# taz.de -- Verteidigung der Literaturkritik: Für die Störung des Betriebsablaufs
       
       > Warum Literaturkritik? Weil es in der Literatur um etwas geht. Literatur,
       > die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben.
       
 (IMG) Bild: Tagung der Gruppe 47 in Berlin: Diese patriarchalen Zeiten sind vorbei, doch wie ist ihr Ernst zu retten?
       
       Es hat schon immer eine spezifische Vehemenz der deutschen Literaturkritik
       gegeben, das lässt sich aus ihren historischen Anfängen heraus erklären. Im
       18. Jahrhundert ging es für die Schriftsteller darum, eine deutsche
       Literatursprache überhaupt erst zu schaffen. Die kleinabsolutistischen Höfe
       waren für das sich entwickelnde Bürgertum eine beträchtliche Hürde.
       
       Schriftsteller betätigten sich unter diesen Umständen ganz
       selbstverständlich auch als Literaturkritiker, Gotthold Ephraim Lessing
       etwa war als Kritiker mindestens genauso bekannt wie als Dramatiker. Die
       Literaturkritik wurde als eine eigene literarische Gattung begriffen. Denn
       es ging um etwas. Man schonte sich nicht. Lessing urteilte über ein Poem
       seines berühmten Zeitgenossen Friedrich Gottlieb Klopstock: „Es ist, wie
       des Herrn Klopstocks Lieder alle sind; so voller Empfindung, dass man oft
       gar nichts dabei empfindet.“
       
       Es ging ums Ganze. Ästhetische Auseinandersetzungen traten oft an die
       Stelle von politischen, denn das deutsche Bürgertum hatte im 18. und dann
       auch im 19. Jahrhundert nichts zu bestimmen und nichts zu sagen. Über die
       Kunst dafür aber umso mehr. Man wurde gerne grundsätzlich. Einer der
       schönsten Sätze von Ludwig Börne lautet: „Seit ich fühle, habe ich Goethe
       gehasst, seit ich denke, weiß ich warum!“
       
       ## Aktuelle Debattenparameter
       
       Im 19. Jahrhundert wurde die Literaturkritik aber beileibe nicht mehr nur
       von Schriftstellern betrieben. Es entwickelte sich eine neue Kaste, die
       eher akademisch, ja oberlehrerhaft agierte.
       
       Dabei versteckte sie ihre subjektiven Grundlagen hinter einem sich objektiv
       gebenden Duktus und baute auf die gerade in der Luft liegenden
       Theoriefelder auf. Im 19. Jahrhundert waren das Vaterland, Religion und
       Familie, und damit zogen Universitätsdozenten das gelegentlich ungestüm
       Brausende der Literatur routiniert auf ihr Level herunter.
       
       Diese Kritiker sind längst vergessen, aber ihre Attitüde hält sich bis
       heute. Nur dass die Diskursformen nicht mehr „Vaterland“ und so weiter
       heißen, sondern eher von den gerade aktuellen Debattenparametern bestimmt
       sind.
       
       Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein spielten Literatur und Kritik jedoch
       noch oft auf derselben Klaviatur. Walter Benjamin las [1][Marcel Proust]
       und schrieb: „Im vorigen Jahrhundert gab es in Grenoble – ich weiß nicht,
       ob heute noch – ein Wirtshaus ‚Au Temps perdu‘. Auch bei Proust sind wir
       Gäste, die unterm schwankenden Schild eine Schwelle betreten, hinter der
       uns die Ewigkeit und der Rausch erwarten.“
       
       ## Rausch und Ewigkeit
       
       Damit sind wir auf dem ureigenen literarischen Terrain: Rausch und
       Ewigkeit. Der Zivilisationsbruch durch das NS-Regime zeigte sich aber auch
       auf dem engeren Feld der Kultur. Nach 1945 stellte sich die Aufgabe, an
       eine kritische Praxis anzuknüpfen, die vollkommen ausgetrieben worden war.
       Sie fungierte in der Frühzeit der Gruppe 47 als ein Mittel, die Prägungen
       durch die NS-Zeit zu überwinden, in Form von Rede und Gegenrede.
       
       Im Grunde ähnelte die Situation derjenigen im Zeitalter Lessings und der
       Aufklärung: Man musste sich darüber klarwerden, wie eine neue Literatur der
       Gegenwart überhaupt aussehen könnte. Und dadurch bekam der Kritiker eine
       enorme Bedeutung. Es ging um etwas. Für das Zusammenspiel von Literatur und
       Literaturkritik konnten die emblematischen Zeilen stehen, die Günter Eich
       1951 in seinem Hörspiel „Träume“ herausstellte, das die Verdrängung der
       NS-Zeit thematisiert: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“
       
       Es ist auffällig, dass das für heutige Ohren eher fremd klingt, erkennbar
       von gestern. Denn die bundesdeutsche Literatur wuchs allmählich in eine
       prosperierende Wohlstandsgesellschaft hinein. 1979 erfand Hans Magnus
       Enzensberger, der immer als erster dran war, für seine Zeitschrift
       Transatlantik die ironisch-verspielte Rubrik „Journal des Luxus und der
       Moden“. Es galt, die neuen, vielfältigen Möglichkeiten des Konsums und der
       Individualisierung auszukosten. Die in den meisten Feuilletons zelebrierte
       Kulturkritik galt schnell als überholt. Sie wurde mit dem zur Mode
       gewordenen Schlagwort „Kulturpessimismus“ gleichgesetzt.
       
       Die popkulturelle Wende jener Jahre wurde mit guten Gründen zunächst als
       eine Befreiung empfunden, es zählte die Lust an der Gegenwart.
       Neugegründete Zeitgeistmagazine wie Tempo oder Wiener brachten dieses
       Gefühl auf den Punkt, lösten das Leitbild der schlecht gelaunten Hippies ab
       und standen für Coolness.
       
       ## Die zwei Pole der Popkultur
       
       Manche Popexegeten machten allerdings schon früh darauf aufmerksam, dass
       die Popkultur zwei Pole hat: Da ist zum einen die Rebellion und zum anderen
       die ekstatische Affirmation des Bestehenden. Und der Markt vereinigt
       beides. Es ist frappierend, dass Mitte der Neunzigerjahre die Leiden eines
       Schweizer Millionärssohns [2][an seiner Barbourjacke] für eine ganze
       Generation identifikationsstiftend werden konnten.
       
       Der Pop- und Magazinjournalismus entwickelte rasch eine Eigendynamik. Die
       Stars der neuen Medienszene waren der allwissende Reporter und der
       Kolumnist, der sein Ich absolut setzt und die Welt durch seinen auf
       Hochglanz polierten Spiegel wahrnimmt. Dieser primäre mediale Narzissmus
       hat sich flächendeckend durchgesetzt.
       
       Mitte der Achtzigerjahre definierte der baden-württembergische
       Ministerpräsident Lothar Späth als erster die Kultur als einen „weichen
       Standortfaktor“ für die Wirtschaft. Das hatte Folgen. Innerhalb weniger
       Jahre entstand eine vielfältige Infrastruktur mit staatlichen Förderungen
       und Subventionen, Preisen und Stipendien, Workshops, Netzwerken und
       Festivals. Die deutsche Gegenwartsliteratur wird seitdem sehr verwöhnt. Die
       Professionalisierung wächst schneller als die Substanz. Und der
       Schriftsteller ist nicht mehr nur von Kritiken abhängig, er kann sich
       selbst vermarkten.
       
       ## Euphorie der Gegenwart
       
       In den neunziger Jahren, als die Euphorie der Gegenwart auf ihrem Höhepunkt
       war, entstanden neue Modewörter. Sie hießen „larmoyant“ oder „raunend“ und
       richteten sich gegen alles, was nicht präsent und eindeutig genug war – zu
       sehr im Dazwischen, zu schwebend, zu wenig übersetzbar in das aktuelle
       Mediengefühl. Das Wort „niedrigschwellig“ avancierte zum neuen Mantra der
       Kulturfunktionäre.
       
       Es wird immer vorschnell mit „demokratisch“ verwechselt. Zum Feindbild
       einer neuen Klasse von Medien- und Kommunikationsexperten wurde das
       vermeintlich Abgehobene, allzu Voraussetzungsreiche, das schwer
       Verständliche – also schlechthin: das dezidiert Literarische.
       
       2015 machte das Internetmagazin Perlentaucher eine Umfrage zur
       Literaturkritik. Der Gestus des Kunstrichters und Gatekeepers, so der
       Befund, entspreche nicht mehr den Gegebenheiten. Die Rolle des überkommenen
       Literaturkritikers übernehmen jetzt Kulturmanager, Literaturvermittler,
       Moderatoren und anderweitig Medienprominente. Sie sind die Schmiermittel
       des Betriebs – weit entfernt von Günter Eichs Sand im Getriebe.
       
       Kritik – das ist eine Störung des Betriebsablaufs. Als viel passgenauer
       gelten Kernsätze von Amazon-Rezensionen wie: man habe das „gern gelesen“,
       oder es sei so „furchtbar spannend“. Es ist auffällig, dass man im
       Politikjournalismus vor populistischen Vereinfachungen warnt – aber im
       Kulturjournalismus, bei vielen Bloggern und BookTokkern, ist Populismus so
       etwas wie die Geschäftsgrundlage.
       
       Seit jeher haben sich nachdenkliche Köpfe darüber beklagt, dass viel mehr
       Gedichte geschrieben als gelesen werden. Heute trifft das auf etliche
       Internetaktivisten zu: zweiminütige Kurzvideos auf dem Sofa, emotional und
       selbstgewiss. Das Medium ist die Botschaft. Doch wer sich nur für die
       Gegenwart interessiert, versteht auch die Gegenwart nicht.
       
       ## Kritik und Konsumforschung
       
       Es gibt herausragende zeitgenössische Autoren, die nicht hinter das
       zurückfallen möchten, was William Faulkner, [3][Ingeborg Bachmann] oder Uwe
       Johnson entwickelt haben, um ästhetische Formen für ein zeitgenössisches
       Bewusstsein zu finden. Sie haben es naturgemäß schwerer, wenn der
       literarische Populismus stärker wird. Und auch die Zeit der schriftlich
       ausformulierten, differenzierten Literaturkritik, auf die solche Autoren
       angewiesen sind, sei vorbei – sagen die Medienexperten oder das, was die
       Chefredakteure und Programmdirektoren dafür halten.
       
       Empirische Daten über das „Publikum“ scheinen das zu bestätigen. Das
       „Publikum“ an sich gibt es aber nicht, es ist in erster Linie ein
       ideologisches Konstrukt. Mit Statistiken kommt man bei Literatur und
       Literaturkritik nicht weit. Es ist vollkommen verfehlt, sie mit den Mitteln
       der Konsumforschung erfassen zu wollen. Wer Genuss daran hat, einen
       Bordeaux von einem Burgunder zu unterscheiden, wird sich nicht mehr mit
       Liebfrauenmilch zufriedengeben. Und eine Literatur, die glaubt, keine
       Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben. Dann geht es
       letztlich um nichts mehr.
       
       Literatur als Kunst kann provozieren. Sie stößt in Leerstellen vor, in das
       Mehrdeutige und Unheimliche. Sie entzieht sich den Begriffen und schafft
       eine Form von Erkenntnis, die überrumpelnd und auf unbekannte Art erhellend
       ist. Dazu gehören Rhythmus und Form, dazu gehört Sprache als Übersetzung
       bisher nicht wahrgenommener Bilder.
       
       Literatur lebt davon, dass ein anfängliches Nicht-Verstehen produktiv sein
       kann, und dasselbe gilt auch für die Literaturkritik. Sätze wie: „Das
       verstehe ich nicht“, oder: „Ich fühle mich da nicht abgeholt“, die oft ganz
       selbstverständlich als Argument benutzt werden, verweigern sich den
       schönsten Erlebnissen, die man haben kann.
       
       Marcel Proust war bekanntlich auch ein großer Literaturkritiker, und am
       Ende seines Großromans über die verlorene Zeit spricht er vom „trügerischen
       Charakter der angeblich realistischen Kunst“. Sie sei „verlogen“, weil sie
       dem, „was wir fühlen, einen Ausdruck“ gebe, der den Gefühlen keineswegs
       entspreche, „den wir aber nach kurzer Zeit für die Wirklichkeit halten“.
       
       Proust steht dafür, dass Literaturkritik nichts mit einem gemeinen
       Rezensionswesen zu tun hat, mit Daumen hoch und Daumen runter. Ein wahrer
       Kritiker schreibt nicht nur Rezensionen. Er ist ein Essayist, der die
       flirrende Zone ausmisst, die von der Kunst ausgeht und sich in ihren Raum
       hinein bewegt.
       
       Dieser Text ist eine bearbeitete und gekürzte Version der Dankesrede, die
       der Autor gehalten hat, als ihm am 24. Oktober von der Deutschen Akademie
       für Sprache und Dichtung in Darmstadt der Johann-Heinrich-Merck-Preis für
       Literaturkritik verliehen wurde.
       
       26 Oct 2026
       
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