# taz.de -- 1.565 Tage Krieg in der Ukraine: Familiengeschichten und kulturelles Gedächtnis
       
       > Unsere Autorin erstellt einen Familienstammbaum. Nicht so einfach – beim
       > Rückzug aus dem Gebiet Cherson haben die Russen Archivbestände
       > mitgenommen.
       
 (IMG) Bild: Die Plünderung von Archiven hinterlässt Löcher, die sich nicht mehr schließen lassen
       
       Solange ich denken kann, wollte ich einen Familienstammbaum erstellen.
       Jetzt bin ich schon fast 30 und habe das immer noch nicht geschafft. Und
       meine Großeltern, die mir etwas zur Familiengeschichte hätten erzählen
       können, leben nicht mehr.
       
       Ich habe also beschlossen, es nicht weiter auf die lange Bank zu schieben.
       Was auch am großen Krieg in der Ukraine liegt. Als russische Truppen mein
       Heimatdorf [1][im Gebiet Cherson] besetzten, hat meine Mutter alle
       Familienfotos, Dokumente und Schmuck, alles von besonderem Wert für unsere
       Familie, im Garten vergraben. Im Fall eines russischen Raketeneinschlags in
       unser Haus wären wenigstens diese Dinge erhalten geblieben.
       
       Bei meinen Recherchen habe ich mit der Linie meines Vaters begonnen. Aus
       irgendeinem Grund waren die Gräber seiner Großeltern immer unbeschriftet
       geblieben. Deshalb wollte ich als erstes richtige Gedenktafeln für sie
       machen, mit Namen, Geburts- und Sterbedaten. Klingt ganz einfach, oder?
       Aber alles, woran sich mein Papa noch erinnert, ist, dass seine Oma Nina
       hieß und sein Opa Iow. Und wie er als Fünfjähriger mit seiner Oma zum
       Milchholen ging. Das war alles.
       
       Zuerst habe ich mit meiner Mama zusammen alle älteren Verwandten befragt.
       Doch die konnten sich kaum noch an etwas erinnern. Dann haben wir im Archiv
       der Kolchose unseres Dorfes nachgefragt. Ein großes Glück, dass es das
       überhaupt noch gab.
       
       ## Erste Hinweise auf meine Urgroßeltern im Kolchosarchiv
       
       Nach einer Woche in dem kalten, uralten Archivraum wusste ich: Meine
       Urgroßmutter hieß Nina Hryhoriwna. In den 1950er- und 1960er-Jahren hat sie
       Baumwolle und Hopfen verarbeitet und Truthähne gehütet. Mit Urgroßvater Iow
       war es schwieriger. Im Kolchosarchiv fanden wir nichts. Und die Verwandten
       konnten sich gar nicht an ihn erinnern.
       
       Aber dann fand ich die Daten von ihrer Tochter Paraska, die 1933 während
       des Holodomor starb. Die Namen derer, die während dieser künstlichen
       Hungersnot umgekommen sind, werden im [2][Holodomor-Museum in Kyjiw]
       gesammelt. Einige sind schon digitalisiert. Und dort habe ich in der Liste
       meines Dorfes Paraska Iowna Shchetyna gefunden.
       
       Mir wurde klar, dass ich bei weiteren Archiven anfragen musste, um mehr
       über meine Vorfahren herauszufinden. Aber das ist problematisch. Denn als
       die russischen Truppen Ende 2022 aus dem Gebiet Cherson abzogen, nahmen sie
       wertvolles Archivmaterial mit. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken,
       dass die einzigen Informationen über meine Vorfahren jetzt vielleicht für
       immer und ewig irgendwo in Russland sind.
       
       ## Hilfe im Internet
       
       Ich verbringe mittlerweile fast jeden Abend mit Recherchen. Auch über die
       Familie meiner Mutter. Mein Großvater mütterlicherseits hieß Semen
       Jemeljanowitsch Staruschyk. Ich wusste nur, dass er mit meiner Oma in
       Enerhodar gelebt und im AKW Saporischschja gearbeitet hatte. Und dass er
       als Kind im Krieg aus Wolhynien in die Gegend um Cherson gekommen war.
       
       Dann gab ich einfach mal Jemeljan Starushyk bei Google ein. Und machte eine
       spannende Entdeckung: Es zeigte sich, dass jemand anders aus unserer
       Familie auch schon genealogisch unterwegs gewesen war. Und so haben wir
       jetzt einen vollständigen Stammbaum meiner Mutter, der bis 1790
       zurückreicht.
       
       Ich stehe erst am Anfang meiner Recherchen. Aber schon jetzt macht mich das
       unglaublich glücklich. So, als würde ich eine Verbindung zu meinen
       Vorfahren aufbauen und besser verstehen, wer ich selber bin.
       
       Russland versucht mit seinen verbrecherischen Methoden nicht nur uns unser
       Land, sondern auch unsere Erinnerungen, unsere Archive und unsere
       Geschichte zu stehlen. Aber wir sammeln diese Geschichte trotzdem, anhand
       von Fotos, Dokumenten und Familienerinnerungen. Und die lehren uns wichtige
       Werte: den Respekt vor der Familie, der Heimat und der Geschichte unseres
       Landes.
       
       Und zu wissen: Selbst wenn das Imperium versucht, unsere Vergangenheit und
       unsere Familiengeschichten auszulöschen, wir holen sie uns zurück. Mit
       jedem Namen, jedem Datum und jedem Zweig unserer Familie.
       
       Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
       
       8 Jun 2026
       
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