# taz.de -- Eröffnung der Frankfurter Buchmesse: Der Irrsinn der Nation
       
       > Die Frankfurter Buchmesse wurde eröffnet. Diesjähriges Gastland ist das
       > rechtsregierte Tschechien, dessen Kulturminister bei der Eröffnung
       > Buhrufe erhielt.
       
 (IMG) Bild: Radka Denemarková, tschechische Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin und ausgesprochene Kritikerin des tschechischen Kulturministers
       
       Eigentlich ist es ein guter Ansatz: Jedes Jahr stellt die Frankfurter
       Buchmesse ein Gastland in den Mittelpunkt und zwingt somit die deutsche
       Öffentlichkeit über den deutschen Tellerrand zu schauen. Wer wüsste
       ansonsten schon von den Eigenheiten indonesischer oder slowenischer
       Literatur zu berichten?
       
       Wenn die eingeladene Nation dabei von Rechten, mitunter Rechtsextremen
       regiert wird, waren dabei in der Vergangenheit schon eigentümliche
       Verrenkungen hiesiger Würdenträger:innen bei den Eröffnungszeremonien
       zu beobachten. Unvergessen bleibt etwa [1][der Auftritt des
       postfaschistischen Italiens 2024,] bei den Philippinen im letzten Jahr
       hingegen ging man über die politische Lage – das Land wird vom
       Diktatorensohn Ferdinand Marcos jr. regiert – [2][großzügig hinweg.]
       
       Auch in diesem Jahr gäbe es an der Gesinnung der Gäste, dem
       rechtspopulistisch bis rechtsextrem regierten Tschechien, einiges
       auszusetzen. Die Kritik überließ man jedoch den Tschechen selbst. So wurden
       Pfiffe und Buhrufe auf Tschechisch laut, als der tschechische
       Kulturminister Oto Klempíř am Dienstagabend seine Rede im Frankfurter
       Congress Center hielt, in der er auf die engen kulturellen Beziehungen
       zwischen Deutschland und Tschechien verwies.
       
       Klempíř gehört der Partei der „Motoristen“ an, die sich, genau, für
       Autofahrer und die Abschaffung von Fahrradstreifen einsetzt. Erst am Montag
       hatte die Regierung unter Andrej Babiš einen Beschluss über eine neue
       Kulturpolitik für die Jahre 2026 bis 2029 verabschiedet, wogegen sich im
       Vorfeld 600 Vertreter:innen aus dem Kulturbetrieb in einem offenen
       Brief wandten.
       
       ## Weimer verhalten beklatscht
       
       Nicht [3][ausgebuht,] wenn auch eher verhalten beklatscht wurde in diesem
       Jahr Wolfram Weimer. Der Kulturstaatsminister sprach von einem „diskursiven
       Treibhauseffekt“, den die „Verheiratung“ von KI und Social Media „in
       westlichen Gesellschaften“ (nur da?) erzeuge. Er wolle, sagte er, die
       „Eigentumsfrage stellen“, in Bezug auf Tiktok. Was die Amerikaner gemacht
       haben, sei richtig, so Weimer, womit er [4][die erzwungene Übergabe] des
       (jährlich Milliarden abwerfenden) US-Geschäfts vom chinesischen ByteDance
       an ein US-Joint-Venture meint.
       
       Mit einem kleinen Schlenker über die Grimmelshausen-Gesellschaft, die
       künftig wohl das „Literarische Wort des Jahres“ prämiert, landete Weimer
       schließlich beim scheidenden Jürgen Boos, der der Frankfurter Buchmesse
       seit über 20 Jahren als Direktor vorstand und den er besonders auf
       nationaler Ebene für seine Verdienste um die Messe als „Weltmarktführer“
       würdigen wolle.
       
       ## Endlich wieder Europa
       
       Positiv Bezug auf den eigenen Staat oder Staatenverbund nahm man auch eine
       Ebene höher. Er freue sich, dass wieder ein europäisches Land Gastland in
       Frankfurt sei, sagte der maltesische EU-Kultur-Kommissar Glenn Micallef,
       bevor er den maltesischen Schriftsteller Manwel Dimech für die Bedeutung
       der Literatur ins Feld führte und im Anschluss mehr Rechte für
       Autor:innen gegenüber KI-Unternehmen forderte, als sei nicht eigentlich
       er Politiker, sondern irgendjemand anderes.
       
       Die „Machtfrage“ stellte dann erklärtermaßen Sebastian Guggolz. Der neue
       Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verwies auf [5][die
       neueste Pisa-Studie], die dem staatlichen Bildungssystem ein ungenügendes
       Zeugnis ausstellte. Wir leben, so Guggolz, in einem der „wohlhabendsten
       Staaten der Welt“, erfüllten aber die Grundanforderungen an die
       Schulbildung nicht mehr: Für Infrastruktur und Militär gebe es „riesige
       Struktursondertöpfe, aber wo bleiben die Sonderprogramme für immaterielle
       Infrastruktur?“
       
       Kultur und Politik, ja, Literatur und Politik sind nicht zu trennen, darauf
       wies auch Radka Denemarková hin, in Zeiten, wo Europa „wieder braun“ werde.
       Der Kampf um die Wortmacht, sagte die tschechische Schriftstellerin, sei
       auch ein Kampf um die Weltmacht. Den ganzen Irrsinn des Nationalismus rief
       sie dabei ebenfalls in Erinnerung, sei doch eine Nation nichts weiter als
       ein Konstrukt, bestehend aus Sprache, Grenzen, Propaganda, und die
       nationale Identität eine, die auf Negation gründe. Daher, das stellte sie
       ihrer Rede, die mit stürmischem Beifall quittiert wurde, dabei voran, dürfe
       man eines nicht vergessen: Staatsminister kommen und gehen, die Literatur
       aber bleibe.
       
       7 Oct 2026
       
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