# taz.de -- Jugendliches Trinken: Enthält Alkohol
       
       > Ob Alkopops oder gleich Schnaps: beim Trinken, weiß unser Kolumnist, geht
       > es immer auch um ein Stück Identität.
       
 (IMG) Bild: Schluck für Schluck kann da einiges an Promille zusammenkommen
       
       Im hiesigen Supermarkt stehen seit Anfang Oktober zwei mannshoch beladene
       Paletten Korn-Cola in Dosen. Das Gros ist noch eingeschweißt, und obwohl
       allein ich schon zwei- oder dreimal beinahe zugegriffen hätte, werden es
       einfach nicht weniger. Wundern tut mich das nicht, etwas trübsinnig stimmt
       es mich aber doch. Noch während ich das schreibe, wird mir klar, dass ich
       gleich noch mal losfahren werde, um mir ein Gebinde des mutmaßlich
       widerwärtigen Getränks zu kaufen, bevor es im November dann ausgelistet und
       für immer vergessen wird.
       
       Ich will das nicht an die große Glocke hängen, an dieser Stelle aber auch
       nicht verschweigen, dass ich mit einigem Recht als Erfinder dieses Produkts
       gelten muss. Nein, nicht Korn-Cola, sondern ganz spezifisch eben die
       fertige Mische in Dosen. Als Anfang des Jahrtausends nämlich die
       Alkopop-Debatte losging – die Älteren werden sich erinnern –, da habe ich
       öffentlich und vor Zeug:innen gesagt: „Man füllt ja auch nicht Korn-Cola
       in Dosen und glaubt, dass es dann jemand kauft.“ Aber wie man so sagt: Der
       Prophet zählt wenig im eigenen Land – und das gilt nirgends so sehr wie
       hier oben im Nordwesten, wo eben der Korn herkommt und die Sturköpfigkeit.
       
       Vielleicht aber muss man Auswärtigen doch erst einmal erklären, was
       überhaupt das Problem an der Sache ist. Korn-Cola ist nämlich nicht einfach
       eine Unappetitlichkeit unter vielen, nicht irgendein preisgünstiges
       Adoleszenzschmiermittel, sondern ein Stück Identität – das man im Zuge der
       Menschwerdung ab 20 so eilig wie nachdrücklich hinter sich zu lassen
       versucht.
       
       Vorher aber ging es rund. Bei Schützen- und Feuerwehrfesten war Korn-Cola
       die logische Folge von Bier, manchmal flankiert vom weltbürgerlicheren
       Wodka-O. Den karibische Nächte versprechenden Bacardi gab es in reicheren
       Nachbargemeinden, aber auch da erst später. Korn mit Cola bekömmlich zu
       machen, war ein Trick, die Reife und Kantigkeit der Erwachsenen immerhin zu
       simulieren. Immerhin sich selbst gegenüber. Und nicht irgendwelche
       Erwachsenen, sondern diesen besonderen Menschenschlag, der (egal, wo man
       ihn traf) immer knietief im Torf zu stecken schien, mit Pfeife im Mund und
       einer ausgefransten Rolle Seil am Gürtel. Eine Idee von Vater, wie wir ihn
       (zum Glück) alle nicht hatten.
       
       Mein echter Vater trank nie Korn, aber jedes zweite Jahr kaufte er doch
       welchen. Um die Runde wieder voll zu kriegen. Denn seit wir damals vom
       echten Land in die Siedlung zogen, bekam er jedes Jahr vier Flaschen zum
       Geburtstag: von jedem Nachbarn eine, und zwar das gute Zeug in der
       Tonflasche. Eine machte er auf und verteilte die Hälfte direkt an der Tür
       unter den Schenkenden. So behielt er drei volle Flaschen über, für die
       Geburtstage von drei der vier Nachbarn. Und für den Besuch an der Tür im
       nächsten Jahr hatte man noch die angebrochene Flasche vom letzten Jahr.
       
       Durchbrochen wurde diese Geschenkökonomie erst viele Jahre später, [1][als
       mein Freund Ronald und ich die Geschenke meines Vaters eines Abends
       heimlich austranken]. Mit Cola natürlich. Und diese Zeit ist es auch, von
       der hier zwar aus guten Gründen wenig die Rede sein soll, die einem aber im
       doppelten Sinne wieder hochkommt, wenn man nun vor diesem Dosenberg im
       Supermarkt steht. Das alles ist lange her, und früher war trotz anders
       lautender Gerüchte nicht alles besser. Man weiß das und beginnt doch zu
       zweifeln.
       
       „Das Leben wird in gewissem Sinne gefahrloser“, schrieb Norbert Elias 1939
       in „[2][Über den Prozess der Zivilisation]“ – „aber auch affekt- oder
       lustloser“. Und ebendarum ist es dann doch auch fast ein bisschen schade,
       dass kein Mensch diese Dosen kauft.
       
       3 Nov 2026
       
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