# taz.de -- Brüssel und Budapest: Es geht um Geld, viel Geld
> Nach dem Sturz Orbáns gehen Reformen in Ungarn nur schleppend weiter.
> Abgeordnete des Europäischen Parlaments kommen kaum an Informationen.
(IMG) Bild: Freut sich auf Geld aus der EU: der ungarische Premier Péter Magyar
Es war kein herzlicher Empfang, den die neue ungarische Regierung um
Ministerpräsident Péter Magyar dem Europaparlament bereitet hat. [1][Drei
EU-Abgeordnete waren aus Brüssel angereist,] um die Reformfortschritte nach
dem [2][Sturz von Viktor Orbán] zu besprechen. Doch in Budapest standen sie
vor verschlossenen Türen. Weder Magyar noch seine Minister oder
Abgeordneten der Regierungspartei TISZA waren zu Treffen mit den
Abgeordneten aus Deutschland und Frankreich bereit. Daniel Freund (Grüne),
Moritz Körner (FDP) und Jean-Marc Germain (Sozialisten) erfuhren deshalb
nicht aus erster Hand, wie es um Rechtsstaat und Korruption in Ungarn
steht.
„Wir hatten Termine mit Regierung und Parlament vereinbart, doch sie wurden
wieder gecancelt“, sagt Freund, der die Reise organisiert hatte. Einen Korb
bekam Freund auch von der CSU-Abgeordneten Monika Hohlmeier. Sie ist im
Europaparlament für das EU-Budget zuständig, verzichtete aber darauf, in
Budapest nach dem Rechten zu sehen. Dabei geht es um Geld, viel Geld. Die
EU hatte Ungarn unter der Orbán-Regierung wegen Rechtsstaatsverstößen und
Korruption zeitweise bis zu 19 Milliarden Euro aus dem EU-Budget
vorenthalten. Nach dem Machtwechsel in Budapest kündigte die EU-Kommission
an, bis zu 16,4 Milliarden Euro freizugeben, wenn Reformen umgesetzt
werden.
Ende September gab die Brüsseler Behörde dann grünes Licht für die Zahlung
von 4,2 Milliarden Euro. Das Geld könnte, wenn die 27 EU-Staaten zustimmen,
noch im Oktober in die ungarische Staatskasse fließen. Für Magyar wäre es
ein entscheidender Erfolg: Er hatte vor seiner Wahl versprochen, die
„eingefrorenen“ EU-Gelder zurückzuholen. Auch für die konservative
EVP-Fraktion im Europaparlament wäre es ein Grund zur Freude. EVP-Chef
Manfred Weber (CSU) hatte kurz nach der Wahl Magyars angekündigt, dass bald
EU-Geld fließen werde. Sozialdemokraten, Grüne und Liberale hatten
demgegenüber darauf bestanden, dass erst die vereinbarten Reformen
umgesetzt werden müssten.
## Die meisten Reformen stehen nur auf dem Papier
Diese Forderung wurde, das hat der Besuch in Budapest gezeigt, nur sehr
bedingt erfüllt. Die meisten Reformen stünden bisher nur auf dem Papier,
hieß es bei einem Treffen mit der Zivilgesellschaft. „Es ist noch nichts
definitiv geregelt“, sagte Márta Pardavi vom Helsinki Committee. Beim
Rechtsstaat gebe es gemischte Ergebnisse. „Magyar will alles unter seiner
Kontrolle haben“, kritisierte Sandor Lederer vom Thinktank K-Monitor. Es
fehle an Transparenz, bemängelt auch Kim Lane Scheppele, eine
Ungarn-Expertin von der US-amerikanischen Princeton University. Weder die
Regierung noch die EU-Kommission hätten sie seit der Wahl im Frühjahr
angehört, sagen Amnesty International und andere
Nichtregierungsorganisationen.
[3][Ein gemischtes Bild] zeichneten auch die Europaabgeordneten. Ungarn
habe nach dem Sturz Orbáns die Freiheit wiedergewonnen, sagte der
französische Parlamentarier Germain. Der „Regime change“ zu einer liberalen
Demokratie sei jedoch noch nicht abgeschlossen, warnte der Franzose. Die EU
müsse weiter wachsam sein. So wurden Urteile des Europäischen Gerichtshofs
zum Asylrecht und zu Minderheitenrechten (LGBTQ) von der neuen Regierung
noch nicht umgesetzt. Dies sei ein Problem, sagte der Grünen-Politiker
Freund. Nach den Gesprächen in Budapest, bei denen die Abgeordneten auch
Unternehmer und Diplomaten trafen, überwiege aber der positive Eindruck.
Nach der Wahl einer proeuropäischen Regierung sei es politisch nicht
vermittelbar, die Zahlung von EU-Geldern zu stoppen, meint Freund. „Wir
sehen genug Fortschritte, um Gelder freizugeben“, erklärte auch Körner.
Allerdings sei dies kein Blankoscheck. „Der Reformprozess in Ungarn ist
noch nicht beendet“, so Körners Fazit. Die EU müsse diesen Prozess auch
künftig eng begleiten. Das Europaparlament dürfte dabei allerdings keine
große Rolle mehr spielen. Jahrelang hatten engagierte EU-Abgeordnete wie
Freund und Körner eine treibende Rolle beim neuen europäischen
Rechtsstaatsmechanismus gespielt und gegen Widerstand aus der EVP
durchgesetzt, dass EU-Gelder für Ungarn und später auch für Polen
eingefroren wurden.
Doch über die Freigabe der Finanzmittel dürfen die Abgeordneten nicht
entscheiden. Das machen EU-Kommission und Mitgliedstaaten unter sich aus.
Wenn es um die Umsetzung der Reformen geht, sind sie auch nicht mehr
gefragt, wie der Budapest-Besuch gezeigt hat. Magyar hat das Parlament
düpiert, dennoch dürfte bald Geld aus Brüssel fließen.
Die Teilnahme an der Reise wurde von den Grünen im Europaparlament
finanziert.
5 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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