# taz.de -- Neuwahlen in Spanien: Ministerpräsident Sánchez sucht sein Momentum
> Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez setzt für Ende November Neuwahlen
> an. Seine Koalition ist an den Mietenprotesten zerbrochen.
(IMG) Bild: Schlüsselmoment für Sánchez: Demonstration für strengeren Mieterschutz in Spanien, die Schlüssel sind Zeichen des Protests
Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez zieht die für Sommer 2027
vorgesehenen Parlamentswahlen auf den 29. November vor. Es ist die
[1][Konsequenz aus einer schmerzhaften Abstimmungsniederlage im Parlament]
am vergangenen Freitag, als eine rechte Mehrheit aus der konservativen
Partido Popular (PP), der rechtsextremen VOX und der katalanischen
Unabhängigkeitspartei Junts per Catalunya Reformen des Wohnungs- und
Mietmarktes vereitelten.
„Um mehr zu erreichen, brauchen wir eine breitere Mehrheit“, erklärte
Sánchez am Montag. Es sei an der Zeit, dass „die Spanierinnen und Spanier
entscheiden, welche Zukunft sie für sich selbst und für ihr Land wollen“,
fügte er bei einer offiziellen Ansprache im Regierungssitz Moncloa an.
Zuvor hatte er König Felipe VI. über seinen Entschluss informiert, die
Legislatur zu beenden. Eine Kabinettssitzung hat die Entscheidung offiziell
abgesegnet.
Seine Koalitionsregierung habe viel erreicht, sagte Sánchez, aber es gelte,
noch viele Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Dazu wolle er „die
Unterstützung der Bevölkerung erneuern und ausbauen“.
## Hunderttausende auf der Straße
In den letzten zehn Tagen hat Spanien soziale Proteste in einem Ausmaß wie
schon lange nicht mehr erlebt. Nach der Zwangsräumung der 87-jährigen
gehbehinderten Rentnerin Maricarmen in Madrid gingen am Wochenende zum
zweiten Mal in Folge Hunderttausende im ganzen Land [2][gegen die
Wohnungskrise und für härtere politische Eingriffe in den Mietmarkt auf die
Straße]. Zwei Drittel der Bevölkerung sprechen sich in Umfragen für die
Deckelung der Mieten und ein Ende der Zwangsräumungen – jährlich sind es
rund 25.000 – aus. Sie fordern zudem ein hartes Vorgehen gegen spekulative
Immobilienfonds. Selbst bei den Wählerinnen und Wählern der Rechten sind es
mehr als die Hälfte, die diese Forderungen teilen.
Sánchez will diesen Unmut jetzt für sich und für seine Koalition nutzen. Er
strebt, allen Umfragen zum Trotz, „eine deutlich breitere progressive
Mehrheit“ an, „mit der sich die Eliten überwinden, neue soziale
Fortschritte erzielen und der Wandel Spaniens fortsetzen lässt.“
Es liege jetzt an den SpanierInnen, zu entscheiden, ob sie sich „jener
rechtsextremen Welle anschließen wollen, die überall dort, wo sie regiert,
einen Rückschritt bedeutet“, oder ob sie stattdessen wollen, dass „Spanien
weiterhin für Offenheit, soziale Gerechtigkeit und ökologische
Verantwortung steht.“ In Spanien werden bereits fünf Regionen von
Bündnissen der PP mit VOX regiert. Sie leugnen den Klimawandel, streichen
Gelder für Nichtregierungsorganisationen, die für Umwelt, Frauen- und
LGTBI-Rechte eintreten, und kürzen im Sozialbereich und im Bildungswesen.
Zuschüsse etwa für Stierkampf und die Jagd werden hingegen erhöht.
Die Regierung wird die gescheiterten Dekrete auf der kommenden
Kabinettssitzung erneut beschließen. Sie treten dann nach der
Veröffentlichung im Amtsblatt erneut in Kraft und müssen spätestens 30 Tage
später vom Parlament verabschiedet werden. Erst einmal aufgelöst tagt nur
noch die Diputación Permanente – ein Ständiger Ausschuss, in dem die
Befürworter der Dekrete eine leichte Mehrheit hat. Die Wohnungsfrage wird
damit wohl zum zentralen Wahlkampfthema.
## PP und VOX in den Umfragen vorn
Angesichts des Gerüchts, Sánchez könnte, wie jetzt geschehen, das Parlament
auflösen und Neuwahlen ansetzen, gaben spanische Medien am Wochenende
Umfragen in Auftrag. Bei allen liegt PP zusammen mit VOX deutlich vorn –
meist gar mit einer absoluten Parlamentsmehrheit.
Dies ist allerdings weniger der Popularität der rechten Politik zu
verdanken als der Desillusion und Stimmenthaltung auf der Linken. Sánchez
will diese Tendenz jetzt umdrehen. Etwas, was ihm bereits vor drei Jahren
gelang. Auch damals zog er die Wahlen überraschend vor und begann eine
Aufholjagd gegen alle Umfragen. Zwar gewann die PP, erreichte aber
gemeinsam mit VOX keine Parlamentsmehrheit. Sánchez wurde Regierungschef
und regiert seitdem mit einer schwierigen Mehrheit aus kleinen linken
Parteien aus den Regionen sowie den baskischen und katalanischen
Nationalisten. Letztere drehten ihm schließlich bei der Abstimmung
vergangenen Freitag endgültig den Rücken zu.
Die Linke links von Sánchez' Sozialisten kommt durch die vorgezogenen
Neuwahlen unter Druck. Das Wahlbündnis Sumar, das bisher als Juniorpartner
in der Linkskoalition sitzt, wird es so nicht mehr geben. Die linken
Kräfte, wie Podemos oder die postkommunistische Vereinigte Linke sowie
regionale Parteien, wie En Comú in Katalonien, Compromis in Valencia oder
Más Madrid in der Hauptstadtregion, verhandeln seit Monaten über eine
„Frente Amplio“ (Breite Front). Wer alles unter diesem Namen mit dabei ist,
und wer die Liste anführt, soll spätestens am 17. Oktober bekannt gegeben
werden.
Vom Erfolg dieses Bündnisses hängt alles ab. Nur wenn sie in so vielen
Provinzen wie möglich als dritte Kraft einen Sitz holen, kann ein Wahlsieg
der Rechten verhindert werden.
5 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Reiner Wandler
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