# taz.de -- Geheimdienstreform nach Spionageverdacht: Neue Kritik am geplanten Machtzuwachs
> Der Spionageverdacht gegen einen Ex-BND-Chef nährt Zweifel an der
> geplanten Geheimdienstreform. Lobbycontrol fordert lebenslange Karenzzeit
> für Geheimdienstler.
(IMG) Bild: Nach der Vorführung beim Haftrichter wird Ex-BND-Chef August Hanning mit dem Auto abtransportiert
Nach der Festnahme von Ex-BND-Chef August Hanning wegen mutmaßlichen
Landesverrats ist eine Debatte um die geplante Geheimdienstreform der
Bundesregierung entbrannt. Das Gesetzespaket soll sowohl dem BND als auch
dem Bundesverfassungsschutz neue Überwachungsmöglichkeiten geben und beiden
Organisationen auch aktive Sabotageaktionen erlauben. Angesichts der
massiven Vorwürfe gegen einen ehemaligen Leiter des BND stellt sich jetzt
die Frage, ob ein solcher Machtzuwachs für die Dienste zu verantworten ist.
Hanning war am Dienstag festgenommen worden und kam in Untersuchungshaft.
Ihm wird vorgeworfen, sich nach dem Karriereende weiter von seinem
ehemaligen Büroleiter mit sensiblen Informationen aus dem BND versorgt
haben zu lassen. Hanning betreibt eine Beratungsagentur für
Sicherheitsfragen. In einem Fall soll er die Daten auch an einen anderen
Geheimdienst weitergegeben haben, dabei soll es sich um den
aserbaidschanischen Dienst DTX handeln.
Ein mutmaßliches Motiv Hannings könnten finanzielle Probleme gewesen sein:
Aus seiner Zeit im Aufsichtsrat der 2021 insolvent gegangenen lettischen
Bank PNB Banka, gab es offenbar Forderungen im zweistelligen
Millionenbereich gegen ihn.
Für die Bundesregierung ist all das nicht nur eine Blamage, sondern auch
eine Gefahr für die von ihr geplante Geheimdienstreform. Die [1][wurde im
September erstmals im Bundestag diskutiert], derzeit wird das Gesetzespaket
in den Ausschüssen beraten.
Seit der Festnahme Hannings erneuerten und verschärften
Politiker*innen von Linken und Grünen ihre Kritik an den Plänen. Die
innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Clara Bünger, sagte: „Fatal
ist, dass den Geheimdiensten ausgerechnet jetzt noch mehr Befugnisse
verschafft werden sollen, noch im November soll eine neue deutsche
Geheimpolizei geschaffen werden.“
Der Grünen-Vizefraktionsvorsitzende Konstantin von Notz sagte, es gelte nun
„die offenkundig gewordenen Probleme umgehend abzustellen und den Dienst
auch mit der anstehenden Reform der Nachrichtendienste für die Zukunft
besser und stärker aufzustellen“.
## Beispiellose Ausweitung der Geheimdienstkompetenzen
Tatsächlich sieht die Reform eine Ausweitung der Geheimdienstkompetenzen
vor, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben
hat. Kernziel ist es dabei, den Diensten erstmals aktive Maßnahmen zu
erlauben. Im Fall des BND könnte dies beispielsweise die Sabotage einer
russischen Rüstungsfabrik sein, oder ein Hackerangriff auf staatliche
Stellen als Reaktion auf einen von dort ausgehenden Cyberangriff.
Im Fall des im Inland tätigen Bundesamts für Verfassungsschutz geht es
unter anderem um die Erlaubnis, heimlich in Wohnungen einzudringen, um
Computer anzuzapfen oder Anschlagspläne zu vereiteln. Damit bräche der
Verfassungsschutz erstmals in einen Tätigkeitsbereich ein, der bislang
strikt der Polizei vorbehalten war.
Heikel ist das auch, weil die strikte Trennung zwischen aktiv eingreifender
Polizei und passiv überwachenden Nachrichtendiensten eine Lehre aus der
deutschen Geschichte ist. Im Nationalsozialismus vereinte die Geheime
Staatspolizei beide Aufgabenfelder und war damit eins der zentralen
Instrumente der deutschen Mord- und Verfolgungspolitik gegen Juden und
Jüdinnen, andere Minderheiten und politische Gegner*innen. Auch die
Staatssicherheit in der DDR war als Geheimpolizei mit der Unterdrückung von
Oppositionellen beschäftigt.
## Geplante Reform schwächt zudem die Kontrollorgane
Neben den neuen aktiven Eingriffen werden aber auch die schon vorher
bestehenden Überwachungsmöglichkeiten der Geheimdienste ausgeweitet. Sie
sollen etwa automatisiert Fotos mit Daten aus dem Netz abgleichen,
Informationen per AI auswerten und auf sämtliche Überwachungskameras in
Deutschland zugreifen können. Gleichzeitig schwächt die Reform die
Kontrollorgane, so soll etwa die Bundesdatenschutzbeauftragte künftig keine
Rolle mehr dabei spielen, die Dienste zu überwachen.
Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass die Bundesregierung wegen des
Falls Hanning nun ernsthafte Veränderungen an der Reform plant. Die
Vizevorsitzende der SPD-Fraktion, Sonja Eichwede, sagte lediglich, der Fall
Hanning zeige, „wie wichtig und elementar die Kontrolle der Dienste durch
das Parlament und den unabhängigen Kontrollrat ist“. Man werde „bei der
anstehenden Reform der Nachrichtendienste sicherstellen, dass diese
Kontrollgremien mit weitreichenden Kontrollrechten ausgestattet werden“.
Nicht ausgeschlossen scheint, dass die Reform um kleinere Regelungen
ergänzt wird, die Fälle wie den Hannings künftig verhindern sollen.
Eichwede hatte zuletzt zumindest für Spitzenämter bei den Geheimdiensten
gefordert, es brauche eine unbegrenzte Karenzzeit nach dem Karriereende.
Bisher gründen hochrangige Geheimdienstler nach dem Ausscheiden aus dem
Staatsdienst oft Beratungs- und Lobbyagenturen wie die Hannings.
Die Organisation Lobbycontrol fordert eine lebenslange Karenzzeit für alle
Personen, die in sicherheitsrelevanten Berufen gearbeitet haben. Dies sei
nötig, „um die Sicherheitsinteressen Deutschlands und die Integrität
unserer Demokratie zu schützen“, sagte Lobbycontrol-Sprecher Timo Lange.
Ob solche Karenzregelungen wirklich ausreichen, um die Geheimdienste
künftig aus den Schlagzeilen zu halten, scheint aber fraglich. Der Blick
auf die letzten Jahre legt jedenfalls nahe, dass die Dienste ein sehr viel
grundsätzlichere Problem mit der Personalauswahl haben. Bestes Beispiel ist
Hans-Georg Maaßen, der den Bundesverfassungsschutz zwischen 2012 und 2018
leitete. Er fiel schon im Amt mit rechten Äußerungen auf und wird
mittlerweile von seiner eigenen ehemaligen Behörde wegen rechtsextremer
Umtriebe überwacht.
7 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Frederik Eikmanns
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