# taz.de -- Mietenproteste in Spanien: Rentnerin Maricarmen ist gestorben
       
       > Die 87-jährige Maricarmen Abascal, die in Spanien Mietenproteste und
       > Neuwahlen ausgelöst hat, ist tot. Nun könnten sich die Fronten noch
       > weiter verhärten.
       
 (IMG) Bild: Trauer um Maricarmen: Protestierende erinnern an die Ikone der neuen Mietproteste in Spanien
       
       dpa/kna/taz | Die 87-jährige Spanierin Maricarmen Abascal ist tot. Am
       Mittwoch ist die Rentnerin im Krankenhaus Gregorio Marañón in Madrid
       gestorben. Ihr Tod zwei Wochen nach der Zwangsräumung aus ihrer Wohnung in
       Madrid ist in Spanien mit Erschütterung und Zorn aufgenommen worden.
       
       Demonstranten, die [1][seit Tagen in einem Protestcamp] gegen die
       Wohnungsnot im Lande auf dem zentralen Platz Puerta del Sol in Madrid
       ausharren, legten eine Schweigeminute für die Frau ein, die durch ihr
       Schicksal zum Auslöser und Symbol des Kampfes für bezahlbaren Wohnraum
       geworden ist. Menschen zündeten Kerzen an, andere legten Blumen vor ihrem
       früheren Wohnhaus nieder.
       
       ## Maricarmen blieb in ihrer Wohnung
       
       Die Rentnerin war im September unerwartet zu einer Ikone des Widerstands
       gegen überhöhte Mieten und mächtige Unternehmen geworden. 71 Jahre lang
       hatte Maricarmen Abascal in ihrer Wohnung im zentralen Retiro-Stadtviertel
       gelebt – bis am 23. September Polizisten mit einem Vorschlaghammer die Tür
       aufbrachen und die Wohnung stürmten. Die 87-Jährige wurde zwangsgeräumt.
       Sanitäter brachten die erschöpfte Frau ins Krankenhaus, die Bilder von
       Abascal auf der Liege gingen um die Welt.
       
       Dem voraus ging ein langer Kampf Abascals gegen ein
       Immobilien-Investmentunternehmen. Dieser hatte das Gebäude, in dem sich
       ihre Wohnung befand, 2020 gekauft. Ihre Alt-Miete betrug 500 Euro im Monat.
       Die neuen Besitzer verlangten jedoch 1.600 Euro. Mit ihrer Weigerung, eine
       Mieterhöhung von 275 Prozent zu bezahlen, wurde sie im ganzen Land zum
       Symbol.
       
       In Dutzenden Städten entstanden daraufhin Protestcamps, Zigtausende
       Menschen gingen mit dem [2][Slogan „Wir alle sind Maricarmen“ auf die
       Straße], in einem Land, in dem sich die Durchschnittsmieten in den
       vergangenen zehn Jahren fast verdoppelten und laut Schätzungen mehr als
       700.000 Wohnungen fehlen. Die drastisch gestiegenen Mieten und der
       Wohnraummangel sind schon seit Jahren das Problem Nummer eins der Spanier.
       Die Gewerkschaften kündigten einen Generalstreik an, der das Land am 11.
       November lahmlegen soll.
       
       ## Demonstranten skandieren „Mörder“
       
       „Wir bedauern, mitteilen zu müssen, dass Maricarmen am heutigen Tag
       verstorben ist“, hatte der Mieterbund am Mittwochabend mitgeteilt. Die
       Organisation hatte der Frau schon beigestanden, bevor sie am 23. September
       nach jahrelangem Kampf mit dem Vermieter von der Polizei aus der Wohnung in
       Madrid geholt wurde, in der sie seit 70 Jahren gelebt hatte. „Die
       Immobilienspekulanten haben Maricarmen umgebracht“, sagte die Sprecherin
       des Mieterbundes, Alicia del Río im Fernsehen.
       
       Hunderte Menschen zogen am Mittwoch vom Protestcamp zum Parlamentsgebäude,
       wo am Freitag Regierungsdekrete für mehr Mieterschutz an der Mehrheit
       konservativer und rechtspopulistischer Parteien gescheitert waren. Der
       linke Regierungschef Pedro Sánchez hatte deshalb [3][am Montag Neuwahlen
       für den 29. November angesetzt]. „Das sind keine Tode, das sind Morde“ und
       „Mörder, Mörder, Mörder“, skandierten Demonstranten beim Parlament.
       
       ## „Ich habe gekämpft, damit auch andere für das kämpfen“
       
       Angesichts der Empörung über das Schicksal der Frau hatte es sogar noch
       eine Einigung mit dem Vermieter über eine Rückkehr in die Wohnung gegeben.
       Nach Angaben ihrer Rechtsanwältin Beatriz Duro stand die Unterzeichnung
       eines neuen Mietvertrages mit einer Laufzeit von acht Jahren unmittelbar
       bevor.
       
       Abascal war vor zwei Wochen aus ihrer Wohnung direkt in ein Krankenhaus
       gebracht worden. Schon sehr geschwächt wandte sie sich aus dem Krankenhaus
       an die Spanier. „Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen,
       aber ich habe dafür gekämpft, damit auch andere für das kämpfen, was ihnen
       zusteht“, sagte sie vom Krankenbett aus.
       
       ## Auch die Politik reagierte schnell aber gegensätzlich
       
       Sánchez kondolierte den Angehörigen. „Mein ganzes Mitgefühl gilt der
       Familie und den Angehörigen von Maricarmen. Ein stiller Gruß auch an alle,
       die diesen Verlust heute wie ihren eigenen empfinden. Möge sie in Frieden
       ruhen“, schrieb er auf der Plattform X. Seine Gesundheitsministerin Mónica
       García äußerte sich ebenfalls auf X. „Dein Kampf hat in ganz Spanien das
       Bewusstsein wachgerüttelt und eine Zündschnur entzündet, die nicht mehr
       erlöschen wird. Deine Würde und dein Mut weisen den Weg“, schrieb sie.
       
       Alberto Núñez Feijóo, Vorsitzender der konservativen Volkspartei PP,
       drückte sein Beileid aus. Zugleich wandte sich der Chef der größten
       Oppositionspartei dagegen, den Tod Abascals zum Wahlkampfthema zu machen.
       „Kein Wahlkampf, keine Parteien noch eigennützige Instrumentalisierung. (…)
       Angesichts des Todes eines Menschen ist nur Respekt angebracht.“
       
       Ganz anders äußerte sich die rechtspopulistische Vox, mit der die PP nach
       einem möglichen Wahlsieg zusammen regieren will. Sie warf den Unterstützern
       der 87-Jährigen vor, an deren Tod Schuld zu haben. „Sie haben Maricarmen
       umgebracht“, schrieb die Partei auf X. „Ohne jeden Skrupel haben sie das
       Leiden einer älteren Person ausgenutzt, um eine Kampagne aufzuziehen, die
       die Verantwortung der Regierung für die Wohnungskatastrophe vertuschen
       soll“, fügte Vox hinzu.
       
       8 Oct 2026
       
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