# taz.de -- Das Aufschieben aufschieben: Improvisation ist fast alles
       
       > Auch wenn im Berliner Prinzenbad die Eidechsen weniger werden: Das
       > Drinnenbleiben, weil der Sommer um ist, muss warten, wenn ein Festival
       > mit Herbstmusik lockt.
       
 (IMG) Bild: End-of-Summer-Modus: Schwimmer:innen im ungeheizten Prinzenbad
       
       Mittwoch saßen noch mal richtig viele Menschen am Terrassenbecken im
       Prinzenbad, wie Eidechsen in die Sonne blinzelnd. Selbst in dem ungeheizten
       Becken, dem einzigen noch zugänglichen, ist die Schwimmer:innendichte
       hoch. Alle sind im End-of-Summer-Modus, zwischen Wehmut und Panik. Darüber
       lächle ich nur milde, auch wenn ich das Gefühl teile. Zeit, mich auf diesen
       Moment vorzubereiten, hatte ich schließlich reichlich, setzt meine Angst
       vor dem Sommerende doch immer früher ein. Mittlerweile ungefähr um Ostern
       herum.
       
       Am nächsten Vormittag klopft dann tatsächlich Regen ans Fenster. Aus meiner
       Nase tropft es auch. Zudem sind die Knochen ganz schwer. Na, das ist ja
       perfektes Timing. Vor die Tür will ich sowieso nicht mehr. Zu Hause gibt es
       schließlich genug Baustellen, ist ja einiges liegen geblieben über den
       Sommer.
       
       Mal gucken, welche sich vom Bett aus aufdrängen. Diese Herangehensweise
       wurde mir unlängst als realistische Methode angepriesen, mehr Ordnung zu
       schaffen – eine der endlosen Lifehacks, die das Internet in petto hat:
       Dreimal am Tag drei Minuten investieren, um drei in Reichweite befindliche
       Dinge wieder an ihren Ort zurückzubringen. Na denn. Gleich neben dem Bett
       liegt diese verflixte Isomatte, die im Urlaub kaputtging. Natürlich musste
       noch vor Ort Ersatz her, ich wollte ja nicht auf dem Boden schlafen.
       Wegwerfen durfte ich die Billigmatratze trotzdem nicht. Das wusste der
       Freund, mit dem ich unterwegs war, zu verhindern. „Nur weil das Ding nur 12
       Euro gekostet hat, heißt das nicht, dass sie nicht repariert werden kann.“
       Er selbst würde sich – [1][in realistischer Einschätzung seiner
       Prokrastinationsprobleme] – derartiges wohl kaum vornehmen. Trotzdem habe
       ich die kaputte Matte treudoof zurück nach Berlin geschleppt. Jetzt liegt
       sie neben meinem Bett.
       
       Immerhin bietet die KI eine Lösung an, das offenbar winzige Leck zu finden
       – auch ohne Badewanne: Prall aufpumpen, mit Seifenlauge einreiben, dann
       bilden sich am Loch angeblich Bläschen. Ob zumindest dieser Hack was taugt?
       Klingt auf jeden Fall nach einer Sauerei. Ich bleibe erst mal liegen.
       
       ## Schlange und Schreibmaschinen
       
       Bis mich dann zwei Tage später das People Festival ins Funkhaus lockt.
       [2][2018, also vor einer halben Ewigkeit, hatte es zuletzt stattgefunden.]
       Jetzt hat sich das Veranstalterkollektiv wieder zusammengetan, darunter die
       Zwillingsbrüder Dessner von der Band The National, Bon Iver, aber auch
       Nadine und Tom Michelberger vom gleichnamigen hiesigen Hotel.
       
       180 Musiker:innen haben eine Woche experimentiert und improvisiert,
       jetzt darf man hören, was dabei entstand. In Gruppen eingeteilt wird das
       Publikum zu bestimmten Slots in verschiedene Spielstätten gelotst. Bald ist
       der Zeitplan im Verzug, oft wartet man irgendwo. So kommt man ins Gespräch.
       Eine Frau in der Schlange schwärmt vom Pop-up-Talk von Gail Ann Dorsey zum
       Thema „Typewriter“, in den sie zufällig geraten war. Hä? Dorsey kannte ich
       als Bowie-Fan bisher vor allem als Bassistin seiner späten Liveband. Doch
       offenbar sammelt sie Vintage-Schreibmaschinen und hat dazu viel zu
       erzählen; eine Liebe noch älter als die zur Musik.
       
       Bei manchem Auftritt rätselt man, wer überhaupt auf der Bühne steht. Macht
       aber eigentlich nix. Dafür, dass hier höchst unterschiedliche
       Künstler:innen zusammen werkelten, klingt vieles am Ende verblüffend
       ähnlich: elegisch-melancholisch, folkig. Viele Streicher. Vielleicht wird
       es automatisch heimelig, wenn viele Leute zusammen Musik machen – erst
       recht bei den beiden Abschlusskonzerten auf der großen Bühne. Musik zum
       Herbst eben. Bis dann am späten Sonntag der unglaubliche Schlagzeuger
       Makaya McCraven auf Moses Sumneys Stimme trifft und alles noch mal ins
       Flirren gerät.
       
       14 Oct 2026
       
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