# taz.de -- Propaganda auf der Buchmesse: Kolumbiens Kulturkampf ums Buch
       
       > Der offizielle Stand Kolumbiens auf der Frankfurter Buchmesse löst
       > Empörung aus. Die neue rechtsgerichtete Regierung setzt ihre eigenen
       > Slogans ins Zentrum.
       
 (IMG) Bild: Sorgt für Proteste: der Stand Kolumbiens auf der Frankfurter Buchmesse
       
       Wenige Worte, ein simples Design – doch der Ärger ist groß: „Kolumbien“ und
       „Das Wundervaterland“. Alles in Großbuchstaben. An einer anderen Wand in
       einer Mischung aus Groß und Klein: „Kolumbianische Bücher und Verleger“.
       Beides auf dunkelblauem Grund, darunter eine kolumbianische Fahne im Wind.
       
       Die Schrift, die Farben, den Spruch, all das kennen Kolumbianer:innen
       aus dem Wahlkampf des heutigen ultrarechten Präsidenten Abelardo de la
       Espriella. Es ist auch nicht auf Deutsch übersetzt in Frankfurt.
       
       „Wir fühlen Scham“ über dieses Bild von Kolumbien, das der offizielle Stand
       des Landes auf der Buchmesse zeichnet, schreibt der Verlag Laguna Libros
       [1][auf Instagram zu dem Foto], sosehr man sich über die Teilnahme in
       Frankfurt freue. Eine Flut an Kommentator:innen sieht das ähnlich.
       Bisher hätten exzellente, extra engagierte Grafikstudios in ihrer
       Bildsprache zum Beispiel an den kolumbianischen Dschungel-Klassiker „La
       Vorágine“ erinnert oder heimische Schriftstellerinnen. Der diesjährige
       Stand sei indes „eine Hommage an die Mittelmäßigkeit“, geschaffen mit
       künstlicher Intelligenz – mit dem Regierungsslogan im Zentrum.
       
       ## Womöglich ist der Stand illegal
       
       Statt der in Sachen Literatur erfahrenen Nationalbibliothek hat dieses Jahr
       die Kommunikationsabteilung der Präsidentschaft die Gestaltung des Stands
       übernommen. Das Ergebnis ist optisch nicht besonders attraktiv – und
       womöglich illegal, wie das Team von Laguna Libros anmerkt. Schließlich
       verbiete das [2][Antimarken-Gesetz von 2023], dem Staat das Image einer
       wechselnden Regierung zu verpassen. Immerhin: Im Stand ist wie bisher eine
       Kostprobe der vielfältigen kolumbianischen Literaturlandschaft zu finden.
       Doch sein Design verhindere die Internationalisierung der kolumbianischen
       Literatur.
       
       Felipe González hat den Verlag vor bald 20 Jahren gegründet und führt heute
       das Geschäft. Man begreife sich als Versuchslabor, sagt er, aktuell für
       Graphic Novels, Erzählliteratur und Dokumentarisches. Im verwinkelten,
       lichten Sitz im Bogotaner Stadtteil El Polo steht eine Kaffeetasse von der
       Buchmesse vor ihm. Schon mehrere Male war sein Verlag dort. Dieses Mal mit
       einem Stipendium der Nationalbibliothek.
       
       Der bärtige Mann mit dem runden Gesicht und dem bunten T-Shirt schwankt
       immer noch zwischen Überraschung und Empörung. Der Slogan „Das
       ‚Wundervaterland‘“ beruft sich auf eine „sektiererische religiöse
       Überzeugung“, sagt González. Dabei habe das megabiodiverse Kolumbien mit
       seinen unterschiedlichen Ökosystemen und 65 indigenen Sprachen eine
       ungeheure kulturelle Vielfalt hervorgebracht. „Diese Diversität wird
       ausgelöscht.“ Alles bekomme jetzt den PR-Stempel der Präsidentschaft, alles
       dieselbe Ästhetik.
       
       Was González ebenfalls aufregt: „Diese Regierung zeigt keine klare Haltung
       gegenüber der Kultur, auf die man reagieren könnte.“ Anzeichen gibt es nach
       zwei Monaten Regierungswechsel einige, dass es die Kultur, die der
       kolumbianische Staat laut Verfassung fördern muss, schwer haben wird. Das
       Kulturministerium hat zum ersten Mal in 27 Jahren die Preise und
       Auszeichnungen des Nationalen Förderprogramms gestrichen. Angeblich aus
       Budgetproblemen.
       
       ## Den „kulturellen Marxismus“ wegfegen
       
       Das nach den gleichnamigen Humanisten und Philologen Caro y Cuevo benannte
       staatliche Forschungsinstitut hat seit Kurzem einen Leiter, der den
       „kulturellen Marxismus“ wegfegen will und offen vom „Kulturkampf“ und dem
       Ende der „woken Agenda“ spricht.
       
       [3][Umstritten] ist auch die neu ernannte Leiterin der Nationalbibliothek,
       die erst seit wenigen Tagen im Amt ist. Julia Cristina Daza hatte für
       Abelardo de la Espriella aus Miami Wahlkampf betrieben. Erfahrung im Buch-
       und Bibliothekssektor oder Leseförderung hat sie keine; ebenso wenig mit
       Erinnerungskultur und historischem Erbe. Dafür beteuerte sie beim Antritt,
       was für eine Ehre es sei, [4][am Projekt des „Wundervaterlands“
       mitzuarbeiten]. Sie werde die seit 1777 bestehende Institution „in Gottes
       Hände“ legen.
       
       Juan David Correa war unter der linken Vorgängerregierung von Gustavo Petro
       der am längsten amtierende Kulturminister. Der eingefleischte Linke hatte
       zuvor als Kulturjournalist, Schriftsteller, Herausgeber und Organisator der
       Bogotaner Buchmesse gearbeitet. Den Kolumbien-Stand in Frankfurt hat er
       auch schon organisiert.
       
       „Maximal geschmacklose faschistische Propaganda“ sei der kolumbianische
       Auftritt, nach dem Vorbild von Donald Trump, sagt Correa der taz am
       Telefon. „Das hat nichts mit der Welt der Bücher zu tun.“ Es überrasche ihn
       allerdings nicht, bei einer „Regierung von Nichtlesern“.
       
       8 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/p/DeKRCzLRpTF/?hl=de
 (DIR) [2] https://www.funcionpublica.gov.co/eva/gestornormativo/norma.php?i=227870
 (DIR) [3] https://cambiocolombia.com/puntos-de-vista/articulo/2026/10/una-cruzada-contra-los-libros
 (DIR) [4] https://www.bibliotecanacional.gov.co/es-co/actividades/noticias/en-la-bnc/julia-cristina-daza-nueva-directora-de-la-biblioteca-nacional-de-colombia
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Wojczenko
       
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