# taz.de -- Lob des Eskapismus: Ein anderes Ende, ein besseres Ende
> Die Welt ist schlecht, weiß unsere Kolumnistin. Und leider holt sie nicht
> mal die Flucht in den Buchladen da raus. Aber die Hoffnung stirbt
> zuletzt.
(IMG) Bild: Tausend Welten, aber nur eine Geschichte? Unwahrscheinlich
An diesem Donnerstag ist viel los in der Stadt. An der Eisenbahnstraße
sperren zwei Polizisten einen Bereich mit einem Band ab, ein Junge wurde
von zwölf anderen mit Pfefferspray attackiert. Ich gehe mit einem Freund
die Straße entlang. In seinem Treppenhaus würde es komisch riechen, sagt er
und dann, fast beiläufig, dass er Angst habe, die Person über ihm sei
vielleicht gestorben.
Tausende Geschichten gleichzeitig, Gedanken wie Fliegen in meinem Kopf, die
im Raum herumschwirren und nirgends Halt finden. Bei so viel Überforderung
gibt es nur eine logische Reaktion: Eskapismus!
Im Leipziger Westen gibt es einen Ein-Euro-Buchladen, zu dem ich in letzter
Zeit öfter gehe, um aus meinem Alltag zu fliehen. Beim Reinkommen ist es
erschlagend: enge Gänge, bis zur Decke gebaute Regale. Davor: noch mehr
Kartons mit Büchern, sodass man die Welt vor lauter Geschichten nicht mehr
sieht. Das war mein Ziel, denn das, was gerade passiert in der Welt, muss
eine Demokratie zwar aushalten können. Ich aber nicht.
## Andere Welten, andere Probleme
Bisschen Hexen anstatt Krieg, bisschen Liebesgeschichte anstatt Femizid.
Mein Finger gleitet durch die gelblich schimmernden Seiten, ich lese mich
durch erfundene Realitäten und dann, ertappt: Da ist so viel Welt drin, ich
kann nicht vor ihr fliehen. [1][Bei „Dune“] geht es um eine Post-AI-Welt,
in „Honey“ von Imani Thompson um Afropessimismus. Alles ist mein
politischer Kosmos, alles hat mit mir zu tun. Da sind eintausend
Geschichten, eintausend Möglichkeitsräume und eintausend Ideen, wie mit der
Realität umzugehen wäre.
Das ist ein ziemlich krasser Kontrast zu meinem hoffnungslosen Alltag, in
dem ich oft glaube: „there is no alternative“. Margaret Thatchers berühmtes
Motto geht mir in Blut und Knochen. Selbst hier beim Stöbern wird mir klar,
wie tief meine Lähmung sitzt. Ich greife hier zu den ähnlichen Geschichten,
obwohl da einhundert Alternativen vor mir liegen.
Ich greife eher zu Namen, die ich kenne, eher zu Geschichten, die ich so
oder so schon einmal gelesen habe. Es gibt keine Alternative? Eher so: „no
alternative I want to know about.“
## Ein alternatives Ende
Nur eine Geschichte möglich erscheinen zu lassen, ist ein gutes Instrument,
um jeden Widerstand gegen den Status quo im Keim zu ersticken. Schaue ich
mich aber mal um, bemerke ich, dass hier eintausend Versionen derselben
Geschichte liegen. Viele Sci-Fi-Romane beginnen mit einem
Weltuntergangssetting.
„Freie Geister“ [2][von Ursula K. Le Guin] zum Beispiel, die die Dürren und
Verzweiflung der Welt nicht ausblendet, darin aber den Möglichkeitsraum
einer herrschaftslosen Gesellschaft skizziert. Wir manifestieren jetzt
natürlich nicht finance-bro-mäßig eine neue Welt, aber wir müssen uns von
dem Pessimismus lösen, dass unsere Geschichte schon fertig geschrieben
wurde. Wir sind bereit, eine eigene Fiktion zu entwerfen.
Wenn Alice Weidel sagt, wir werden 2027 regieren, dann ist das noch nicht
wahr, aber eine Geschichte, deren Plot wir glauben, weil wir diese
Geschichte einhundertmal gelesen, einhundert Mal weitererzählt haben. Ich
begehre eine gute Geschichte – und was ist eine gute Geschichte, ohne einen
Plottwist? Das Blaulicht heute morgen und der Geruch unseres Nachbarn sind
dramatische Konsequenzen unserer Politik, aber auch Ausgangspunkte für eine
neue Geschichte, nicht ihr Ende. Wie es anders geht, steht schon
geschrieben. Und weil alles nach „there is no alternative“ ausschaut, würde
ich sagen, das ist der perfekte Moment für einen Plottwist.
14 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jona Rausch
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