# taz.de -- Demos am 7. Oktober in Berlin: Blind vor Solidarität
       
       > Die diesjährigen Gedenkveranstaltungen zum 7. Oktober zeigen, wie
       > ideologisch verhärtet die beiden Seiten sind. Für Selbstkritik gibt es
       > keinen Raum.
       
 (IMG) Bild: „Until total liberation“-Demo: „One genocide does not justify another“
       
       „Israel hat das Recht sich zu verteidigen“, meint Innenminister Alexander
       Dobrindt (CSU). „Israel hat das recht sich zu ficken“, findet eine
       propalästinensische Demonstrantin. Die Gedenkdemos an diesem 7. Oktober,
       drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, zeigen: Beide
       Seiten verschanzen sich hinter ihrer bedingungslosen Solidarität,
       unabhängig von Gräueltaten, die auf beiden Seiten begangen wurden und
       werden.
       
       Den Genozid-Vorwurf einfach umzudrehen, ist zynisch. Das hinderte Ron
       Prosor jedoch nicht daran, genau das zu tun: Der 7. Oktober sei ein Genozid
       gewesen, sagte der israelische Botschafter bei der [1][zentralen
       Gedenkfeier zum 7. Oktober auf dem Bebelplatz.] „Ein Genozid an Juden und
       Israelis und nicht umgekehrt.“
       
       Ähnlich geschmacklos äußerte sich dann auch Alexander Dobrindt (CSU): Bei
       den Parolen, die man in Berlin an Hauswänden und auf Demos lese, gehe es
       nicht darum, dass etwas befreit werden solle, sagte der Innenminister. „Es
       geht darum, dass etwas vernichtet werden soll: ein jüdisches Volk.“
       
       Vor dem Hintergrund der mehr als 59.000 ermordeten Zivilist*innen in
       Gaza seit Kriegsbeginn und der Tatsache, dass Menschenrechtsorganisationen
       und eine Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats den Krieg als
       Völkermord werten, zeugen diese Aussagen von einer bemerkenswerten
       Einseitigkeit.
       
       Diese zeigt sich auch bei den Demonstrant*innen auf dem Bebelplatz.
       „Thank you IDF“ stand etwa auf einem der Plakate. Ein Dank an jene
       israelische Armee, über deren menschenverachtende Kriegsführung ehemalige
       Soldat*innen in der kürzlich erschienenen Dokumentation „Naza“
       berichteten: Bei Angriffen würden mitunter bis zu 500 zivile Opfer
       mutwillig in Kauf genommen, sie würden mit Drohnen zusehen, wie
       Kinderleichen von Hunden aufgegessen würden. Gaza wird als eine „factory of
       targets“ beschreiben und das Töten mit einem Videospiel verglichen – das
       Spaß mache.
       
       ## Hamas-Verherrlichung auf propalästinensischer Demo
       
       Getoppt wurde die ideologische Verblendung durch die propalästinensischen
       Demonstrant*innen, die am Mittwochabend [2][unter dem Motto „Until total
       liberation“ vom Oranienplatz zum Kottbusser Tor] zogen. 700 sich links
       positionierende Antiimperialist*innen forderten die Befreiung
       Palästinas – und zwar mit allen Mitteln.
       
       „All oppressed people have the right to violence“ stand etwa auf einem
       Banner, auf anderen „Death to zionism“ oder „Glory to the resistance“. Auch
       ein rotes Dreieck, ein Symbol, das immer wieder von der Hamas benutzt wird,
       war auf einem Transparent zu sehen. Bereits der [3][Demoaufruf zeigte einen
       Bulldozer, der einen Stacheldrahtzaun durchbrochen hat.] Auf diese Weise
       waren Hamas-Kämpfern von Gaza nach Israel gelangt.
       
       Wer diese Gewalttaten verherrlicht, ist menschenverachtend und darf sich
       nicht links nennen. Gleichzeitig stehen die beiden Veranstaltungen nicht
       auf derselben politischen Ebene. Die kompromisslose Israel-Solidarität geht
       von Politiker*innen und einem Botschafter aus, die Einfluss auf
       Debatten über Waffenlieferungen und den Umgang mit Demonstrationen haben.
       Auf der anderen Seite stehen Aktivist*innen, von denen nichts anderes zu
       erwarten ist, als einseitig ihre politische Haltung – und Hass – auf die
       Straße zu bringen.
       
       Dass sich bei der einzigen Kundgebung, bei der der Opfer auf beiden Seiten
       gedacht wurde, der „Mahnwache gegen Terrorverherrlichung“, nur 15 Menschen
       versammelt hatten, ist ein Trauerspiel. Nun kann man einwenden, dass die
       Grünen-Fraktion Neukölln erst sehr kurzfristig zur Gedenkveranstaltung auf
       dem Hermannplatz aufgerufen hatte, als Reaktion auf die „Until total
       liberation“-Demo. Doch das wirft erst recht die Frage auf: Wie kann es
       sein, dass es erst eine die Hamas verherrlichende Demo braucht, um der
       Opfer auf beiden Seiten zu gedenken?
       
       8 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
       ## TAGS
       
 (DIR) 7. Oktober 2023
 (DIR) Palästina-Proteste
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