# taz.de -- Geheimdienstreform: Ein neues Zeitalter der Überwachung
> Die Bundesregierung plant für BND und Verfassungsschutz neue
> Überwachungsmöglichkeiten. Selbst auf der Therapeuten-Couch sollen die
> Behörden mithören.
(IMG) Bild: Hier freut sich zumindest einer im Bild: Innenminister Dobrindt bei einem Treffen mit Bundespolizisten Ende August in Flensburg
Die schwarz-rote Bundesregierung will aus den deutschen Nachrichtendiensten
„echte Geheimdienste“ machen, daraus machten sowohl Bundeskanzler Friedrich
Merz als auch Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) keinen Hehl. [1][Die
Kritik an den Plänen] fokussiert sich bisher hauptsächlich auf die
„operativen Befugnisse“, die Bundesnachrichtendienst (BND) und Bundesamt
für Verfassungsschutz (BfV) erstmals bekommen sollen: hacken, sabotieren,
durchsuchen. Deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommt die ebenfalls
vorgesehene Ausweitung der Überwachungsmöglichkeiten.
Konkret sollen BND und Verfassungsschutz künftig umfassend die Geräte von
Verdächtigen durchsuchen dürfen oder auf sämtliche Überwachungskameras in
Deutschland zugreifen dürfen – auch auf private. Genauso ist vorgesehen,
dass die Dienste das Internet mit KI-Programmen durchforsten und
vorliegende Daten automatisiert im Netz abgleichen. Dabei geht es
insbesondere um Fotos, die etwa mit Social-Media-Profilen abgeglichen
werden, um Personen zu identifizieren.
Unklar ist dagegen, ob den Diensten auch erlaubt werden soll, Datensätze zu
kaufen, die illegal im Netz gehandelt werden. Dabei handelt es sich meist
um Daten, die von Werbetrackern auf Websites gesammelt werden und über
Umwege schließlich auf dem Schwarzmarkt landen. US-Geheimdienste nutzen
solche Datensätze routinemäßig. In den Gesetzestexten der
Nachrichtendienstreform wird diese Option gar nicht erwähnt, was den
Behörden in der Praxis große Handlungsfreiheit einräumen könnte.
Aber es sind nicht nur die Geheimdienste, die die Bundesregierung in Sachen
Überwachung aufrüstet. Im September verabschiedeten Union und SPD im
Bundestag [2][auch ein neues Bundespolizeigesetz,] dass auch dieser Behörde
neue Überwachungsmöglichkeiten gibt. Dabei geht es unter anderem um
Handy-Ortung, Überwachung von Messenger-Diensten und die automatische
Echtzeit-Gesichtserkennung an Bahnhöfen.
Die Bundesregierung begründet die Ausweitung der Befugnisse der
Sicherheitsbehörden mit einer veränderten Sicherheitslage, zum Beispiel
durch Extremismus, Terrorismus und die hybride Bedrohung durch Russland.
[3][Anfang September hatten die Angriffe eines mutmaßlich
linksextremistischen Einzeltäters] auf das deutsche Stromnetz die Behörden
aufgeschreckt. Auch der höchstwahrscheinlich russische Drohnenangriff auf
ein ukrainisches Frachtflugzeug am Flughafen Leipzig/Halle warf Fragen zur
Kompetenz der Behörden auf.
Kritiker werfen der Bundesregierung nun aber vor, mit ihrer
Geheimdienstreform über das Ziel hinauszuschießen. Linke und Grüne äußern
sich zum Teil entsetzt über die neuen Überwachungsmöglichkeiten. Die
innenpolitische Sprecherin der Linken, Clara Bünger, wirft Dobrindt vor,
einen „autoritären Staatsumbau“ vorzunehmen und „rücksichtslos“
voranzutreiben.
Die „größte Tragödie“ der Reformen: „Er schafft einen unkontrollierbaren
Staatsapparat, während die AfD von Wahl zu Wahl stärker wird. Er stellt der
AfD diesen Apparat schlüsselfertig hin.“ Bünger befürchtet: „Die AfD hat
dann im schlimmsten Fall alle Mittel zur Verfügung, um politische Gegner
mit polizeilichen Mitteln zu verfolgen und ihre rassistische Agenda mit
Gewalt voranzutreiben.“
Der Vizevorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Konstantin von Notz,
hält die Reformen zwar für „dringend notwendig, um Gefahren von innen und
außen abzuwehren“. Doch sei die AfD eben eine dieser Gefahren, sagt er der
taz. „Wir sehen auch, dass die AfD diese Reformen nutzt, um weiter das
Vertrauen in den Rechtsstaat zu zerstören.“ Dobrindt schieße
„gesetzgeberisch über das Ziel hinaus“ und verliere die Freiheitsrechte aus
dem Blick. Damit mache man es der AfD zu leicht.
Zumal mit der Geheimdienstreform auch Regeln abgeschafft werden sollen, die
bisher bestimmte Berufsgruppen von Überwachung ausnehmen. So etwa
Ärzte:innen oder Psychotherapeut:innen. Es ist zumindest denkbar, dass zu
Patient:innen künftig sogar medizinische oder therapeutische
Aufzeichnungen zugänglich sind und selbst die Therapiegespräche abgehört
werden.
Fast 70.000 Menschen haben bis zum 26. Oktober eine [4][Petition]
unterzeichnet, die verlangt, dass Ärzt:innen und
Psychotherapeut:innen gleichwertig geschützt werden müssen.
„Patient:innen müssen darauf vertrauen können, dass das, was sie in einer
Psychotherapie offenbaren, besonders geschützt ist“, sagen auch die
Bundesvorsitzenden der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung.
Auch Reporter könnten künftig einfacher überwacht werden. Die NGO Reporter
ohne Grenzen kritisiert, allein die Möglichkeit einer Überwachung reiche
aus, „um Informantinnen und Informanten von einer Zusammenarbeit mit der
Presse abzuschrecken“.
## G10-Kommission zur Kontrolle wird aufgelöst
Immerhin muss weiterhin im Vorfeld genehmigt werden, ob jemand überwacht
werden darf. Bisher werden BND und Verfassungsschutz von der G10-Kommission
kontrolliert. Die G10-Kommission soll im Vorfeld die Zulässigkeit prüfen
und gibt dem Nachrichtendienst die Erlaubnis, eine Person zeitlich begrenzt
zu überwachen. Das Gremium soll jedoch eingestellt und die Aufgaben sollen
beim Unabhängigen Kontrollrat (UKRat) gebündelt werden. Das Kanzleramt
begründet dies mit „effektiveren Kontrollstrukturen und zielgerichteteren
Kontrollen“.
In der Opposition befürchtet man hingegen eine Schwächung der Kontrolle.
„Der Vorschlag dient ausschließlich dazu, Kontrolle systematisch unmöglich
zu machen und den Diensten völlig freie Hand zu lassen“, wirft Bünger der
Bundesregierung vor.
26 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Geheimdienstreform-nach-Spionageverdacht/!6219631
(DIR) [2] /Kabinett-beschliesst-Bundespolizeigesetz/!6115561
(DIR) [3] /Bekennerschreiben-zu-Anschlag-in-Jaenschwalde-aufgetaucht/!6209920
(DIR) [4] https://innn.it/geheimdienst
## AUTOREN
(DIR) Annika Danielmeier
## TAGS
(DIR) Bundesamt für Verfassungsschutz
(DIR) Verfassungsschutz
(DIR) BND
(DIR) Bundespolizei
(DIR) Schwerpunkt Überwachung
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Beschlagnahmtes Material bei „Die Zeit“: Albtraum für die Pressefreiheit
Das Landgericht Hamburg beschlagnahmte Interview-Aufnahmen der
„Zeit“-Redaktion im Zusammenhang mit der Block-Familie. Nun wehrt sich das
Medienhaus – zu Recht.
(DIR) Geheimdienstreform nach Spionageverdacht: Neue Kritik am geplanten Machtzuwachs
Der Spionageverdacht gegen einen Ex-BND-Chef nährt Zweifel an der geplanten
Geheimdienstreform. Lobbycontrol fordert lebenslange Karenzzeit für
Geheimdienstler.
(DIR) Geheimnisverrat beim Geheimdienst: Ist die BND-Reform in guten Händen?
Dass Ex-BND-Chef August Hanning spioniert haben soll, ist eine Katastrophe.
Schließlich soll der Geheimdienst gerade erst neue Befugnisse erhalten.