# taz.de -- Frankfurter Buchmesse: Ohne US-Agenten im Jetlag
       
       > Gerechtigkeit spielt fürs Lesen eine Rolle, am passenden Ambiente muss
       > man aber noch arbeiten und an der Demokratiebildung auch. Eindrücke von
       > der Buchmesse.
       
 (IMG) Bild: Die 78. Frankfurter Buchmesse machte man mehr oder weniger erfolgreich fürs breite Publikum schick
       
       Vieles ist dieses Jahr anders auf der Buchmesse, die Neuausrichtung
       materialisiert sich im Hallenkonzept. Die Publikumsverlage wurden insgesamt
       in die Erdgeschosse der Messehallen verschoben, die Wege zwischen den
       Ständen verbreitert, Orte für Lesungen geschaffen und für die Schlangen,
       die entstehen, wenn man – „Meet the author“ heißt die Veranstaltung – sich
       sein Buch signieren lassen und ein Selfie mit Autor*in machen lassen
       kann. Die eher fürs Fachpublikum interessanten Stände, vor allem die der
       internationalen Verlagen, finden sich dafür geschlossen in den ersten
       Etagen wieder. Die Frankfurter Messe macht sich also endgültig bereit, eine
       Publikumsmesse zu werden. Erste Cosplayer, die [1][beim Leipziger
       Frühjahrspendan]t längst das Bild prägen, wurden bereits auf dem
       Frankfurter Gelände gesichtet.
       
       Teilweise konnte das Konzept aufgehen. Die Halle 3.0 funktioniert.
       Suhrkamp, Hanser, Klett-Cotta, Ullstein, C. H. Beck teilen sich die Gänge
       mit den Independent-Verlagen wie Merz, Verbrecher, Wagenbach. Die Leseinsel
       der unabhängigen Verlage ist gut integriert. Insgesamt kommt hier so etwas
       wie ein Leipzig-Feeling auf, Leseinteressierte kommen zusammen, greifen
       Themen und Literaturbeilagen ab, informieren sich.
       
       Wenn das für die Frankfurter Buchmesse, die traditionell zuerst immer auch
       ein weltweiter Marktplatz für Publikationsrechte und andere Deals war,
       reicht, ist alles gut. Man kann aber bereits feststellen, dass die einst
       mondänen Anteile rund um die Messe aussterben. Elegante Empfänge im
       Frankfurter Hof, die Absacker an der Bar mit US-amerikanischen
       Literaturagenten im Jetlag, diese Zeiten sind vorbei. Und als am
       Messedonnerstag der Literaturnobelpreis für Anne Carson verkündet wurde,
       fiel das im Geschiebe zwischen den Verlagsständen nicht wirklich auf. Nur
       bei ihren deutschen Verlagen Fischer und Matthes & Seitz wurde es hektisch,
       Kamerateams schauten vorbei.
       
       In der Halle 5.0, einmal über den großen Innenplatz des Messegeländes,
       funktionierte das neue Hallenkonzept sowieso gar nicht. Was nicht nur daran
       liegt, dass die Halle fensterlos, also dunkel ist und eine niedrige Decke
       hat. Vielmehr strahlt sie den Charme eines Billigkaufhauses aus. Die Stände
       von Fischer, Kiepenheuer & Witsch und Rowohlt wurden von Gimmickanbietern
       umrahmt, vor dem Stand von Die Zeit gähnte eine große Freifläche. Schön war
       das alles nicht.
       
       Es gab auch hier gute Momente, in denen das Ambiente gar nicht so auffiel,
       etwa als der fast 90-jährige Wolf Biermann von seinen Tagebüchern erzählte,
       von denen nun eine Auswahl erscheinen wird. Seit er 17 war, habe er jeden
       Tag etwas aufgeschrieben, sagte er, „wie ein kleiner Stasispitzel, nur ohne
       Führungsoffizier und nur für mich“. Doch solche Momente konnten die
       auralose Halle nicht auf Dauer erwärmen.
       
       Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die Frankfurter Buchmesse
       entwickelt. Die Leipziger Messe lebt als Publikumsmesse auch vom Mythos der
       Literaturstadt Leipzig, so einfach lässt sich das nicht in die Bankenstadt
       Frankfurt übertragen. Dass der Wille, die Literatur zu feiern und ein Teil
       von ihr zu sein, aber in der Branche insgesamt da ist, spürt man auch in
       Frankfurt auf den Partys der kleinen Verlage, auf denen wirklich etwas los
       ist. Es geht in dieser Branche nicht ohne direkte, analoge Kontakte, man
       muss sich einmal direkt in die Augen sehen, das wird in solchen Momenten
       klar. Die Frankfurter Messe muss allerdings noch eine Form finden, wie sich
       das in die Zeiten von KI und sozialen Medien für die Branche gut
       implementieren lässt. (Dirk Knipphals)
       
       ## Erben und die Leistungsgesellschaft
       
       Am Stand der Hamburger Edition findet sich die druckfrische Ausgabe des
       Mittelweg 36. „Vom Erben“ steht auf dem Titel der Zeitschrift des Hamburger
       Institut für Sozialforschung (HIS). Das ist vielleicht auch ein Kommentar
       zur eigenen Situation. Denn das HIS und die Zeitschrift Mittelweg 36 werden
       mit [2][dem Rückzug des Gründers und Stifters Jan Philipp Reemtsma 2028]
       ihre Tätigkeiten einstellen. Reemtsma hat mit seinem Erbe eine Arbeit
       ermöglicht, die nun aber nicht unabhängig von seiner Person fortgesetzt
       werden kann.
       
       Im Vorwort der Mittelweg-36-Ausgabe „Vom Erben“ spricht Historiker Jürgen
       Dinkel von den Problemen „der wachsenden sozialen Ungleichheit durch die
       Weitergabe großer Vermögenswerte“. Eine Debatte, wie sie sich in der
       Politik um eine angemessene Besteuerung vererbter Vermögenswerte
       wiederfindet. Damit sind nicht nur Gerechtigkeitsfragen angesprochen, so
       Dinkel, „sondern angesichts zunehmend zahlreicher werdender großer
       Erbschaften auch die Frage, inwiefern entsprechende Transfers mit dem
       Selbstverständnis einer Leistungsgesellschaft in Einklang zu bringen sind“.
       Fragen, die für eine demokratische Gesellschaft und deren solidarischen
       Zusammenhalt von elementarer Bedeutung sind.
       
       Fragen der sozialen Gerechtigkeit stehen naturgemäß auch im Fokus einer
       jeden Buchmesse. In Frankfurt steht Branchen bedingt allerdings die
       systematische Enteignung geistigen Eigentums durch KI und Techkonzerne im
       Mittelpunkt der Diskussion. Auf die Plünderung geistigen Eigentums und die
       Aushebelung des Urheberrechts finden Politik und Gesetzgeber seit Jahren
       kaum Antworten. Absichtserklärungen wie sie EU-Kommissar Glenn Micallef
       oder der deutsche Staatsminister Wolfram Weimer zum Auftakt der Messe von
       sich gaben, können die weitgehende Tatenlosigkeit im Copyright-Sektor
       jedoch nicht kaschieren. Die immateriellen Vermögenswerte der Urheber gehen
       dahin, zu vererben gibt es so demnächst wohl eher wenig.
       
       Aber die Frankfurter Buchmesse wäre nicht die Frankfurter Buchmesse, sofern
       man dort nicht auch all jene träfe, die sich den eher unangenehmen
       weltpolitischen Trends entgegenstellten. Bei vielen Verlagsanlässen am 7.
       10. erinnern die Gastgeber daran, was vor drei Jahren mit dem Überfall auf
       Israel geschah. Und humanistische Politiker und Autoren wie
       Bundestagsvizepräsident [3][Omid Nouripour] versichern am Stand der Ukraine
       der bedrängten Nation auf der Messe ihre Solidarität. Russland zerstört
       gezielt das kulturelle Erbe der Ukraine – Bibliotheken, Museen, Theater,
       zuletzt die Akademie der Wissenschaften in Kiew. 2026 sind laut
       ukrainischem PEN 13 Millionen Bücher bei russischen Angriffen verbrannt.
       Und dennoch: In Frankfurt wird am Samstag auch Artem Tschech lesen,
       Schriftsteller auf Fronturlaub. Er präsentiert dann sein neues Buch,
       erschienen bei Klett-Cotta, „Musik für einen Soldaten“. (Andreas Fanizadeh)
       
       ## Sachsen-Anhalt und die Folgen
       
       Dass die politischen Realitäten den Messe-Talk in den Gängen und auf den
       Podien bestimmen, ist nichts Neues. Neu ist im Jahr 2026, dass es weniger
       um ferne Krisenherde als vielmehr um den Demokratieverfall vor der eigenen
       Haustür geht. Es sind die Tage, [4][nachdem in Sachsen-Anhalt Tobias Rausch
       und Hans-Thomas Tillschneider zum Landtagspräsidenten und -Vizepräsidenten
       gewählt worden waren], nachdem die AfD sich dort breitbeinig in der Mitte
       des Landtags präsentiert hatte und eine Siegmund-Regierung wahrscheinlicher
       wurde.
       
       „Ich denke heute an meine jüdischen Freundinnen und Freunde in
       Sachsen-Anhalt sowie an die migrantischen und an die queeren Menschen
       dort“, [5][sagt Manja Präkels am Mittwochabend] bei einer Veranstaltung im
       Frankfurter Kunstverein. Die aus Brandenburg stammende Schriftstellerin
       („Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“) weist darauf hin, wie fatal und
       unsolidarisch es sei, davon zu sprechen, dass es ja nur um ein kleines
       Bundesland mit wenigen Einwohner:innen gehe. Wenn keine Trendumkehr
       gelinge, sehe man dort ohnehin auch die Zukunft Frankfurts, die Zukunft
       Deutschlands. Präkels, die Bildungsarbeit in Schulen leistet und kürzlich
       das Bundesverdienstkreuz erhielt, schildert, wie die rechten
       Schüler:innen auch in den Klassenzimmern Auftrieb bekämen, wie es an
       Empathie fehle und welche soziale Kälte dort zum Teil herrsche.
       
       Beim Panel „Rechts liest mit: Neurechte Literaturpolitik – und wie wir ihr
       begegnen können“ geht es am Mittwoch um rechte Akteure im Bildungssektor
       und der Literaturbranche. „Das Feld der Literatur ist für die Neue Rechte
       interessanter geworden“, erklärt Autor Clemens Böckmann, der eine Tagung zu
       diesem Thema plant. Das zeige sich zum Beispiel [6][an der Buchmesse
       „Seitenwechsel“,] die die Rechten in Halle/Saale ins Leben gerufen haben,
       aber auch an Podcast und YouTube-Formaten, in denen auch unverdächtige
       Bücher „von rechts“ gelesen werden.
       
       Als typische Beispiele dafür dürfen der rechten Literatur-Podcast „Lesen
       und Lästern“ von Ellen Kositza und Emilietta Beall sowie die (weiteren)
       literarischen Inhalte auf dem von Götz Kubitschek und Co. betriebenen Kanal
       Schnellroda gelten. Zudem seien neuen Verlage und neue Vertriebsstrukturen
       entstanden, so Böckmann.
       
       ## Rechtsruck in Bibliotheken
       
       Vor allem staatliche Literatureinrichtungen und Bibliotheken bekommen den
       Rechtsruck zu spüren. Ein besorgniserregendes Beispiel nannte Arne Upmeier,
       Ethikbeauftragter des Deutschen Bibliotheksverbands. Die Stadtbücherei
       Münster wollte ein putinfreundliches und ein verschwörungsideologisches
       Buch im Sortiment haben, um alle Wirklichkeiten abzubilden, versah beide
       Bücher jedoch mit einem Warnhinweis, es handele sich um ein „Werk mit
       umstrittenem Inhalt (…).„ Einer der Autoren, Gerhard Wisnewski, klagte
       gegen diese Einordnung und bekam in zweiter Instanz Recht. „Es gab einen
       Aufschrei unter Bibliothekaren“, sagt Upmeier, der Fall sei viel zu wenig
       aufgegriffen worden.
       
       Oft wird in solchen Fällen mit einer Neutralitätspflicht staatlicher
       Institutionen argumentiert, die es so gar nicht gibt. Solche Urteile
       dürften dafür sorgen, dass dieses Argument immer wieder falsch vorgebracht
       wird. Die Autor:in und Veranstaltungskurator:in Miedya Mahmod
       fragt bei dem Panel das eigene, demokratische Lager selbstkritisch: „Wo
       versagen wir gerade?“ Es müsse gelingen, Infrastrukturen aufzubauen, um
       positive soziale Utopien zu verhandeln.
       
       „Was jetzt zählt: Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus“ heißt das neue
       Buch [7][des Literaturwissenschaftlers und Slawisten Wolf Iro]. Bei der
       Buchvorstellung am Mittwoch in Halle 3 spricht er davon, jene
       AfD-Wähler:innen erreichen zu wollen, die gegen ihre objektiven Interessen
       wählen: „Wir müssen sie besser verstehen, um sie besser ansprechen zu
       können“, erklärt er. Er rechne jetzt mit einer Entfesselung des
       Kulturkampfes, den die AfD vorantreiben wird, mit dem Angriff auf die
       Öffentlich-Rechtlichen, mit dem Umbau der Landeszentrale für politische
       Bildung in Sachsen-Anhalt. Eine seiner Antworten: Es brauche noch viel
       breitere Bündnisse, zum Beispiel seien bei der Initiative „[8][Verlage
       gegen rechts]“ vor allem die Indie-Verlage vertreten, die Konzernverlage
       hielten sich zurück – womöglich, um für ein breites politisches Spektrum
       offen zu bleiben.
       
       ## Die politische Wirklichkeit überlagert alles
       
       Auch Shida Bazyar, Trägerin des diesjährigen Deutschen Buchpreises, spricht
       bei verschiedenen Talks über Sachsen-Anhalt und die Folgen. Sie wolle sich
       ja einfach freuen und die Messe genießen, aber die politische Wirklichkeit
       überlagere ihren Erfolg sagte sie. [9][Ihr Buch, „Die Lücken“, handelt vom
       Aufstieg der Nazis in dem kleinen pfälzischen Ort Hermeskeil (im Buch
       Heimesbach).] Es sei auch erfreulich, was dort erinnerungspolitisch
       geschehe, so gebe es nun einen Audiowalk zur NS-Geschichte, viele
       Einwohner:innen begännen sich zu interessieren.
       
       Aber: „Über die Vergangenheit sprechen wir sehr viel. Hingegen viel weniger
       darüber, was das mit der Gegenwart zu tun hat“, so Bazyar. Und weiter: „Wir
       sprechen von der AfD, als sei es eine abstrakte Masse, die man irgendwie
       aufhalten muss, und nicht so, als wären das ja die ganz normalen Menschen.“
       Defizitär sei zum Beispiel die Bildungsarbeit – und das
       Demokratieverständnis vieler beschränke sich darauf, alle vier Jahre wählen
       zu gehen. „Es ist auch merkwürdig, dass wir an Schulen kein Fach haben, das
       Demokratiebildung heißt“, sagte sie. In Sachsen-Anhalt wird das wohl so
       schnell nicht kommen. (Jens Uthoff)
       
       9 Oct 2026
       
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