# taz.de -- Vom Stummfilm zum Donnergott: Eine Schwäche für bewegliche Augenbrauen
       
       > Perfektes Make-up für ihn, fehlende Raver beim Crémant und Mösen für die
       > Götter: Herrlich ist das Getöse der Stadt. Doof, dass es nicht alle so
       > sehen.
       
 (IMG) Bild: Die Bezauberung der Bewegtbilder
       
       Hach, hätte man doch das Schlafzimmer aus „Le brasier ardent“. In diesem
       Stummfilm von 1923, den ich am Donnerstag im Arsenal anschaute, lebt eine
       Frau auf hochgradig luxuriösem Fuße – ihr Himmelbett ist umrahmt von
       Knöpfen und Hebeln, mit denen sie die Utensilien für die Morgentoilette,
       das Frühstück, ihre „chers amis“ (ein paar süße Hündchen), ja sogar ihren
       Ehegatten automatisch geliefert bekommen, und alles auch wieder per
       Knopfdruck verschwinden lassen kann.
       
       Im Laufe der beeindruckend stark mäandernden Geschichte verknallt sie sich
       dennoch in einen Privatdetektiv namens Zed, gespielt von Tausendsassa Iwan
       Mosschuchin – was mich angesichts [1][dessen perfekten Make Ups] wenig
       wundert: Männer mit derartig akkurat geschminkten Lippen finden sich
       schließlich selten. Und für bewegliche Augenbrauen hatte ich schon immer
       eine Schwäche.
       
       Nach dem Kino widerstehe ich dem Bedürfnis, mir die Zähne zu putzen (der
       orthochromatische Film der frühen 20er Jahre gibt die Zahnfarbe seiner
       Protagonist:innen meist als Dunkelgrau wieder), und haue sie
       stattdessen lieber in ein paar Happen zu Essen. Und zwar im Renger-Patzsch,
       das bald umziehen muss – angeblich ist ein neuer Mieter, der über dem
       Restaurant wohnt, mit dafür verantwortlich, dass der Mietvertrag mit der
       Schöneberger Institution, deren Wurzeln in den 80er Jahren liegen, nicht
       verlängert wird. Er sei, so munkelt man, mit dem Vermieter befreundet, und
       das wilde, laute und ausufernde Partytreiben der
       Restaurantbesucher:innen (die größtenteils um die 60 sind), raube
       ihm sowohl den Schlaf als auch den letzten Nerv.
       
       Mit so etwas wie Geräuschen und Gerüchen hatte er in einer Stadt wie Berlin
       anscheinend einfach nicht gerechnet. Erwartungsvoll, Feierwütige in meinem
       Alter zu treffen, und, ich gebe es zu, auch ein bisschen wegen der
       angedeuteten Orgienverheißung, setze ich mich in eine Ecke ans Fenster,
       bestelle Cremant und Kürbis-Carpaccio, und gucke gewagt. Aber irgendwie
       scheinen die betagten Hedonist:innen auf einem anderen Rave abzugehen.
       Schön ist es im Renger-Patzsch trotzdem – wer nach dem Restaurant in die
       traditionsreichen Räume einziehen soll, steht noch nicht fest, vielleicht
       wird es ja eine Schlagzeugschule.
       
       Nackte am Freitag, Aquavit am Samstag 
       
       Immerhin, am Freitag gibt es Nackte. In Marina Abramovićs Theaterstück im
       Haus der Berliner Festspiele, der „Stage Version“ [2][ihrer Ausstellung
       „Balkan Erotic Epic“,] reenacten Performerinnen nämlich meine aus dem Jahr
       2005 stammende Lieblingsarbeit ihrer Show live auf der Bühne: Bei „Scaring
       the Gods to Stop the Rain“ reißen kopftuchtragende Frauen schreiend ihre
       Folkloreröcke hoch und bieten den Göttern ihre Mösen dar, auf dass diese
       vor Schreck den Regen abstellen.
       
       Perun lautet übrigens der Name des obersten Donnergottes im balkanischen
       Volksglauben, und vor allem angesichts des Klimawandels, der ja zu zuviel
       Regen im Winter (und zu wenig im Sommer) führt, bin ich sicher, dass man
       auf diesen Vorschlag noch zurückkommen wird. Tatsächlich hat [3][Abramovic
       in ihrem Theaterstück] sogar eine Art Orgie versteckt, sie findet
       allerdings auf einem Friedhof statt, wird von entblößten
       Performer:innen und Skeletten in Zeitlupe ausgeführt, ist etwas
       länglich, und unterscheidet sich insofern einigermaßen stark von meiner
       Fantasie.
       
       Mit neu erwachter Hoffnung auf Ekstase werfe ich mich am Samstag jedoch in
       mein blauweißes Kapitänin-Rackete-Kleid, mache mit einem Geschenkband einen
       doppelten Schotstek um eine Flasche frisch vom Äquator kommenden Aquavit
       und zwei bullige Schnapsgläser, und eile zu einer Kreuzberger
       Geburtstagsparty mit dem Motto „Nautik“. Und eines muss man dieser Party
       lassen: Das mit dem Schwanken klappt am Ende des Abends schon ziemlich gut.
       
       20 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schoenheitstrends-auf-Social-Media/!5990840
 (DIR) [2] /Marina-Abramovic-in-Berlin/!6171105
 (DIR) [3] /Abramovics-Balkan-Erotic-Epic/!6210593
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jenni Zylka
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ausgehen und Rumstehen
 (DIR) Kulturkolumnen
 (DIR) Performance-KünstlerIn
 (DIR) Stummfilm
 (DIR) Restaurant
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Ausgehen und Rumstehen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Stünde die Welt einmal still: Die Verletzungsgefahr scheint hoch
       
       Wenn der Hebelgriff und die reitenden Männer vor allem zur Pointe taugen:
       Lebe ich selbst zu sehr für die Geschichten, die ich anderen erzähle?
       
 (DIR) Das Aufschieben aufschieben: Improvisation ist fast alles
       
       Auch wenn im Berliner Prinzenbad die Eidechsen weniger werden: Das
       Drinnenbleiben, weil der Sommer um ist, muss warten, wenn ein Festival mit
       Herbstmusik lockt.
       
 (DIR) Vorzüge des Herbstes: Mücken- und wespenfreies Sommerende
       
       Die Kampagne gegen Elif Eralp erhitzt die Gemüter, dagegen helfen nur
       lustige Memes. Letzte Sonnentage werden indes bei Pizza auf der Brücke
       genossen.
       
 (DIR) Zwischen Späti und Nudelladen: Steine, Schwitzen, Schlusspunkte
       
       Wenn der Handwerker verschwindet, die Nudeln unerreichbar bleiben und sich
       der Berliner Sommertag am Ende im Kreis schließt.