# taz.de -- Abschluss der Frankfurter Buchmesse: Halt dich an deiner Haltung fest
> Die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins: Die Frankfurter Buchmesse
> ist vorbei, die Stimmung war durchwachsen, die Fronten waren geklärt.
(IMG) Bild: Geschlendert wird auch hin zu den Romance-Ständen, die der Buchbranche Umsatz bringen sollen
Ist man in Berlin unterwegs und verliert aus irgendwelchen Gründen
kurzfristig die Orientierung, wo man eigentlich arbeitet, so kommt man
mitunter in die doch etwas skurrile Situation, dass es ausgerechnet der
Welt-Ballon ist, der einem den Weg zum taz-Mutterschiff weist. Der Ballon
macht Werbung für den nur wenige hundert Meter entfernt liegenden
Axel-Springer-Konzern, zu dem diese Zeitung eigentlich aus gutem Grund
einen gewissen, wenn auch schwindenden Sicherheitsabstand einhält.
Auch auf der Frankfurter Messe gerät man unfreiwillig in Kontakt mit den
Rechten aus der Rudi-Dutschke-Straße. Gleich neben dem taz-Stand steht auf
einmal Ulf Poschardt, sein neues Buch, das Sequel zum [1][„Shitbürgertum“]
signierend. Gut, Massen an Menschen sind es nun auch nicht, die dem
Springer-Granden aufwarten, und [2][vom Niedergang des einst linken
Westend-Verlags,] der den Nachbarstand be- und Poschardts „Bückbürgertum“
vertreibt, konnte sich in jüngster Vergangenheit jeder selbst überzeugen.
Doch ein Rechter bleibt selten allein, und so postete Poschardt stolz ein
Selfie mit Gleichgesinnten aus Österreich, die das rechte Fiume-„Magazin
für Reinkultur“ herausgeben. Auch die Publizistin Ellen Kositza konnte man
sichten, dabei feiern die Rechtsradikalen doch mittlerweile eigentlich
[3][ihr eigenes Messefest in Halle.]
Es ist diese Gleichzeitigkeit von allem, die Präsenz unabhängiger Verlage
mit Indie-Programm neben riesigen Romance-Ständen, neben esoterischen
Ein-Mann-Unternehmen, neben amerikanischen Universitätsverlagen, die dieses
große Projekt Buchmesse mitunter absurd erscheinen lässt. So kann man sich
von den Saudis und von Koranverlagen weitertreiben lassen zur China-Corner,
zum Xi-Jinping-Einheitstisch, bis [4][zum Stand von Kolumbien,] wo die neue
Regierung PR macht für ihren Kampf gegen den „kulturellen Marxismus“.
Doch das sind alles die oberen Stockwerke, das sind die Internationalen. In
diesem Jahr kommt die Frankfurter Buchmesse mit neuem Konzept daher, wonach
die Publikumsverlage in der ersten Etage untergebracht sind, was zum
Schlendern anregen soll. Man schlendert dann also, schlendert vom
KiWi-Stand, wo der mit dem Deutschen Buchpreis prämierte Roman [5][„Die
Lücken“ von Shida Bazyar] viele Käufer:innen findet, zum riesigen
Sebastian-Fitzek-Tempel, wo Fans der menschlichen Abgründe sich in einen
Windkanal stellen können, um bei einem Gewinnspiel das goldene Los zu
fangen.
Man schaut und hört zu, vor der Literaturbühne der Öffentlich-Rechtlichen,
[6][der unglaublichen Gisèle Pelicot,] die über den Prozess gegen ihren
Ehemann und 50 weitere Vergewaltiger spricht, der klugen Radka Denemarková,
die als Abgesandte des diesjährigen Gastlands Tschechien auftritt, und
schließlich auch noch Constantin Schreiber, der mit seinem Roman „Die
Kandidatin“ 2021 unverhofft die Blaupause für aktuell besonders schrill
vorgetragene, von red scare durchdrungene Warnungen vor dem [7][von
Berlin-Neukölln ausgehenden nahenden Kalifat] lieferte.
## Die Fronten sind geklärt
Sie ahnen es vielleicht schon: Gute Laune herrscht nicht gerade in
Frankfurt. Die katastrophale Pisa-Studie, die jüngst veröffentlichten
deutlichen Umsatzrückgänge im deutschen Buchmarkt, die Wahlergebnisse in
Sachsen-Anhalt, der immer noch im Sattel sitzende Wolfram Weimer; die
Stimmung ist merklich gedrückt an diesen Messetagen. Weimer, den
[8][jüngste Recherchen] der Lüge in Bezug auf die angeblichen Bedenken von
Seiten des Verfassungsschutz gegen die Auszeichnung dreier linker Buchläden
überführten, noch im Frühjahr in Leipzig dominierendes Messethema, taugte
dabei kaum noch zum Aufreger. Nicht einmal Buhrufe erntete der
Kulturstaatsminister [9][bei der Messeeröffnung am Dienstag.]
Die Fronten scheinen verhärtet, die Akteure abgeklärt. Abgrenzende Worte
(„die Machtfrage stellen“) fand etwa auch der Vorsteher des Börsenvereins
des deutschen Buchhandels Sebastian Guggolz bei eben jener Eröffnung, über
das Messegelände trägt er demonstrativ einen Stoffbeutel einer der
ausgeschlossenen Buchhandlungen aus Berlin, „Zur schwankenden Weltkugel“.
Ein weiterer geschasster Buchladen, die „Rote Straße“ in Göttingen, weist
dabei live die nun eben auch offiziell entkräfteten Extremismusvorwürfe von
sich. „Wir sind alles coole und normale Leute“, sagt ein Kollektivmitglied
bei einem Panel am Stand der Frankfurter Rundschau, das würde auch in der
Göttinger Stadtbevölkerung niemand bezweifeln.
Irgendwo sind also alle einer Meinung, so scheint es, in der kleinen
deutschen Buchwelt. Selbst am Stand der FAZ wird seitens der Zeitung im
Gespräch mit dem US-Autor Colson Whitehead Brecht („Was ist ein Einbruch in
eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“) zitiert. Verwiesen sei an dieser
Stelle auch noch mal [10][auf die Preisrede Shida Bazyars,] in der sie
betonte, dass es in Deutschland im Moment keine Minderheit gebe, die keinen
Grund zur Sorge habe und die in den Medien und vor allem auf Social Media
großen Anklang fand. Haltung zeigen: Doch woran hält sich die Haltung fest,
wenn ihr zunehmend der Boden unter den Füßen weggezogen wird?
## Die Muse KI
Es ist ja jetzt schon so eine Sache mit dieser seltsamen Gleichzeitigkeit.
Während KI bestimmendes Thema auf der Messe ist, über [11][Verdachtsfälle,]
Gefahren, aber auch über Kunst und den menschlichen Odem diskutiert wird,
ist in den Business-Etagen der Messe eben dieser menschliche Odem bloß ein
Kostenfaktor unter vielen. Die positiv auf KI Bezug nehmenden
Veranstaltungen sind zahlreich: Wie KI „ungenutztes Umsatzpotential“
erschließen kann, wird da gelehrt, KI für optimierte Workflows im
Verlagswesen angepriesen oder gleich gefordert: „Let’s make AI our muse“.
Und mal ehrlich: Ist menschengemacht in Frankfurt wirklich noch state of
the art, wenn selbst in den zur Buchpreisverleihung produzierten Videos der
Nominierten KI-Bilder zum Einsatz kommen?
Irgendwo drückt sich auf der Buchmesse aber auch ein Mut machender Glaube
an Universalismus aus: Dass gute Geschichten über tief empfundene Gefühle
überall verstanden werden können. Warum sonst sollte man ein Kinderbuch von
den Färöer Inseln übersetzen, warum einen Roman über eine schwindende Liebe
aus Argentinien?
Und Perlen finden sich schließlich auch auf dem Messegelände, wenn man sich
durch das Meer an Menschen treiben lässt und dem Sirenengesang lauscht, der
zum Beispiel aus dem Mund von Martin Piekar kommt. Mit welcher
Ernsthaftigkeit der deutsch-polnische Schriftsteller an einem kleinen Stand
des Hessischen Literaturrats die Wichtigkeit der gesprochenen Sprache in
der Literatur betont, inmitten des den Stand umspülenden Menschengewirrs
mit fester Stimme aus seinem Romandebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ liest
und in wenigen Seiten die ganze komplexe Beziehung zwischen einem Sohn und
seiner Mutter anzitiert, ist so beeindruckend wie berührend. Es entschädigt
für vieles.
11 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ulf-Poschardts-Buch-Shitbuergertum/!6060046
(DIR) [2] /Westend-Verlag-laengst-nicht-mehr-inks/!6181480
(DIR) [3] /Rechte-Buchmesse-Seitenwechsel/!6124393
(DIR) [4] /Propaganda-auf-der-Buchmesse/!6219943
(DIR) [5] /Roman-von-Shida-Bazyar/!6208307
(DIR) [6] /Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045
(DIR) [7] /Wahlsieg-in-Berlin-Willkommen-in-der-islamo-sozialistischen-Hoellendiktatur/!6214966
(DIR) [8] /Ausschluss-Deutscher-Buchhandlungspreis/!6217705
(DIR) [9] /Eroeffnung-der-Frankfurter-Buchmesse/!6219644
(DIR) [10] /Shida-Bazyars-Rede-beim-Buchpreis/!6219300
(DIR) [11] /Debatte-um-Thelyson-Orelien/!6214568
## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse
(DIR) Buchmarkt
(DIR) Roman
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Frankfurter Buchmesse: Ohne US-Agenten im Jetlag
Gerechtigkeit spielt fürs Lesen eine Rolle, am passenden Ambiente muss man
aber noch arbeiten und an der Demokratiebildung auch. Eindrücke von der
Buchmesse.
(DIR) Eröffnung der Frankfurter Buchmesse: Der Irrsinn der Nation
Die Frankfurter Buchmesse wurde eröffnet. Diesjähriges Gastland ist das
rechtsregierte Tschechien, dessen Kulturminister bei der Eröffnung Buhrufe
erhielt.
(DIR) Abschluss der Leipziger Buchmesse 2026: Es weimerte sehr
Auf der Buchmesse wurde branchenweit Solidarität mit den vom
Buchhandlungspreis ausgeschlossenen Buchläden bekundet. Auch sonst zeigte
man sich geschlossen.