# taz.de -- Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt: Vertrauen schlägt Fakten
       
       > Die AfD setzt gezielt auf Beeinflussung „kleiner Öffentlichkeiten“.
       > Subjektive Gewissheiten und Erfahrungen wirken dort stärker als jede
       > Tatsache.
       
 (IMG) Bild: Gefährliche Anziehungskraft: ein T-Shirt mit dem Konterfei von Ulrich Siegmund
       
       Noch immer fällt es mir nicht leicht, zu erfassen, was am vergangenen
       Sonntag in Sachsen-Anhalt geschehen ist – in dem Bundesland, in dem ich
       Verantwortung für eine Institution trage, die sich dem gesellschaftlichen
       Diskurs widmet. Wird nun tatsächlich die an staatlich verordnetem
       Patriotismus orientierte Kultur-, Bildungs- und Religionspolitik Einzug
       halten, die im Wahlprogramm angekündigt wurde?
       
       Unvorstellbar ist für mich, dass dies jede zweite Person in meinem Umfeld
       für wünschenswert halten könnte! Für eine kirchliche Einrichtung in der
       Tradition der [1][Friedlichen Revolution] und mit starken Verbindungen in
       die Bürgerrechts- und Umweltbewegung ist das ein Schock.
       
       Zu Zeiten der Friedlichen Revolution waren es die kleinen vernetzten
       Öffentlichkeiten der Basisgruppen aus Jungen Gemeinden, Friedensgruppen und
       Umweltbewegung, die den Umbruch trugen. Heute sehe ich genau hier, an der
       Basis, eine folgenreiche Schwäche in der politischen Kommunikation.
       
       Eine Erklärung für das [2][Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt] liegt für mich
       darin, dass der Kampf um die „kleinen Öffentlichkeiten“ verloren ging. Dem
       langfristigen, strategischen und hochprofessionellen Agieren der AfD in
       diesen Räumen konnte kaum etwas entgegengesetzt werden.
       
       Kleine Öffentlichkeiten sind sozial überschaubare Kommunikationsräume
       zwischen dem Privaten und der massenmedial vermittelten Öffentlichkeit. Sie
       entstehen überall dort, wo Menschen in Vereinen, Kirchengemeinden,
       kommunalen Zusammenhängen, Nachbarschaften, Initiativen oder
       Freundeskreisen gesellschaftlich relevante Fragen verhandeln.
       
       ## Präsent in Dorfgasthöfen und auf Marktplätzen
       
       Anders als in den massenmedial vermittelten „großen Öffentlichkeiten“
       entsteht kommunikative Autorität hier weniger durch institutionelle
       Position, Expertise oder mediale Reichweite. Eine besondere Rolle spielen
       lokale Respekts- und Vertrauenspersonen, deren Glaubwürdigkeit sich aus
       persönlicher Bekanntheit, sozialer Reputation und bewährten Beziehungen
       speist.
       
       Genau hier konnte der [3][charismatische Kandidat Ulrich Siegmund] punkten.
       Er war in diesen kleinen Öffentlichkeiten ständig präsent, füllte
       Dorfgasthöfe und Marktplätze und verstand es, sich als Respekts- und
       Vertrauensperson zu inszenieren.
       
       In den großen Öffentlichkeiten, in Talkshows und politischen Debatten,
       wurde stattdessen auf Fakten und Argumente gesetzt. Verwundert rieb man
       sich die Augen, dass Statistiken und wissenschaftliche Studien – etwa zur
       Finanzierbarkeit der Wahlversprechen – an der Glaubwürdigkeit der Blauen
       nicht kratzen konnten. Auch handfeste Skandale wie die
       [4][Vetternwirtschaft] – sonst ein K.-o.-Kriterium der empörungssensiblen
       Öffentlichkeit – konnten der AfD nicht schaden.
       
       Die Ratlosigkeit darüber offenbart einen blinden Fleck in der Analyse
       politischer Kommunikation: Glaubwürdigkeit kann auf ganz unterschiedliche
       Weise entstehen und Wahrheitsansprüche können sich aus ganz unterschiedlich
       Quellen speisen.
       
       ## Gesellschaftliche Wirklichkeit verhandeln
       
       Das Gespräch über gesellschaftliche Wirklichkeit erschöpft sich nicht in
       der Frage, ob eine Aussage empirisch wahr oder falsch ist. Wir können
       danach fragen, ob eine Tatsachenbehauptung wahr, eine Norm oder Handlung
       richtig und ein Sprecher wahrhaftig ist. Kleine Öffentlichkeiten können
       gerade deshalb demokratisch bedeutsam sein, weil hier Wahrhaftigkeit und
       Wahrheit, Erfahrung und Evidenz, Person und Sache miteinander verbunden
       werden können, ohne sie zu verwechseln.
       
       Allerdings droht genau diese Unterscheidungsfähigkeit verloren zu gehen.
       Populistische Kommunikation profitiert davon, unterschiedliche Geltungsmodi
       bewusst ineinanderzuschieben. Persönliche Erfahrung wird dann zur
       Tatsachenbehauptung, subjektive Gewissheit zum Beleg, Aufrichtigkeit zum
       Wahrheitskriterium und Zugehörigkeit zur Voraussetzung dafür, überhaupt
       erkennen zu können, „wie es wirklich ist“.
       
       Martin Luther hat für eine ganz andere historische Konstellation ein
       drastisches Bild gefunden. Bei seiner Unterscheidung von geistlichem und
       weltlichem Regiment warnt er vor deren Vermischung: „Der leidige Teufel
       hört auch nicht auf, diese zwei Reiche ineinander zu kochen und zu brauen.“
       
       Luthers Zwei-Reiche-Lehre lässt sich nicht ohne Weiteres auf die moderne
       demokratische Öffentlichkeit übertragen. Aber das Bild vom
       „Ineinanderkochen und -brauen“ trifft die kommunikative Herausforderung.
       Nicht die Kirchen sind zu politisch geworden, was ihnen gerne vorgeworfen
       wird, sondern an Politik werden zu viele religiöse Erwartungen
       herangetragen.
       
       ## Säkularität garantiert keine aufgeklärte Gesellschaft
       
       Wo religiöse Kommunikation und bekenntnishaftes Sprechen fremd geworden
       sind, fehlt möglicherweise auch die Übung darin, verschiedene Formen des
       Wahrheitsanspruchs auseinanderzuhalten. Säkularität allein garantiert keine
       aufgeklärte Gesellschaft – weder in den großen noch in den kleinen
       Öffentlichkeiten.
       
       In der Beobachtung des Wahlkampfes hatte ich manches Mal den Eindruck,
       weniger einer politischen Auseinandersetzung als einer ethnopluralistischen
       Glaubensgemeinschaft mit charismatischem Prediger zuzusehen. Wo politische
       Überzeugungen zu Bekenntnissen werden, Zugehörigkeit an die Stelle von
       Begründung tritt und Widerspruch den eigenen Glauben nur noch bestärkt,
       verändert sich der Charakter demokratischer Öffentlichkeit radikal.
       
       Faktenchecks und kampagnenhafte Polarisierung in den „großen
       Öffentlichkeiten“ sind kaum ein wirksames Mittel gegen Vertrauen, das in
       kleinen Öffentlichkeiten über persönliche Beziehungen, gemeinsame
       Erfahrungen und soziale Reputation entstanden ist. Um Missverständnissen
       vorzubeugen: Das macht dieses auf Vertrauen basierende Wissen natürlich
       nicht wahrer als überprüfbare Fakten. Es erklärt aber, warum die
       Widerlegung einer Tatsachenbehauptung die Glaubwürdigkeit einer Person noch
       lange nicht erschüttert.
       
       Aufklärung verlangt, unterschiedliche Geltungsansprüche zu erkennen,
       kenntlich zu machen und aufeinander zu beziehen. Nicht die Verschiedenheit
       von Wahrheitsansprüchen gefährdet demokratische Öffentlichkeit. Gefährlich
       wird es dort, wo ihre kategoriale Verschiedenheit nicht mehr erkannt wird
       und der Politik zugeschrieben wird, für Hoffnung, Zuversicht und eine
       positive Erzählung verantwortlich zu sein.
       
       10 Sep 2026
       
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