# taz.de -- EU-Handelskommissar in Peking: Letzte Visite vor dem Handelskrieg
> EU-Handelskommissar Šefčovič will in China die Wogen glätten. Peking
> spricht von einer Einigung, doch die Details sind unklar.
(IMG) Bild: Beißt bei Verhandlungen mit Peking auf Granit: Maroš Šefčovič, EU-Kommissar für Handel
Maroš Šefčovič blieben keine 48 Stunden, um eine weitere Eskalation mit dem
wohl [1][herausforderndsten Handelspartner] der Europäischen Union
abzuwenden. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Handelsbeziehungen
zwischen der EU und China wieder ins Gleichgewicht zu bringen“, schrieb der
EU-Handelskommissar auf X, kurz bevor er sich am Donnerstag mit dem
chinesischen Handelsminister Wang Wentao traf.
Entscheidend sei, dass die Gespräche diesmal auch [2][konkrete Resultate]
liefern würden. Am Freitagabend verkündete die chinesische Seite
schließlich eine „Einigung“ beim Handel mit Hybridfahrzeugen – einem der
zentralen Streitpunkte. Doch konkrete Details gingen aus dem vom
chinesischen Handelsministerium publizierten Dokument nicht hervor. Auch
die EU hat sich bislang nicht geäußert. China-Experte Bill Bishop schrieb
in einer ersten Einschätzung, dass die Ergebnisse recht „dünn“ anmuten.
Bislang ist Brüssel bei Verhandlungen mit Peking vor allem auf Granit
gestoßen. Dabei ist der Konflikt nicht mehr übersehbar: 360 Milliarden Euro
betrug das europäische Handelsdefizit gegenüber der Volksrepublik China im
Vorjahr. 2026 ist das Ungleichgewicht sogar nochmal deutlich gestiegen – es
erreicht längst mehr als 1 Milliarde Euro pro Tag.
„Diese Entwicklungen werfen einige grundlegende Fragen zum Handel auf“,
sagte Jens Eskelund, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking,
Ende September: „Wenn Handel nur noch für eine Seite Mehrwert schafft und
nicht für die andere, stellt sich natürlich die Frage: Warum sollte man
dann überhaupt noch Handel treiben?“
## Verlust an Marktanteilen, regelrechte Deindustrialisierung
Kern des Problems ist, dass Chinas ökonomischer Aufstieg auch mit einem
[3][historischen Ungleichgewicht] einherging. Das Reich der Mitte
produziert mittlerweile 30 Prozent aller globalen Industriegüter, trägt
aber nur rund 13 Prozent zum weltweiten Konsum bei. Anders ausgedrückt:
Weil die Privathaushalte zu wenig vom Wirtschaftswachstum profitieren,
hängen die Betriebe immer stärker vom Export ab – bei extrem niedrigen
Gewinnmargen.
Für viele Handelspartner führt dies nicht nur zu einem rasanten Verlust an
Marktanteilen, sondern auch einer regelrechten Deindustrialisierung.
Deutschland verliert derzeit laut einer Schätzung der Bundesbank bis zu
15.000 Industriearbeitsplätze pro Monat – natürlich nicht nur, aber eben
auch als Folge der unfairen Konkurrenz aus China.
China-Experte Bishop, der den täglichen Fach-Newsletter „Sinocism“
herausbringt, glaubt allerdings nicht, dass die Gespräche von Šefčovič eine
Eskalation verhindern werden. Wer die Staatsmedien durchstöbert, der
vernimmt ebenfalls wenig Kompromissbereitschaft: „Wenn die europäische
Seite jederzeit bereit ist, zu eskalieren, während beide Seiten
freundschaftliche Beratungen führen, kann man das nicht als ein Treffen auf
halbem Weg bezeichnen“, heißt es in einem Leitartikel des einflussreichen
Onlineaccounts „Yuyuan Tantian“.
Und: „Handelsungleichgewichte sind strukturelle Probleme, die sich über
einen langen Zeitraum gebildet haben und schwer durch kurzfristige
restriktive Maßnahmen zu lösen sind. Beide Seiten müssen strategisch
geduldig sein.“
## Überraschende Ablehnung
Doch der EU geht die Geduld allmählich aus. Insbesondere im [4][Konflikt um
Hybridfahrzeuge] möchte sie schnelle Resultate erzielen. So dürfte Brüssel
noch im Oktober den chinesischen Marktanteil bei Hybridfahrzeugen auf etwa
15 Prozent begrenzen. Eine Anfrage über ein freiwilliges Exportlimit –
quasi als Geste des guten Willens – hat Peking wenig überraschend
abgelehnt.
Denn China sieht sich nach wie vor am längeren Hebel. Man weiß genau, dass
in Europa demnächst mehrere Schicksalswahlen anstehen. Sollte etwa Marine
Le Pen nächste Präsidentin Frankreichs werden oder es in Deutschland zu
Neuwahlen kommen, würden die Karten aus chinesischer Perspektive neu
gemischt.
Zudem hat sich das chinesische System bei Handelskonflikten in der
Vergangenheit bislang als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Pekings
Parteiführung tritt mit einer geeinten Stimme auf, während die EU die
Interessen von 27 Mitgliedstaaten austarieren muss. Zudem hat China gezielt
strategische Abhängigkeiten geschaffen, darunter auch bei seltenen Erden.
Jener Trumpf hat schon dazu geführt, dass auch US-Präsident Donald Trump
eingeknickt ist.
Die Staatschefs Macron und Merz haben sich dennoch dafür ausgesprochen, der
EU [5][stärkere Schutzinstrumente] an die Hand zu geben, um effizienter
gegen unfaire Handelspraktiken vorgehen zu können. Auch wenn China in dem
Schreiben von Frankreich und Deutschland nicht explizit genannt wurde,
handelt es sich doch ganz klar um eine Drohung in Richtung Peking. Doch die
Retourkutsche des chinesischen Handelsministeriums folgte prompt: Auf jede
Maßnahme werde man entschlossen reagieren.
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /EU-Handelspolitik-gegenueber-China/!6218950
(DIR) [2] /Europas-Stellung-im-Welthandel/!6213101
(DIR) [3] /Chinas-Aufstieg-seit-2001/!6208883
(DIR) [4] /Zukunft-der-E-Mobilitaet/!6218489
(DIR) [5] /Handelskonflikt/!6219281
## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
## TAGS
(DIR) China
(DIR) EU-Kommission
(DIR) Handelspolitik
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