „Die Nacht kurz vor den
       Wäldern“ in der Regie von Data Tavadze. Atemlos, ohne Punkt und Komma hetzt
       er durch den Monolog, mit dem der homosexuelle französische Autor 1977 die
       Erfahrung des sozialen Fremdseins beschrieb; sein einziger Anspielpartner
       ist eine Waschmaschine. Verblüffend, wie aktuell der fast 50 Jahre alte
       Text in der georgischen Gegenwart wieder klingt.
       
       In „Nothing Political“ heißt es einmal: „Vielleicht ist dein Widerstand
       eine Art von Glück – ein paar Sekunden Freude, die du einem erstarrten,
       uralten, versteinerten System entreißen kannst. Anstatt von der Realität
       wegzuschauen, anstatt dich für die elegante Flucht in ein freies Leben zu
       entscheiden – beschließt du, durch Ruinen zu gehen und Bomben in einem
       Minenfeld zu entschärfen.“ Bleiben und Weitermachen, diese starke Botschaft
       wird ab Freitag auch im Rahmen des Festivals Love is a Verb #2 am Berliner
       Theater Hebbel am Ufer zu sehen sein.
       
       Diese Recherche wurde unterstützt durch Einladung des Tbilisi International
       Festival of Theatre.
       
       14 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eva Behrendt
       
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