# taz.de -- 1.703 Tage Krieg in der Ukraine: Drohnensurren in der Stille der Natur
> Bei einer Rafting-Tour im Gebiet Poltawa lernt unsere Autorin ganz neue
> Seiten der Ukraine kennen. Und zahlreiche zivilgesellschaftliche
> Initiativen.
(IMG) Bild: Eine Fahrt auf dem Psel im Gebiet Poltawa ist wie Meditation – trotz des leisen Drohnensummens
Von Kyjiw nach Hadjatsch sind es etwa 300 Kilometer. Am Anfang saust der
Bus noch über die glatte Straße, aber die letzten 30 Kilometer schaukelt er
wie auf einer Luftmatratze, wegen der unzähligen Schlaglöcher. Ich fühle
mich ein bisschen seekrank, als wir endlich da sind.
Hadjatsch ist eine Kleinstadt im Gebiet Poltawa mit etwas mehr als 22.000
Einwohnern. Ganz in der Nähe lebte einst die Familie [1][der bekannten
ukrainischen Schriftstellerin Lesja Ukrajinka (1871–1913)], der Ort war
einmal eine Hetman-Residenz und heute ist es ein Wallfahrtsort für
chassidische Juden aus aller Welt.
Ich war mit einer Touristengruppe in Hadjatsch: Kajakfahrten, Exkursionen
und Übernachtungen im Zelt standen auf dem Programm. Ich hatte mir schöne
Orte und historische Informationen erhofft. Stattdessen trafen wir überall
auf lokale Initiativen. Geleitet wurde die Tour von Wolodymyr, einem
örtlichen Unternehmer.
Anfangs dachte ich, der Tourismus sei nur einer seiner Geschäftsbereiche.
Aber je länger er von diesen Orten erzählte, desto klarer wurde, dass es
ihm nicht primär ums Geld ging. Wolodymyr hatte an der Kyiv School of
Economics studiert, um zu lernen, wie man ein Unternehmen aufbaut. Seine
Abschlussarbeit schrieb er über ein Kulturprojekt zur Entwicklung von
Hadjatsch.
## Meditative Flussfahrt mit Drohnensurren
Mit den Kajaks fuhren wir auf dem Fluss Psel entlang. Ich war schon an
vielen Orten in der Ukraine und hatte nicht erwartet, dass mich dieser
Fluss so beeindrucken würde. Im klaren Wasser konnte man Fische beobachten
und Wasserpflanzen, die aussahen wie lange Haare. Im Sonnenschein
schimmerte das Wasser golden – eine Flussfahrt auf dem Psel ist wie
Meditation.
Nur hin und wieder wurde die Stille durch Drohnensurren unterbrochen. Wir
wussten nicht, wer sie gestartet hatte – Einheimische oder das Militär. Das
Gebiet Poltawa liegt relativ nahe an der Grenze zu Russland. Deshalb ist
der Krieg selbst hier, in der Stille der Natur, immer wieder spürbar.
Vielleicht zwingt der Krieg die Ukrainer auch stärker dazu, den Wert
dessen, was zuvor als unveränderlich galt, intensiver zu spüren. Mit dem
Wissen, alles verlieren zu können, wird wohl auch der Wunsch stärker, das
Eigene zu bewahren. In Hadjatsch habe ich Menschen getroffen, die nicht
darauf gewartet haben, dass jemand anderes dies für sie tut.
Auf einem Stopp wurden wir von Einheimischen an einem Lagerfeuer empfangen:
[2][Sie hatten Borschtsch gekocht] und Fleisch gebraten. Unter den
Organisatoren war auch der 22-jährige Grundschullehrer Sascha. Bei mir hat
er damit das Klischee zerstört, dass das vor allem ein Frauenberuf sei.
## Orte am Leben erhalten
Auch die Exkursion vor Ort wurde von Einheimischen geleitet. Iryna hat erst
im reiferen Alter begonnen, sich mit regionaler Geschichte zu beschäftigen.
Walentyna war früher Hobbyimkerin, heute gibt sie Kurse in Imkerei.
Wolodymyr entwickelt Kulturtourismus, Sascha unterrichtet Kinder, Iryna
gibt dem Ort seine Vergangenheit zurück und Walentyna gibt lokales Wissen
weiter. Gemeinsam haben sie die Liebe zu ihrer Heimatregion – nicht
abstrakt, sondern praktisch – umgesetzt.
Kleine ukrainische Orte wirken oft unscheinbar, bis man die Menschen
trifft, die sie am Leben erhalten. Vielleicht mangelt es Hadjatsch an
großen Straßen, Geld oder der Aufmerksamkeit des restlichen Landes. Und
doch organisiert man hier Rafting-Touren, erforscht Geschichte und zeigt
Gästen die Orte, die man für besonders liebenswert hält.
Im Heimatmuseum habe ich ein Aquarell mit einer Ansicht vom Psel gekauft.
Das erinnert mich jetzt nicht nur an meine Reise, sondern auch daran,
[3][dass Geschichte sich nicht einfach selber bewahrt]. Sondern die
tägliche Arbeit von jemandem erfordert.
23 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Yuliia Shchetyna
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