# taz.de -- Umweltschützer gegen Merz-Macron-Deal: Die zwei von gestern
> Ein deutsch-französischer Vorschlag könnte den Niedergang der
> europäischen Automobilindustrie besiegeln, fürchten Umwelt- und
> Verkehrsexperten.
(IMG) Bild: Das Aus vom Verbrenner-Aus: Merz und Macron wollen ihre Autoindustrie länger Verbrenner bauen lassen
Umwelt- und Verkehrsexpert*innen kritisieren die Vereinbarungen zur
Aufweichung des Verbrenner-Aus in Europa. Deutschland und Frankreich haben
sich am Freitag auf eine gemeinsame Position geeinigt. Folge der Rest der
EU dem Vorschlag, könnte sie „am Ende tatsächlich den Niedergang der
europäischen Automobilindustrie besiegeln“, sagte Susanne Goetz,
Mobilitätsexpertin des Verkehrsverbands Transport & Environment
Deutschland. Es sei ein „historischer Fehler“, sich gegen den schnellen
Hochlauf der Elektromobilität zu entscheiden.
Die dem EU-Gipfel in Brüssel am Freitagmittag vorgelegte Position
Deutschlands und Frankreichs führt zu einer [1][Abkehr vom bislang für 2035
geplanten faktischen Verbot des Verkaufs von Neuwagen] mit Verbrennermotor.
Danach soll das CO₂-Reduktionsziel in der EU von bisher 100 auf 90 Prozent
im Vergleich zu 2021 sinken, ohne dass die Automobilhersteller
Ausgleichsmaßnahmen erbringen müssen. Mit Tricks soll die Industrie das
Reduktionsziel sogar noch weiter verwässern können. In diesem Punkt hat
Frankreich Deutschland nachgegeben. Die Bundesregierung hat sich bei einem
anderen Thema bewegt: Die Anforderungen für den Anteil von in Europa
produzierten Autobauteilen sollen schrittweise hochgefahren werden.
Er hoffe auf eine „schnelle“ Einigung mit den übrigen EU-Partnern, erklärte
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Onlinedienst X. Bundeskanzler
Friedrich Merz schrieb auf X von einem Investitionssignal an die Industrie
und von einem guten Tag „für Autofahrerinnen und Autofahrer und für
Arbeitsplätze in Deutschland, Frankreich und Europa“. Die Verwässerung des
Verbrenner-Aus kommt den Wünschen vor allem der deutschen
Automobilhersteller entgegen.
Wenn Deutschland und Frankreich „mit einem schwachen Ausstiegsfahrplan
einen angeblichen Zukunftsmarkt für Verbrenner suggerieren, entwickeln
Deutschlands angeschlagene Autobauer heute Fahrzeuge, für die es morgen
keinen Markt mehr geben wird“, kritisierte Greenpeace-Vorstand Martin
Kaiser. Die Einigung führe dazu, dass in der EU „über das bisherige
Enddatum hinaus Millionen Neuwagen mit Verbrennungsmotor zugelassen
werden“.
## Pläne müssen noch in der EU durchgesetzt werden
Deutschland und Frankreich müssen ihre Pläne aber noch in der EU
durchsetzen. Als die beiden größten EU-Industriestaaten haben sie aber
großen Einfluss. Ende vergangenen Jahres hatte die EU-Kommission erstmals
eine Abkehr vom 2022 beschlossenen Verbrenner-Aus im Jahr 2035 vorgelegt.
Kern des Vorschlags war aber, dass die Automobilhersteller die entstehende
Emissionslücke schließen müssen, indem sie kohlenstoffarmen Stahl und
alternative Kraftstoffe einsetzen.
„Elektroautos werden sich in jedem Fall durchsetzen, weil sie technisch
überlegen sind und man beim Fahren viel Geld sparen kann“, sagte
Umweltminister Carsten [2][Schneider] (SPD) nach der Einigung. Die
entscheidende Frage sei, wo diese Autos künftig gebaut werden. „Unser Ziel
ist, dass sie in Europa gebaut werden und nicht nur in China.“ Er hatte
vorher im Namen der SPD vorgeschlagen, das CO₂-Reduktionsziel für Neuwagen
auf 95 Prozent zu setzen. Weitere 5 Prozent sollten die Hersteller mit in
Europa hergestelltem grünem und recyceltem Stahl ausgleichen können. Das
ist nun offenbar vom Tisch.
Die Grünen im Bundestag und im Europaparlament (EP) reagierten verärgert.
Der Deal sei ein „Bremsklotz für den boomenden Hochlauf der E-Autos“, sagte
Michael Bloss, Chefverhandler der Grünen-Fraktion im EP, zu den
CO₂‑Flottengrenzwerten. „Eine Zukunft hat die Autoindustrie nur, wenn wir
in Europa gute und günstige E-Autos bauen.“
„Während China Richtung Zukunft rast, schaffen Merz und Macron Chaos und
Verunsicherung für Markt und Verbraucher“, beklagte die
Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katharina Dröge. „Gerade einmal zehn
Wochen nach dem heißesten Sommer und den größten Waldbränden in Europa
opfern Merz und Macron die Klimaschutzziele im Verkehr.“
Arbeitsplätze in Europas Autoindustrie würden durch die Regelung gen USA
abwandern, warnte indes der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Es sei
derzeit absehbar, dass Neuwagen mit Verbrennerantrieb in den USA „noch ein
langes Leben haben“.
Wenn die deutsch-französischen Pläne Wirklichkeit würden, produzierten die
deutschen Hersteller ihre Verbrenner-Autos künftig in den USA, wo sie auch
mehrheitlich verkauft werden. Die schwindende Nachfrage in Europa werde mit
US-Exporten bedient. „Eine Neuwagen-Produktion von bis zu 10 Prozent des
EU-Marktes wandert damit fast schon ‚automatisch‘ in die USA“, erklärte
Dudenhöffer. „Merz und Macron setzen einen Impuls, um Arbeitskräfte aus der
EU in die USA zu exportieren. Wer hätte das gedacht?“
## Weitere Flexibilität ist gewünscht
In dem deutsch-französischen Papier ist über das 90-Prozent-Ziel hinaus
weitere Flexibilität vorgesehen, damit die Hersteller auf externe Schocks
reagieren und unverhältnismäßige Strafzahlungen vermeiden können. „Für den
Zeitraum 2030/2031 sollten daher mehrjährige Zielzeiträume eingeführt
werden, die eine Mittelwertbildung ermöglichen – ebenso wie ein
Anrechnungsmechanismus für CO₂-Gutschriften, die ausschließlich im Jahr
2029 generiert wurden“, heißt es in dem Reuters vorliegenden Papier. Die im
Jahr 2029 generierten Gutschriften dürften 7 Gramm CO₂ pro Kilometer pro
Fahrzeughersteller nicht überschreiten.
„Ein zentrales Element des Pakets sollte eine stärkere Verknüpfung
zwischen öffentlicher Förderung und europäischer Wertschöpfung sein“, heißt
es weiter. Deshalb wird ein stetig steigender Anteil an europäischer
Fertigung vorgeschlagen. Für den Automobilsektor sollte „Made in Europe“
die EU-27 umfassen, aber auch Ländern wie Großbritannien eine
Beitrittsmöglichkeit bieten, wenn sie zum 1. Januar 2020 Teil des
EU-Binnenmarktes waren.
Für den Zeitraum 2028/2029 sollten für förderfähige Fahrzeuge folgende
Anforderungen gelten: Das Fahrzeug müsse in Europa montiert werden, wobei
mindestens 70 Prozent der gesamten Wertschöpfung auf Komponenten (ohne
Batterie) entfallen müssten. Mindestens 10 Prozent der Batterien sollten
drei wesentliche in Europa hergestellte Komponenten enthalten,
einschließlich der Zellen.
Darüber hinaus sollten mindestens 50 Prozent der Komponenten des
elektrischen Antriebsstrangs des Fahrzeugs und 50 Prozent seiner
wichtigsten elektronischen Systeme in der EU hergestellt werden. 2030/2031
solle der europäische Batterieanteil auf 20 Prozent steigen. 2032/2034
sollten mindestens 70 Prozent der Batterien fünf Hauptkomponenten
enthalten, die in Europa hergestellt werden. Danach solle es noch
strengere Vorgaben für förderfähige Autos geben.
16 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /CO2-Flottengrenzwerte/!6218908
(DIR) [2] https://presse.bundesumweltministerium.de/m/17491491/553750-da6fda53d56131af4152ff3b79b940ecfe5997f6aca28277d8b3ed35efd1778bd818da22f8059178beeda8d8716ad893
## AUTOREN
(DIR) Kai Schöneberg
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