# taz.de -- Sachsen-Anhalt nach den Wahlen: Ach, wäre es nur ein Es-könnte-mal-Land
       
       > Wie es jetzt weitergehen soll, fragen sich viele in Sachsen-Anhalt. Beim
       > Festival Osten und im Jugendclub 83 versucht man nach vorne zu blicken.
       
 (IMG) Bild: Aljoscha Begrich, Kurator des Festivals Osten – vom 12. bis 27. 9. in Zschornewitz und Wolfen-Nord
       
       Aljoscha Begrich muss jetzt erst mal die Sache mit den Fahrrädern klären.
       Er ist mit zwei Künstlerinnen verabredet, die ab Samstag hier ausstellen,
       aber die beiden haben ihre Räder verloren. Im Zug abgestellt, kurz
       rausgetreten, der Zug fuhr los, mit Rädern, ohne Künstlerinnen. Und ohne
       Rad ist man hier, im Landkreis Wittenberg, aufgeschmissen.
       
       „Kriegen wir hin“, sagt Begrich ins Telefon. Es gibt schließlich genug
       Räder auf dem Festivalgelände. Alle sind hier mit Klapprädern unterwegs,
       Original Mifa zum Teil, das gute DDR-Modell.
       
       Das Festivalgelände liegt in Zschornewitz, 2.400 Einwohner:innen, Ortsteil
       von Gräfenhainichen, Ost-Sachsen-Anhalt, kurz vor Bitterfeld. Um
       hierherzukommen, braucht man ein Auto oder eben ein Fahrrad. Vom
       nächstgelegenen Bahnhof sind es fünf Kilometer: erst auf die
       Rosa-Luxemburg-Straße, rein in die Leninstraße, Straße des Friedens, vorbei
       an dem KI-generierten Protestplakat gegen die „Lärmbelästigung durch die
       Windindustrieanlagen“. Und damit ist klar, wo wir hier sind. Dann steht man
       vor den eisernen Toren des einst leistungsstärksten Braunkohlekraftwerks
       der Welt: Kraftwerk Zschornewitz.
       
       Das Kraftwerk ist längst stillgelegt, große Teile sind abgerissen. Wo
       früher Energie für die halbe DDR produziert wurde, ist heute vor allem
       Wiese. Am Samstag geht’s hier los mit dem [1][Festival Osten], Untertitel:
       Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse. 100 Künstler:innen,
       Theater, Installationen, Filme, Lesungen, Konzerte, Workshops, Tanz,
       Gespräche. Motto dieses Jahr: „Kraftwerk Zukunft“. Aber welche Zukunft
       eigentlich, wo in diesem Bundesland gerade 44 Prozent eine Partei gewählt
       haben, die zurück in die Vergangenheit will?
       
       ## Wirklich blühende Landschaften
       
       „Guck dich um“, sagt Aljoscha Begrich und breitet seine Arme aus. „Hier
       sind blühende Landschaften.“ Es ist Dienstag, Tag zwei nach den
       Landtagswahlen, und Begrich läuft über das Festivalgelände. Er meint das
       ernst mit den blühenden Landschaften: „Diese Region ist das Musterbeispiel
       für die ökologische Transformation. Hier ist etwas gelungen, was vor 30
       Jahren niemand für denkbar gehalten hat.“
       
       Bitterfeld war einmal die schmutzigste Stadt Europas. Erst wurde Braunkohle
       abgebaut, dann entstand einer der größten Chemiestandorte der DDR. Nach der
       Wende verloren Zehntausende ihre Jobs, Fabriken gammelten auf verseuchten
       Böden vor sich hin. Mit dem Rückbau begann die Renaturierung, heute gibt es
       Badeseen, die Wälder sind grün. Selbst der CDU-Ortsbürgermeister verteidigt
       stolz die Windräder in der Gegend. Sie bringen Geld in die Gemeinden und
       sauberen Strom.
       
       Und trotzdem ist Bitterfeld eine AfD-Hochburg. Knapp 50 Prozent haben der
       Partei hier ihre Stimme gegeben.
       
       Aljoscha Begrich ist Kurator des Festivals, nennt sich aber lieber
       Dramaturg, er kommt vom Theater. Geboren und aufgewachsen ist er bei
       Magdeburg, heute lebt er in Berlin, hat aber eine Wohnung und ein Büro bei
       Bitterfeld. Er stammt aus einer Art ostdeutschem Zivilgesellschaftsclan,
       die Eltern sind Theologen, die Cousins arbeiten beim Magdeburger
       Demokratieverein Miteinander e. V..
       
       Begrich hat bei der Ruhrtriennale gearbeitet und am Maxim Gorki Theater in
       Berlin. Das Festival hat er mit zwei Kolleg:innen vor sechs Jahren
       erdacht. Als „Ruhrtriennale des Ostens“ haben sie es dem damaligen
       CDU-Kulturminister Rainer Robra vorgestellt, der sei begeistert gewesen.
       
       ## Politische Spielräume für Kunst werden enger
       
       Zweimal fand es seitdem statt. Im Sommer 2024, rund um die Europawahl,
       bespielten Begrich und sein Team die ehemalige Feuerwache der Stadt und
       mussten feststellen, dass die politischen Spielräume für Kunst in
       Sachsen-Anhalt [2][enger werden]. Ein lokaler AfD-Politiker zeigte Begrich
       wegen eines Kunstwerks an, ein AfD-naher Bürgerverein fordert den Abbruch
       des Festivals, ein rechter Autokorso störte das Festival, internationale
       Künstler:innen fühlten sich unsicher, und am Ende zeichnete sich ab,
       dass das Festival nicht wieder auf städtischem Gelände stattfinden könne.
       
       Begrich und sein Team haben Konsequenzen gezogen: In diesem Jahr sind sie
       auf Privatgelände, eröffnet wird das Festival erst nach der Wahl,
       finanziert vor allem von privaten Stiftungen und aus EU-Geldern. Der
       Anteil, den das Land dazugibt, ist gering.
       
       Begrich steht jetzt in einer riesigen Halle und muss schreien. Hinter ihm
       sägen Bauarbeiter:innen Holzbalken auseinander. Sie bauen eine riesige
       Rampe für ein Projekt, das „Wollbeschäftigung“ heißt. Drei Tonnen
       Schafswolle liegen in großen Säcken in der Halle herum. Die
       Festivalbesucher:innen sollen sie kämmen, filzen, färben und zu
       Teppichen verarbeiten. Klingt eher nicht nach dem, was sich ein etwaiger
       AfD-Kulturminister unter Kunst vorstellen dürfte. „Doch, klar“, sagt
       Aljoscha Begrich und grinst. „Schafzucht ist deutsche Tradition, Handwerk,
       Patriotismus.“
       
       Fünfzehn Kilometer weiter westlich: In einem Plattenbaugebiet im Norden von
       Bitterfeld-Wolfen befindet sich der Jugendclub 83. Er ist einer von
       mehreren Orten hier, mit dem das Festival kooperiert. Die Wände sind mit
       Graffiti besprüht, an einer Tür hängt eine Übersicht darüber, was die
       Parteien für Kinder und Jugendliche erreichen wollen.
       
       ## Lernen, dass man zusammen etwas schaffen kann
       
       Zusammen mit dem Festivalteam hat der Jugendclub Projektgelder eingeworben.
       Damit wird eine Mitarbeiterin finanziert, die mit den Kindern
       Stadtteilspaziergänge macht. Gemeinsam schauen sie, was den Kindern in
       ihrer Umgebung fehlt, und bauen es wenn möglich selbst. Hochbeete haben sie
       errichtet und aus Paletten eine mobile Bar. Sie soll auch während des
       Festivals zum Einsatz kommen. „Den Kindern war wichtig, dass die Bar
       behindertengerecht ist“, sagt die Sozialarbeiterin Cornelia Geißler, also
       sei der Tresen abgesenkt. „Die Kinder lernen: Meine Wünsche sind wichtig,
       wir alle zusammen können sie umsetzen.“ Dieses Gefühl bleibe für die
       Ewigkeit.
       
       Cornelia Geißler arbeitet bereits seit 1989 mit Jugendlichen. Sie hat vor
       21 Jahren den Verein gegründet, der den Jugendclub 83 heute trägt. Sie
       sitzt im Jugendhilfeausschuss der Stadt und hat das Programm „Schulen ohne
       Rassismus“ koordiniert, dem die AfD in Sachsen-Anhalt nun die Unterstützung
       streichen will. Sie kann von den 1990er Jahren erzählen, als linke Kids
       Punkkonzerte und rechte Kampfsportevents veranstaltet haben.
       Jugendsozialarbeit ist Geißlers Lebensthema.
       
       Fragt man sie, was sie vom Wahlausgang hält, steigen ihr die Tränen in die
       Augen. „Es macht mich traurig, dass wir es offenbar nicht geschafft haben,
       zu vermitteln, wie wir leben wollen.“ Sie wisse nicht mehr, ob sie und ihre
       die AfD wählenden Mitmenschen noch dieselbe Sprache sprächen. „So weit erst
       mal“, sagt Geißler und schluckt. „Alles andere wäre nur heulen.“
       
       Vielen, die sich in Sachsen-Anhalt für ein demokratisches Miteinander
       engagieren, geht es ähnlich. Sie sind verzweifelt und erschöpft. Sie sind
       enttäuscht, dass all ihr Engagement die AfD nicht stoppen konnte, und haben
       Angst vor der Zukunft. Viele haben auch ohne AfD-Ministerpräsidenten längst
       erfahren, wie die Partei sie gängeln kann. Auch Cornelia Geißler.
       
       ## „Aufgeben ist keine Option.“
       
       Anfang des Jahres hat die Bitterfelder AfD [3][Stimmung gegen den
       Jugendclub 83] gemacht. Mit den Stimmen einzelner CDUler stimmte der
       Stadtrat schließlich für einen Antrag der AfD, der vorsieht, weniger Geld
       für das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ auszugeben. Der Verein, der den
       Jugendclub 83 betreibt, musste Projekte streichen, darunter einen Tanzkurs
       in der Förderschule und das Verlegen von Stolpersteinen. Der Jugendclub
       selbst war davon nicht betroffen.
       
       Aber Geißler macht sich keine Illusionen. Der Jugendclub-Verein ist zu 90
       Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert. „Wenn das Geld wegfällt, dann
       müssen wir es eben woandersher kriegen“, sagt Geißler, jetzt wieder
       kämpferisch. „Aufgeben ist keine Option.“ Deswegen ist sie so glücklich
       über die Kooperation mit dem Festival Osten.
       
       Am nächsten Morgen, Mittwoch, Tag 3 nach der Landtagswahl, steigt eine alte
       Frau in der S-Bahn hinter Wittenberg zu. Sie geht an Stöcken, ungefragt
       erzählt sie ihre Leidensgeschichte: Knie-OP, Ärztepfusch, Herz-OP, jetzt
       falle ihr das Laufen schwer. Was sie zur Wahl denke? „War doch klar, dass
       die AfD gewinnt, Merz braucht sich nicht wundern, der lügt und betrügt doch
       nur.“ Und die AfD, die betrügt nicht? „Ach naja“, sie schnauft. Sie selbst
       hätte gern AfD gewählt, hat es aber nicht ins Wahllokal geschafft. „Das
       Knie. Leider.“
       
       Im Festivalbüro versucht Sara Dillgen derweil, eine:n
       Fitnesstrainer:in zu finden. Dillgen ist Teil des Festivalteams, sie
       lebt bei Bitterfeld-Wolfen. Den Fitnesstrainer braucht sie für eine
       Kunstaktion: In der Maschinenhalle stellt die Künstlergruppe Rimini
       Protokoll Fitnessgeräte aus. Wenn man sie nutzt, erzeugen sie einen Ton.
       Benutzen mehrere Menschen mehrere Geräte, entsteht eine Livesymphonie. Sara
       Dillgen hat ihre Kontakte genutzt, ihre Mail ging an mehr als 30
       Fitnessfreaks in der Region. Aber niemand hat sich zurückgemeldet. „Da frag
       ich mich schon, ob die Leute mittlerweile zu uns auf Abstand gehen, weil
       wir irgendwie als links wahrgenommen werden.“
       
       ## Angedockt bleiben an die Region
       
       Begrich und seinem Team ist es wichtig, dass das Festival an die Region
       angedockt ist. Deswegen arbeiten sie auch über das Festival hinaus mit
       lokalen Initiativen zusammen. Mit der Diakonie haben sie eine Theatergruppe
       gegründet, Menschen mit Behinderungen spielen dort Puppentheater. Während
       des Festivals wird der Verein Mehr Demokratie e. V. im Kraftwerk Gespräche
       mit Besucher:innen moderieren. Für das stillgelegte Kino in
       Bitterfeld-Wolfen entwickelt die Festivalcrew gerade mit lokalen Vereinen
       ein Konzept, um es wiederzubeleben.
       
       Fragt man Aljoscha Begrich, was das Zukünftigste ist, was auf dem Festival
       zu sehen sein wird, überlegt er lange. „Der Kartoffelacker“, sagt er dann.
       Zwischen den Plattenbauten im Norden von Bitterfeld-Wolfen hat das Team
       Kartoffeln gepflanzt. Sie sollen während des Festivals geerntet, zu
       Kartoffelsuppe gekocht und gemeinsam gegessen werden.
       
       „Leute von hier erzählen oft wie von einem Es-war-mal-Land: Es war mal
       Industrie, es waren mal viele Leute. Ich will lieber über das
       Es-könnte-mal-Land nachdenken“, sagt Begrich. Die Bevölkerung von
       Sachsen-Anhalt schrumpfe dramatisch. Es könnte also mal viel Platz sein für
       die ökologische Transformation, für Utopien, Hoffnung und ein gutes
       gesellschaftliches Miteinander.
       
       12 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://osten-festival.de/
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