# taz.de -- Debatte um Thélyson Orélien: Um Integrität geht es nur am Rande
> Die Rechte mischt mit: In der französischen Debatte um KI-Vorwürfe gegen
> den Schriftsteller Thélyson Orélien wird auch um die kulturelle Hegemonie
> gekämpft.
(IMG) Bild: Für ihn wird die Luft dünner: Schriftsteller Thélyson Orélien
Dass der Kulturkampf in Frankreich mit harten Bandagen geführt wird, ist
spätestens seit [1][dem Einstieg des rechtsextremen Unternehmers Vincent
Bolloré] beim Mutterkonzern des Verlagshauses Grasset für jeden
ersichtlich, der eine französische Buchhandlung betritt. Wo man hierzulande
noch über die Symbolkraft des Axel-Springer-Preises für den rechten
Investor und Antichrist-Experten Peter Thiel diskutiert, hat Bolloré längst
Tatsachen geschaffen, unliebsame Herausgeber auf die Straße gesetzt und
ganze Redaktionen vergrault, die seinem rechtsextremen Weltbild nicht
entsprechen.
Nun ist der Kampf um die kulturelle Hegemonie in der fünften Republik um
eine neue Feldschlacht reicher. Hauptakteur in dieser Runde ist der
haitianisch-kanadische Autor Thélyson Orélien, dessen für den Prix Goncourt
nominierter Roman „Es war das oder sterben“ sich aktuell einem
KI-Plagiatsvorwurf ausgesetzt sieht, der vom zunächst anonymen X-Account
„Balance ton Claude“ ins Feld geführt wurde.
Nicht der Autor selbst soll seine odysseehafte Migrationserzählung verfasst
haben, sondern eine KI. Als Smoking Gun bezieht man sich auf das
KI-Erkennungstool Pangram, das zu einem deutlichen Urteil kommt: 94 Prozent
des Romans sollen künstlichen Ursprungs sein. Im DLF-Kultur-Interview weist
der KI-Experte Moritz Metz darauf hin, dass die False-Positive-Rate von
Tools wie Pangram vor allem bei langen Texten im Promillebereich liegt.
Dennoch meldet nicht nur der deutsche Übersetzer Jürgen Ritte in einem
SZ-Interview Zweifel an der Plausibilität der Vorwürfe an. Kann ein Large
Language Model wirklich den ganzen Literaturbetrieb (und ihn selbst)
hinters Licht geführt haben?
Es ist ein Fall, der natürlich an den von Jason Arday erinnert, der im
Sommer das akademische wie politische Großbritannien gleichermaßen in
Beschlag nahm und der im Suizid des vermutlich hochstaplerischen
Soziologiestars und Autisten endete. Der Fall wurde [2][von rechts wie
links für unlautere Zwecke instrumentalisiert] und bald schien es nicht
mehr um den Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen zu gehen, sondern um die
Frage: Haben sich „woke“, akademische Institutionen aus ideologischen
Gründen blenden lassen? Und haben rechte Hetzkampagnen einen zwar
prominenten, doch ansonsten nicht besonders singulären Plagiatsfall zum
antiwoken Emblem gemacht und Arday letztlich in den Suizid getrieben?
## Die Luft wird dünner
Auch im Fall Orélien mischt die Rechte kräftig mit. Hinter besagtem
X-Account „Balance ton Claude“ steckt unter anderem der rechte
Le-Figaro-Journalist Samuel Fitoussi. Der Figaro war es auch, der die
Debatte durch mehrere Artikel so richtig ins Rollen gebracht hatte. Gerade
im Hinblick auf den Ausgang des Falls Arday sollte man also Vorsicht walten
lassen und prüfen, wer aus welchen Gründen in Richtung des unter Verdacht
geratenen Autoren schießt.
Allerdings wird die Luft um Orélien immer dünner. Denn immer neue
Enthüllungen legen nahe: Der Autor nahm es auch vor dem Advent generativer
KI nicht besonders genau mit der Urheberschaft. [3][Bis zurück ins Jahr
2010] gehen die Plagiatsvorwürfe inzwischen, und beinahe täglich kamen in
den letzten Tagen neue Anschuldigen hinzu. Zeitungsartikel,
Kurzgeschichten, Gedichte, überall finden sich wohl ganz klassisch
plagiierte Textstellen, auf die die KI-Detektoren nicht anspringen.
Bisher streitet Orélien die Vorwürfe ab, wittert eine Kampagne, auch sein
Verlag Grasset spricht von Fake News. Der Autor erlebt derweil längst sein
persönliches Waterloo. Sein kanadischer Verlag hat die Lesereise gecancelt,
der Prix Goncourt hat ihn von der Longlist gestrichen, nach eigenen
Angaben, um die „Integrität des Preises“ zu schützen.
Doch ist die nicht längst dahin, wenn selbst ein Gremium aus sogenannten
Experten anscheinend nicht mehr unterscheiden kann, was menschlichen
Ursprungs ist, was Retorte? Wie bei Jason Arday dreht sich auch diese
Debatte nicht zwangsläufig um Fragen der Integrität literarischer Texte,
sondern um politische Kampfbegriffe wie DEI, Wokeness: die üblichen Talking
Points. Zu allem Überfluss meinen manche schon, in ein paar Jahren würde
sich ohnehin niemand mehr an der literarischen Nutzung textgenerierender KI
stören, wozu also der Aufriss?
Sollten sich die Anschuldigungen als wahr herausstellen, gibt es wie fast
immer beim Thema „künstliche Intelligenz“ vor allem einen Verlierer: die
Literatur selbst, samt der Autor*innen, die nicht anders können, als zu
schreiben, die sich nicht um Preise, Anerkennung und Ruhm scheren, und die
zusehen müssen, wie das Fundament, auf dem sie ihr Leben gegründet haben,
von KI-Evangelisten wie Sam Altman oder Elon Musk geschleift wird.
Fast scheint es, als hätten selbst die elitärsten Institutionen des
literarischen Establishments der anti-intellektuellen Konterrevolution des
KI-Zeitalters nicht das geringste entgegenzusetzen, wenn man auch dort
nicht mehr unterscheiden kann, was ein genuiner Text ist und was die
Roboter dafür ausgeben. Zu fragen bleibt: Wie soll man sich unter diesen
Voraussetzungen eigentlich noch ohne galoppierende Depression an den
Schreibtisch setzen?
3 Oct 2026
## LINKS
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