# taz.de -- Nachdenken über Entrümpelung: Eines Tages
       
       > Wer an seine Endlichkeit denkt, sollte auch die Dinge, die sich bis dahin
       > ansammeln, im Blick haben. Aber noch, meint unsere Kolumnistin, lebt sie
       > ja.
       
 (IMG) Bild: Kann man doch noch mal brauchen. Irgendwann
       
       Ich hänge nicht sehr an Dingen und habe kein Problem damit, Kleidung oder
       Elektrogeräte zu verschenken, und ich tue das auch. Aber ich gehöre zur
       Kategorie der Das-kann-man-vielleicht-noch-mal-brauchen-Menschen. Zum
       Beispiel kann ich einen Pappbriefumschlag, in dem ich ein Buch zugesandt
       bekommen habe, nicht wegwerfen, denn ich könnte ihn verwenden, um selbst
       ein Buch zu versenden. Irgendwann habe ich 50 solcher Umschläge und keinen
       einzigen davon gebraucht.
       
       Gummibänder, Plastiktüten, Schulhefter, Schrauben und Nägel, ich hebe das
       auf. Nützliche Sachen kann ich einfach nicht wegwerfen, weil sie nützlich
       sind.
       
       Leider kann man gebrauchte Pappbriefumschläge nicht verschenken. Oder
       Gummibänder. Irgendwann einmal, in meiner Kindheit, hatten alle diese Dinge
       einen Wert, einen größeren, als sie es jetzt haben. Jede Art von Papier,
       Pappe, Draht, Stoffreste, Knöpfe, Deckel, Bindfaden, das wurde bei uns zu
       Hause alles aufgehoben und wiederverwendet. Heute noch habe ich, wie meine
       Mutter, eine Pappkiste, in der bereits benutztes Geschenkpapier nebst
       sauber aufgerollten Geschenkbändern auf seine Wiederbenutzung wartet. Im
       Laufe der Jahre ist die Kiste immer voller geworden, mein Geschenkpapier
       kommt immer wieder zu mir zurück. Und da ich einmal damit angefangen habe,
       es zu sammeln, kann ich nicht mehr damit aufhören. Es wäre unlogisch. Es
       müsste dann so sein, dass ich grundsätzlich kein Geschenkpapier mehr
       sammeln würde. Ich müsste diesen grundsätzlichen Schritt gehen. Das bringe
       ich nur schwer über mich.
       
       Ich habe mich die Tage mit einer Freundin über das Thema unterhalten. Ich
       sagte, ich möchte nicht, dass mal irgendwann [1][jemand meinen ganzen
       Scheiß ausräumen muss]. „Ja“, sagte sie, „das ist dieses Death Cleaning.“
       Ich habe das recherchiert, diese Methode des Entrümpelns kommt aus dem
       Schwedischen und heißt „[2][Döstädning]“. Ich finde das eine gute Sache und
       kann voller Stolz sagen, niemand muss mehr meine gebrauchten Pappumschläge,
       in denen man Bücher versenden kann, entsorgen. Ein Anfang ist gemacht. Auf
       meine 50 Kleider kann ich noch nicht verzichten. Ich lebe ja noch.
       
       Als mein Onkel starb, da erlaubte er seiner versammelten Familie auf dem
       Sterbebett, „sein Holz“ für seinen Sarg zu verwenden. Es war ein Witz.
       Jahrelang hatte er in der Garage Holz gesammelt, in Vorbereitung auf den
       Tag, da er etwas mit diesem Holz würde bauen. Jahrelang war die Garage
       deshalb nicht nutzbar gewesen, sie diente nur dem Holz, das er sammelte, um
       etwas daraus zu bauen, was er nie tat. Nun starb er und dachte an dieses
       Holz, verständlicherweise. Natürlich waren andere Dinge wichtiger, aber das
       Holz hatte ihm jahrelang etwas bedeutet, er hatte immer dieses Bild von
       sich gehabt, und jetzt musste er es abgeben. Ich glaube, dass das mit einem
       Gefühl von Zukunft und von sogar Ewigkeit zusammenhängt. Dass ich in der
       Zukunft meine Pappumschläge verschicke und diese Zukunft liegt noch vor
       mir. An ein Ende ist nicht zu denken. Das ist der Fehler.
       
       Als ich vor ungefähr einem Jahr [3][die Diagnose Brustkrebs bekam], da
       hatte ich das erste Mal ein deutliches Gefühl von Begrenzung. Das war
       natürlich furchterregend, aber es wertete auch meine Zeit auf. Dinge wurden
       wichtiger, andere unwichtiger, alles verschob sich und sortierte sich neu.
       Man muss sich verzeihen, dass man Pappumschläge sammelt oder Holz in der
       Garage. Dass man nicht der Mensch ist, der etwas aus Holz baut, sondern
       der, der immer weiterglaubt, er könnte es tun, eines Tages.
       
       26 Oct 2026
       
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