# taz.de -- „Fremde Sonne“ in Hamburg: Abgesang auf die Zukunft
> Großartige Bilder, emotionale Wucht und eine umwerfende Lina Beckmann:
> Die mehrteilige Antiken-Auffrischung „Fremde Sonne“ am Deutschen
> Schauspielhaus in Hamburg.
(IMG) Bild: Szene aus Fremde Sonne: Die Argonauten mit Devied Striesow
Iason ist so ein Typ Superheld. Sieht in Darstellungen oft super aus, kommt
super stark rüber, auch mal super pfiffig, indem er mithilfe anderer
Superhelden, der Unterstützung Medeas sowie der Göttergunst seine dann doch
vorhandenen Defizite listenreich auszugleicht und dann sogar Monster
besiegt. Einst wurde er dafür verehrt, später misstrauisch hinterfragt und
schließlich kritisch beleumundet: Sein Abenteuertrip mit der „Argo“ nach
Kolchis gilt nicht mehr als Fantasydrama muskelgebildeter Männlichkeit,
sondern als imperialistische Barbarei. Iason selbst ist als ruhm- sowie
machtgieriger Opportunist entlarvt.
Das sieht [1][Regisseurin Karin Beier] am [2][Deutschen Schauspielhaus in
Hamburg] ähnlich. Sie will aber nicht aus heutiger Besserwisserperspektive
mit plumpen Aktualisierungen den [3][Argonauten-Mythos] denunzieren.
Sondern ihn zum Sprechen bringen – mit den Vor-, Begleit- und
Nachgeschichten. Dafür fühlt sich Roland Schimmelpfennigs Text mit knappen
Sätzen von poetischer Klarheit in die bildreichen Mythen ein, arbeitet beim
konkreten Nacherzählen das Allgemeinmenschliche heraus und lässt, nie
aufdringlich, die Antike als Spiegel der kaputten Gegenwart wirken –
brillant.
Mehr als zweieinhalb Jahre hat das Theater an seiner Stückfolge „Fremde
Sonne“ gearbeitet. Und dann kollabierte mit Michael Wittenborn ihr Erzähler
kurz vor der Premiere. So las Autor Schimmelpfennig selbst nun den Prolog
vor, andere Texte und Rollen übernahm das Ensemble. Das klappt prima über
die insgesamt gut sieben Aufführungsstunden.
Die Welt ist betongrau. Ein bisschen Bewegung kommt ins Bühnenbild durch
Videos wogenden Meerwassers und grafische Abstraktionen miesen Wetters. Zu
Beginn malt die Sternezeichnerin Theophane einige Arabesken in die Luft, so
zauberhaft schön, dass der Gott des Meeres sie begehrt; er verwandelt sie
in ein Schaf und vergewaltigt sie, selbst zum Bock geworden. Ein goldener
Widder ist derart barbarisch gezeugt, der alsbald ein Königskind vor dem
Tod rettet und dafür rituell enthäutet wird. So ging Dankbarkeit damals.
## Mit Schuld beflecktes Vlies
Seither besitzt Kolchis das wertvollste aller Felle: Mit Schuld
blutbefleckt ist dieses goldene Vlies. Hier deutet sich bereits Gier nach
Reichtum, Ausübung machistischer Unterdrückung und Gewalt an. Das
zerstörerische Genug-ist-nicht-genug-Streben wird als Urfehler der
menschlichen Spezies benannt.
Schon sind wir in Iolkos, wo gerade die göttliche Königsgattin Nephele
durch die menschliche Nebenbuhlerin Ino ersetzt wurde, die partyfidel zum
Spaßhaben animiert, aber auch Betrug, Verrat und Hinterlist sät. Die
anfänglich als gemütliche Angler vorgestellte Gesellschaft schuftet bald
für die Fischindustrie, hinter wachsendem Wohlstand steht Sinnleere.
Hoffnungsdiffus wird ein erlösendes Licht ersehnt, eine fremde Sonne. Und
da fällt niemandem etwas Besseres als der Glanz des goldenen Vlieses ein.
Als Heilsbringer tritt Iason (Devid Striesow) auf. Er soll mit einem
kolonialen Raubzug, später als „Inbegriff der fortschreitenden
Zivilisation“ bezeichnet, das Prunkstück besorgen und mit Königskrone
belohnt werden. Zeit für eine Rückblende: Wie Iason wurde, was er ist? Der
Zentaur Cheiron hat ihn als Kind missbraucht und mit dem Verständnis von
Freiheit als Recht auf Egoismus indoktriniert: „Man muss sich nehmen, was
man will.“
Iasons Reise zum Licht ist eine in nie endender Nacht. Die Männer der
Argonauten-Truppe verrohen zusehends, was zu spritzigen Plantschereikämpfen
auf der nun gefluteten Bühne führt. Der Abend gewinnt an Action, verliert
aber – wie die Figuren – den Fokus. Zu sich kommt die Produktion dann
wieder mit dem Dreh- und Angelpunkt von Argonautensage und Inszenierung:
[4][Lina Beckmanns] Medea.
Ihr Leben in Kolchis ist inszeniert als Erinnerungsarbeit des sich brutal
aufpumpenden Vaters, geschundenen Bruders und erstmal freundlichen Gastes
Iason. Die Schauspieler sitzen aufgereiht an der Rampe und changieren in
virtuoser Selbstverständlichkeit zwischen Erzählen und Spielen. Sie
rekonstruieren Sicht- und Verhaltensweisen, analysieren ihre Wunden und die
daraus folgenden Ambivalenzen der Charaktere. Medea aber will einfach erst
mal raus aus der archaischen Vaterdiktatur – und ist sofort Feuer und
Flamme für den herbeigesegelten Fremden Iason.
## Hilflos komisch, berührend zart
So hilflos komisch und berührend zart wie zwei Teenies entdecken beide ihre
weich und nahbar machende Verliebtheit, in der Medea sich bald im Übermut
verliert, die Heimat verrät und den Bruder tötet. Im korinthischen Asyl
erlebt sie dann ein klassisches Flüchtlingsschicksal: „entwurzelt,
ausgestoßen, verlassen und verhöhnt“ fühlt sie sich, und der König, ganz
Remigrations-Apologet, will sie abschieben. Iason wählt derweil eine
karrieristisch attraktivere Partnerin.
Befeuert von einem Furienchor bricht Medea alle patriarchalen Normen,
kämpft um Selbstachtung und ihre Kinder. Vergeblich. Es verwandelt sich
grenzenlose Verzweiflungs- in Hass- und tödliche Racheenergie. Iason
versteht schon lange nichts mehr. Während Beier und Beckmann den Kosmos des
Menschlichen als Selbstzerstörungsmechanismus erschütternd nachvollziehbar
mit einer emotionalen Wucht ausmessen, die atemlos macht. Dieser Abgesang
auf die Zukunft besticht durch großartige Bilder, kleine Splatter-, viele
komödiantische Effekte, die natürliche Verbindung von Vergangenheit und
Gegenwart sowie ein famoses Ensemble. Kompliziert klassisches Theater – at
its best.
29 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
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