# taz.de -- Spielzeiteröffnung an der Volksbühne: Ist doch Joghurt das Allheilmittel?
       
       > Geballter Auftakt an der Berliner Volksbühne unter Intendant Lilienthal:
       > Florentina Holzinger putzt, Rimini Protokoll hofft, Expats zweifeln und
       > ein Eisenei sitzt fest.
       
 (IMG) Bild: Viele, viele Erzählungen gleichzeitig gibt es bei der Uraufführung von „House of Hopes“ von Rimini Protokoll in der Volksbühne
       
       Wasser schießt aus zwei Fontänen links und rechts vom Volksbad in die Höhe.
       Ein dritter Strahl gesellt sich ihnen vom Dach des Theaters dazu. Auch auf
       dem Dach: ein großer, aufblasbarer Körper ohne Arme, Beine oder Kopf, nur
       mit behaarter Vulva und Brüsten, genau so wie in Gustave Courbets berühmtem
       Gemälde „L'Origine du monde“. Zehn nackte Performerinnen machen sich dort
       oben bereit; fünf von ihnen werden sich gleich an der Fassade abseilen und
       sie mit weißen Lappen putzen, sich danach [1][mit rhythmischen
       Hüftbewegungen an ihr reiben]. Die anderen fünf machen atmosphärische
       Live-Musik, irgendwo zwischen epischem Rock und hämmerndem Techno.
       
       So läuten Florentina Holzinger und Ensemble mit „House Wash“ die neue
       Spielzeit ein. Das rituelle Waschen bedeutet Neuanfang, doch bevor es an
       der Volksbühne, [2][unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal,]
       nach vorn gehen kann, muss erst bei „House of Hopes“ zurückgeschaut werden,
       zum Zeitpunkt des Falls der Berliner Mauer. Dafür hat Rimini Protokoll zehn
       Stationen im ganzen Haus aufgebaut. Statt nur im großen Saal Platz zu
       nehmen, wird das Publikum durch verschiedene Orte der Volksbühne gejagt.
       
       An einzelnen Stationen stellen Performer:innen ihr eigenes Leben vor;
       es handelt sich um Menschen aus verschiedenen Ländern, die alle auf die
       eine oder andere Weise mit dem Fall der Berliner Mauer verbunden sind. Ihre
       Erzählungen schöpfen die Möglichkeiten des Theaters aus, führen auf die
       Bühne, hinter die Bühne, in Foyers und Hinterzimmer. Sie alle handeln von
       Momenten der Hoffnung für die Situation in ihrem Land, als die Mauer in
       Berlin fiel.
       
       Die Stationen dauern etwa zwölf Minuten und finden alle gleichzeitig statt.
       Diese Gleichzeitigkeit zieht sich auch durch den Abend. Über Kopfhörer
       lernt das Publikum nicht nur über die Herero und Nama, an denen die
       Deutschen zu Kolonialzeiten einen Völkermord begingen, oder die Islamische
       Revolution im Iran, sondern bekommt auch Anweisungen. Mittelfinger sollen
       zu einer vorbeigehenden Gruppe ausgestreckt werden, die in der Erzählung
       Soldaten darstellen. Später, nun selbst Soldat, rennt man durch das
       Sternfoyer, wo gerade von der rumänischen Revolution erzählt wird. Alle
       Stationen sind aufeinander abgestimmt, im haargenauen Minuten- und
       Schritttakt.
       
       Rimini Protokoll arbeitet historiografisch und setzt auf den Effekt der
       Wiederholung. Jede Station deutet darauf hin, dass sich auch die Geschichte
       wiederholen kann. Wer von Demokratie träumt und diese bekommt, kann sie
       auch wieder verlieren. Tanz und Musik spielen ebenfalls eine Rolle; Lieder
       des Widerstandes aus China oder Chile werden gesungen, der hawaiianische
       Hula und ein Bollywood-Film-Tanz aufgeführt. Was sich wiederholt und
       ähnelt, schafft Gemeinschaft. Von zehn Stationen können nur sieben besucht
       werden. Am Ende füllt sich der Saal zum Schlussapplaus – mit Standing
       Ovations. Das Publikum steht teilweise noch auf der Bühne. Auch der
       Schlussapplaus signalisiert: Wir gehören zusammen, egal wo. Ann Toma-Toader
       
       ## Im Prater: Suche nach Leere, die nicht mehr da ist
       
       Makellos und hell: Beim Anblick des neu eröffneten Praters auf der
       Kastanienallee drängt sich ein bekanntes ostberliner Fassadengraffito ins
       Hirn: „Dieses Haus stand einmal in einem anderen Land.“ Nach zehnjähriger
       Renovierung ist das historische Prater-Ensemble wieder komplett –
       Biergarten, kommunale Galerie und die Spielstätte der Volksbühne, die in
       den Nullerjahren von [3][René Pollesch geprägt worden war]. Viele von
       denen, die damals zu postdramatischen Stücken in den abgeranzten Saal
       gepilgert waren, verstopfen am Freitagabend mit ihrem Premierenbier die
       baustellenbedingt verengte Kastanienallee – quer zum Strom der
       Touristengruppen.
       
       Draußen beginnt auch das Eröffnungsstück „Perfektionen“, nach einem Roman
       des italienischen Autors und Übersetzers Vicenzo Latronico, über ein
       Expat-Paar in Berlin. Ein männliches Paar mit Rollkoffern und weißen
       Oversized-Shirts mit der Aufschrift „International Nobody“ bahnt sich
       keifend den Weg durch die Menge, das Publikum folgt in den in Rot- und
       Grüntönen gehaltenen Theatersaal. Dort nimmt der Pärchenstreit Fahrt auf:
       Warum sieht die Wohnung so anders aus als auf den Bildern? Warum ist das
       einheimische Servicepersonal (Prater-Stammschauspielerin Inga Busch im
       „National Nobody“-Shirt) keine Hilfe?
       
       Der Expat-Abend, inszeniert von Anta Recke, die mit Volksbühnen-Intendant
       Matthias Lilienthal schon in München zusammengearbeitet hat, ist konsequent
       zweisprachig auf Deutsch und Englisch gehalten, mit Einsprengseln von
       Französisch, Italienisch, Spanisch. Wortunsicherheiten und starke Akzente
       inklusive. Das wirkt stimmig, angesichts der von Latronico beschriebenen
       [4][Bubble von Kreativen, die sich radebrechend, aber geschmeidig durch
       eine Stadt bewegt], an der sie hauptsächlich die Leere interessiert. Auch
       Reckes Idee, das im Roman bereits recht generisch angelegte
       Protagonistenpaar Tom und Anna auf sechs Schauspieler:innen in
       wechselnden Message-Shirts zu verteilen, unterstreicht die
       Oberflächlichkeit dieses volatilen Sozialgefüges.
       
       Das rundum im Saal verteilte Publikum sieht den „Bodys“/„Nobodys“ dabei zu,
       wie sie in riesigen, minutiös eingerichteten Altbauwohnungen frühstücken,
       Sex haben und Websites designen, abends Vernissagen besuchen und Ideen
       sammeln fürs nächste Projekt („Anywhere“). Tom und Anna, die sich in der
       Bilderflut des Internets eingerichtet haben, fühlen sich „beneidenswert“
       und privilegiert. Doch unmerklich weicht der Möglichkeitsrausch der
       Routine. Berlin wandelt sich, die Mieten werden teurer, Kunsträume
       schließen, über die Zukunft des Tempelhofer Felds wird gestritten. Immer
       öfter verabschieden Tom und Anna Freunde. Von den neu in die Stadt
       strömenden Young Professionals fühlen sie sich bedroht. 2015 flackert mit
       der Flüchtlingssolidarität die Möglichkeit auf, neue, bedeutungsvollere
       Sozialbeziehungen zu knüpfen. Doch auch hier fassen Tom und Anna nicht Fuß.
       
       Regisseurin Recke gelingt es in weiten Teilen, das Grunddilemma ihrer
       Inszenierung vergessen zu machen: Wie bringt man einen Roman auf die Bühne,
       der auf Dialoge verzichtet? Zu blubbernden Technobeats von Ted Gaier
       („Goldene Zitronen“), der auch einen der „Bodies“ verkörpert, ringen die
       Darsteller:innen stumm miteinander oder mischen sich unvermittelt
       unters Publikum (besonders charmant: Benjamin Radjaipour als frivoler
       Einflüsterer sexueller Pärchenpraktiken). Auch die A-capella-Einlagen
       wirken souverän – nur bei den mehrsprachigen Textpassagen muss mehrfach die
       Souffleuse ran. Bei der an gewaltige Textmassen gewöhnten Volksbühnen-Crew
       verwundert das etwas. Als „kleine, superspezifische Form der
       Geschichtsschreibung“, wie es im Begleitheft heißt, fügt sich dieser
       Eröffnungsabend trotzdem spielend in den großen Berlinerzählungsrahmen ein,
       der mit dem neuen Prater noch einmal erweitert wurde. Nina Apin
       
       ## Im großen Haus: ein Geflecht aus Sex, Eisen und Japan
       
       „Menschen brauchen Geschichten“, heißt es gegen Ende. Geschichten wurden
       bis dahin viele erzählt, metaphysische, sich nicht einlösende und sich
       auflösende. Und vielleicht ist das auch schon der Kern der Verwirrung, die
       an diesem letzten Eröffnungsabend der Berliner Volksbühne entsteht.
       „Mononoke“ ist er übertitelt, geschrieben und inszeniert hat ihn Satoko
       Ichihara. Im Zentrum steht Tatako (Rosa Lembeck) eine „ganz gewöhnliche
       Frau“. Diese sucht Rat bei der Wahrsagerin Prinzessin Monoprix, um ein
       Eisen-Ei, das sie sich in einem erregten Moment in ihre Vagina geschoben
       hatte, wieder zu entfernen.
       
       Prinzessin Monoprix ist eine kleine, geschäftstüchtige Frau, tatsächlich
       eine Bunraku-Puppe, die von drei Spieler:innen (Gwentsche Kollewijn,
       Akira Schroth, Maria Vittoria-Zinoni) bewegt wird. Mit glühend roten Augen
       schwebt diese durch den Raum, beginnt bald eine hochpreisige Beratung,
       spricht von Karma und der Schuld des abwesenden Vaters, und verkauft Tatako
       teures Wunderwasser. Zwischendurch meldet sich Yaku (Gro Swantje Kohlhof),
       ein aufdringliches Döderlein-Bakterium, zu Wort, das in Tatakos Vagina
       wohnt, und dort versucht, den PH-Wert im Griff zu behalten. In der
       empfohlenen Klinik trifft Tatako dann auf die futuristisch anmutende Ärztin
       Hoshino (River Roux), die mit ihrem Eisenfinger eine plötzliche Verbindung
       zu Takakos vermeintlichem Vater Sato (Julia Riedler) herstellt und bald
       eine künstliche Vater-Tochter-Eisen-Ei-Befruchtung einleiten will.
       
       Nach kurzer Zeit ist an diesem Abend ein verwirrendes Geflecht entstanden,
       aus Sex, Eisen und Japan als einem der weltweit wichtigsten
       Rohstahlproduzenten, aus der Frage nach Frauenbildern, Väter- und
       Mütterrollen. Aus Schönheitsidealen und Joghurt als Allheilmittel,
       Scheidenpilz und tödlichen Flüchen. In eher spröde auf der Vorbühne
       arrangierten Szenen sprechen die vier Spieler:innen sich durch diese
       Geschichte(n), tragen weiße Socken in Sandalen und kotzgrüngelbe Perücken
       (Kostüme und Puppendesign: Belle Santos).
       
       Später wird Wasser tropfen und Nebel aufsteigen, wird ein alienartiges
       Eileiter-Gebärmutter-Objekt aus Schlingen und Schläuchen [5][der bildenden
       Künstlerin Mire Lee] die Bühne füllen. Ein widerständiges Gebilde, das
       „kein Leben hervorbringen kann, und den unmöglichen Akt, daraus Leben
       entstehen zu lassen, selbst zum Kunstwerk macht“, heißt es im Text. Da hat
       sich die Ärztin Hoshino längst als Künstlerin geoutet, sind Flüche und
       Geister vergessen und Tatako erkennt: „Alles gelogen. Dann bin ich nicht
       verflucht. Alles okay.“
       
       Für die Zuschauer:innen ist das nicht so einfach. Der Abend verfängt
       zwar durch seine eigenwilligen Geschichten, deren Narrative immer wieder
       unterlaufen werden, bleibt im Gesamtgeschmack aber sehr sperrig und
       speziell. Schauspielerische Glücksmomente fehlen genauso wie ein
       dramaturgischer oder auch atmosphärischer Sog, der alle Geschichten – sei
       es im rohen archaischen Chaos – miteinander vereint. Katrin Ullmann
       
       4 Oct 2026
       
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