# taz.de -- Opferberatung in Sachsen-Anhalt: Zum Jubiläum braucht es Solidarität
> Seit 25 Jahren unterstützt die Mobile Opferberatung Betroffene rechter
> Gewalt. Doch ein Thema trübt die Freude bei der Jubiläumsfeier.
(IMG) Bild: Kaputte Fensterscheibe nach einem rechten Angriff auf eine Flüchtlingsunterkunft in Brandenburg im März 2025
Zwei goldene Ballons schweben im Scheinwerferlicht auf der Bühne, gemeinsam
bilden sie die Zahl 25. Darunter stehen drei Blumensträuße. Die Mobile
Opferberatung Sachsen-Anhalt feiert Dienstagnachmittag ihren 25.
Geburtstag. Es gibt alkoholfreien Sekt, Pommes, Falafel. Rund 100
Gäst:innen lauschen in einem kleinen Theater in Halle (Saale) den
Festreden. Und es gibt viel zu loben: detaillierte Statistiken zu rechter
Gewalt, mehr als 13.000 Beratungen von Betroffenen. Trotzdem ist die
Stimmung gedrückt.
Nach der Landtagswahl im September ist unklar, wie lange es für die
Opferberatung in Sachsen-Anhalt weitergeht. Die AfD, die bei der Wahl rund
44 Prozent der Stimmen bekam, könnte ab nächstem Monat die Regierung
anführen. Schon in ihrem Wahlprogramm hatte sie angekündigt, dem Verein
Miteinander, zu dem die Mobile Opferberatung gehört, die finanzielle
Grundlage zu entziehen.
Am Dienstagnachmittag in Halle benennt jede einzelne Rede diesen Umstand.
Die [1][Soziologin Katharina Warda] und die Schriftstellerin [2][Manja
Präkels] zeigen zudem auf, wie der Rechtsruck in der Gesellschaft sichtbar
wird, welche Parallelen es zu den 90ern gibt, zu den sogenannten
Baseballschlägerjahren. Und sie stellen dem etwas entgegen: Solidarität.
„Solange es ein Wir gibt, gewinnen wir“, sagt Katharina Warda.
„Genaugenommen ist sich wehren Pflicht“, sagt Präkels.
Aus diesen Gedanken heraus entstand auch vor 25 Jahren die Mobile
Opferberatung in Sachsen-Anhalt. Die Mitarbeiter:innen beraten
Betroffene rechter Gewalt beim Umgang mit der Erfahrung, begleiten sie etwa
bei den Strafverfahren ins Gericht und versuchen, vor Ort die Situation so
zu verbessern, dass Angriffe unwahrscheinlicher werden. Dabei ergreift die
Beratung Partei, übernimmt die Perspektive der Betroffenen.
## Finanzierung in Gefahr
Es geht um Fälle wie etwa Mitte Mai 2026, als drei Männer in der
Straßenbahn zwei Jugendliche erst rassistisch beleidigen, dann ins Gesicht
schlagen und schließlich mit einer abgebrochenen Bierflasche verletzen.
Oder um den Fall aus dem Januar, als dem Organisator eines CSDs in einer
Kneipe auf dem Weg zur Toilette zuhören bekommt, man solle ihn ins KZ
stecken. Solche Angriffe sammelt die Mobile Opferberatung in ihrer Chronik,
veröffentlicht sie. Durch die [3][jährliche Statistik macht sie
nachvollziehbar], wie sich rechte Gewalt in Sachsen-Anhalt entwickelt.
Auf dem Jubiläumsfest in Halle hält zunächst Susi Möbbeck (SPD) eine Rede
als Staatssekretärin des Sozialministeriums der geschäftsführenden
Landesregierung von Sachsen-Anhalt. Die Bilanz der Opferberatung zeige wie
notwendig deren Arbeit sei. „Sie hören zu, wenn andere wegsehen“, lobt
Möbbeck.
Doch auch Möbbeck zeigt sich besorgt. „Wir müssen damit rechnen, dass die
Landesförderung über kurze oder mittlere Frist komplett abbrechen.“ In den
kommenden Wochen gehe es darum, die Förderung zumindest für nächstes Jahr
abzusichern, sagt sie. Was sie nicht sagt: Weil die Finanzierung bislang
nicht gesichert ist, musste die Opferberatung ihre Mitarbeiter:innen
vorerst kündigen.
Kurz darauf erscheint [4][Elisabeth Kaiser (SPD), die Ostbeauftragte der
Bundesregierung], per Videobotschaft im Theater. Früher seien die Opfer
rechter Gewalt allein gewesen, nicht ernst genommen worden. Heute stehe die
Opferberatung an deren Seite. In den schwierigen Zeiten wolle Kaiser
deshalb in der Bundesregierung für Unterstützung der Zivilgesellschaft
einsetzen, damit die auch die Opferberatung weiter arbeiten kann. „Bleiben
Sie ein Ort für alle, die nach einem Angriff nicht alleingelassen werden
dürfen“, gratuliert sie abschließend nochmal zum Jubiläum.
Nach zwei Stunden voller Reden folgt auf der Bühne in Halle ein kurzer
Umbau und dann eine Diskussionsrunde. Auf die Frage, was mit der Mobilen
Opferberatung verloren gehen würde, antwortet Rechtsanwalt Sebastian
Scharmer: Die Perspektive der Betroffenen habe bei staatlichen Behörden
immer noch kein prägendes Gewicht. Oft werde noch nicht einmal die
politische Motivation von Angriffen erkannt.
Dem widerspricht dann Antje Arndt, Projektleiterin der Mobilen
Opferberatung Sachsen-Anhalt – zumindest ein bisschen. In den vergangenen
Jahren habe sich einiges geändert. „Wir können auf Augenhöhe mit Vertretern
der Polizei und Politik reden“, sagt sie. Ihre Sorge sei, dass unter einer
AfD-Regierung auch solche Ansprechpartner:innen verschwinden könnten.
Was es jetzt brauche, sagt Arndt etwas später noch der taz, sei
„Solidarität auf allen Ebenen“. Dabei dürften vor allem die nicht vergessen
werden, die unter einer AfD-Regierung besonders leiden würden: Die Opfer
rechter Gewalt.
3 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ost-West-migrantisiert/!6068034
(DIR) [2] /Manja-Praekels/!a25630/
(DIR) [3] /Messerstiche-Schlaege-Tritte-229-Faelle-rechter-Gewalt-in-Sachsen-Anhalt-registriert/!6174261
(DIR) [4] /Ostbeauftragte-Kaiser-im-Gespraech/!6202679
## AUTOREN
(DIR) David Muschenich
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Zivilgesellschaft
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Sachsen-Anhalt
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Sachsen-Anhalt nach den Wahlen: Ach, wäre es nur ein Es-könnte-mal-Land
Wie es jetzt weitergehen soll, fragen sich viele in Sachsen-Anhalt. Beim
Festival Osten und im Jugendclub 83 versucht man nach vorne zu blicken.
(DIR) Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt: Vertrauen schlägt Fakten
Die AfD setzt gezielt auf Beeinflussung „kleiner Öffentlichkeiten“.
Subjektive Gewissheiten und Erfahrungen wirken dort stärker als jede
Tatsache.
(DIR) Extremismusexperte über Sachsen-Anhalt: „Die Zivilgesellschaft braucht Unterstützung von außen“
Es muss jetzt darauf ankommen, demokratische Kerne der Zivilgesellschaft zu
erhalten, sagt der Theologe David Begrich – und da helfe: Aufmerksamkeit.