# taz.de -- 1.637 Tage Krieg in der Ukraine: Feriencamp und Luftalarm
       
       > Sommerferien gibt es auch im Krieg. Aber was tun mit den Kindern, wenn
       > sie die freien Tage nicht nur im Keller verbringen sollen? Mütter aus
       > Odessa berichten.
       
 (IMG) Bild: Strandleben in Odessa – trotz Bomben und Minengefahr
       
       Das formal als Frontgebiet geltende Odessa ist [1][die einzige nicht
       besetzte ukrainische Region, in der es offiziell erlaubt ist, im Meer zu
       baden]. Und genau deshalb kommen Menschen aus allen Teilen der Ukraine im
       Sommer her. Vor allem die, die sich keinen Urlaub im Ausland leisten
       können. Die Stadtstrände Odessas sind voll mit Urlaubern. Viele kommen mit
       ihren Kindern.
       
       Allerdings lässt sich diese Art der Feriengestaltung durchaus als extrem
       bezeichnen – denn die Stadt wird nicht nur täglich von Russland
       angegriffen, [2][auch die Minengefahr ist real]. Erst im Juni starb eine
       junge Frau am Strand von Odessa durch einen Bombensplitter.
       
       An einem Tag kann es bis zu zehnmal Luftalarm geben, manchmal mehr. Vom
       Strand aus kann man den Rauch der von Russland attackierten zivilen Schiffe
       sehen und Explosionen, Schüsse und das Summen der Abfangdrohnen hören.
       
       Strandbesuch während des Krieges? 
       
       Odessaer Eltern haben zu dieser Frage ihre ganz eigene Meinung. Einige von
       ihnen gehen zum Beispiel selbst an den Strand, erlauben es aber ihren
       Kindern nicht. Stattdessen gehen sie mit ihnen gleich ins Schwimmbad.
       
       Dreifachmutter Anna erzählt: „Natürlich fahren wir mit den Kindern auch
       Fahrrad, spielen Beachvolleyball, klar. Aber wir wissen auch, dass es
       gerade am Meer gefährlich ist.“ Es gebe aber auch immer noch Ferienlager
       oder Sportfreizeiten, sagt sie.
       
       „Dort gehen sie bei Alarm in Schutzräume“, weiß Anna. Und fügt noch hinzu,
       dass die Kinder sowieso schon dauernd in diesen Kellern seien, weil es
       immer mehr Alarm gebe. „Feriensportangebote gab es vor dem Krieg in Zatoka,
       Serhijiwka und anderen Orten südlich von Odessa. Jetzt wird so etwas in den
       Karpaten angeboten. Aber wir fahren lieber zum Angeln an einen See“,
       resümiert sie.
       
       Sicherheit hat Priorität 
       
       Die Stadtverwaltung von Odessa hat entlang der Küste mobile
       Betonunterstände errichtet. Die bieten natürlich keinen Schutz vor direktem
       Raketen- oder Drohnenbeschuss, aber zumindest vor umherfliegenden
       Splittern. Ob das als Sicherheitsmaßnahme für Kinder ausreicht, muss
       letztendlich jeder für sich entscheiden.
       
       Aber wie man es auch dreht und wendet: Kinder brauchen aktive Erholung. Am
       besten im Wasser, nicht nur im Keller.
       
       Soja, Mutter der 10-jährigen Alysa, erzählt: „Wir fahren überhaupt nicht
       mehr an die Strände außerhalb der Stadt, so wie es viele Odessiten früher
       gemacht haben. Und wir versuchen auch, weniger an die Stadtstrände zu
       gehen.“ Stattdessen besuchten sie jetzt Schwimmbäder im Binnenland. Denn am
       Meer ist ein Angriff wahrscheinlicher. Es gibt jetzt auch mehr Orte in
       Kellerräumen wie Kinderclubs, Sport- und Tanzstudios.
       
       Die Inflation verschärfe die Lage noch zusätzlich, sagt Soja.
       Kinderferienangebote haben sich im Laufe des Krieges um durchschnittlich 30
       Prozent verteuert. Die Gehälter seien hingegen gleichgeblieben.
       
       Günstige Kinderferien 
       
       Für Kinder aus einkommensschwachen Familien, von Militärangehörigen und
       Binnengeflüchteten bieten Staat und Sozialverbände auch kostenlose
       Kinderreisen an. Olena (Name aus Sicherheitsgründen geändert) ist
       Soldatenfrau. Ihr 15-jähriger Sohn Borys fährt wegen dieser Angebote jetzt
       häufiger ins Ferienlager.
       
       „Letztes Jahr war er beim Rafting im Gebiet Mykolajiw, im Winter zum
       Skifahren in der Westukraine. Dieses Jahr fährt er nach Deutschland. Jedes
       Camp in der Ukraine garantiert, dass dort Schutzräume sind. Es ist auch
       immer mindestens ein Arzt dabei“, erzählt Olena.
       
       Seit mehr als zwei Jahren hören wir hier schon die Siegesmeldungen, dass
       der Krieg jeden Moment zu Ende sein werde, das ist so ein
       Hintergrundrauschen. Aber Realisten glauben nicht an ein schnelles Ende.
       Schon jetzt wird Zivilisten geraten, Kurse zur medizinischen und
       militärischen Ausbildung zu absolvieren. [3][Für Kinder gibt es schon
       länger militärisch-sportliche Vorbereitungscamps]. Nicht, weil wir den
       Krieg so sehr lieben. Sondern weil wir nicht riskieren wollen, getötet zu
       werden.
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey
       
       18 Aug 2026
       
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