# taz.de -- Berliner Volksbühne: Ficken an der Fassade
> Die Berliner Volksbühne läutet mit einer Performance von Florentina
> Holzinger die neue Spielzeit ein. Damit ist nun auch das „Volksbad“
> Geschichte.
(IMG) Bild: Erst mal wird geputzt: Holzinger-Performance an der Berliner Volksbühne
Blickt man in der Dämmerung des herbstlichen Abends die
Rosa-Luxemburg-Straße Richtung Norden, liegt summende Aufregung in der
Luft. Straßenabsperrungen, Menschenmassen. Auf der Wiese auf dem Platz
sitzen Neugierige dicht an dicht, es riecht nach Berlin mit Kopfnoten von
Spätibier, dem Yuppie-Parfum Santal 33 und ein bisschen Hundekot. Gespannt
starrt die Menge gen Volksbühne, deren „richtige“ Spielzeit an diesem
Donnerstagabend von Florentina Holzinger und Team endlich eröffnet werden
soll.
Wegen umfassenden Sanierungen an der Obermaschinerie geschieht dies erst
jetzt. Da das große Haus in den letzten Wochen dementsprechend nicht
bespielbar war, hatte der neue Intendant Matthias Lilienthal als sozusagen
erste Inszenierung der Spielzeit im August das Volksbad auf den Platz
gesetzt, einen 25 Meter langen Swimmingpool – und damit sogleich für einen
Eklat gesorgt.
[1][Lilienthal ist bekannt dafür, beim Antritt an neuen Häusern mit
Projekten im öffentlichen Raum zu starten], die auf gesellschaftliche und
infrastrukturelle Probleme der jeweiligen Stadt hinweisen. So baute er 2015
zur Übernahme der Münchner Kammerspiele seine „Shabbyshabby Apartments“ aus
Reststoffen, in denen man in der Münchner Innenstadt für wenig Geld
übernachten konnte, um so auf die dortige miese Wohnungsmarktlage zu
verweisen.
In Berlin war es die traurige Situation der innerstädtischen Freibäder, bei
der die Volksbühne dem schwarz-roten Senat unter die Arme greifen wollte.
Ein Schwimmbad für alle, so das Versprechen: kostenlos und ohne
Ausweiskontrollen betretbar, mitten in der Mitte der Stadt.
Damit waren die ersten Klagen in der Wahlkampf-Hitzewelle des Sommerlochs
programmiert: Das Wasser sei zu flach, das Wasser sei verschwendet, das
Onlinebuchungssystem zu kompliziert, und kommen werde eh nur die
„Kultur-Bubble“. Das alles gipfelte schließlich – dann doch etwas
überraschend – in der Jammerrede einer jungen CDU-Politikerin.
Auf Instagram nölte die Frau von Diskriminierung gegen Weiße, weil das
Schwimmbad einen Nachmittag für Each One Teach One e. V. reserviert war,
eine community-basierte Organisation, die sich für die Interessen
Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen einsetzt und sie
demnach nicht adressierte. Dank hassbelohnender Algorithmen schaukelte sich
der Schmerz der Privilegierten zu einem unappetitlichen Shitstorm hoch.
[2][Er endete in der Absage der Veranstaltung für Schwarze Kinder und
Jugendliche], da deren Sicherheit nicht mehr garantiert werden konnte.
## Erschöpftes Abflauen
Danach flaute das öffentliche Interesse am Volksbad erschöpft und
schlagartig ab. Die Onlineticket-Regelung wurde gelockert, und so konnten
in den folgenden zwei Monaten schlussendlich doch noch die meisten
Besuchenden den Spätsommer über ungestört und oft spontan ihre kurzen
Bahnen ziehen.
Auch am Donnerstagabend liegt das Becken noch eingezäunt und still da. Es
ist kurz nach 18 Uhr, noch immer ist nichts passiert, die Menge starrt
gebannt. Auf dem Dach der Volksbühne [3][thront ein Fragment eines
Bühnenbild Holzingers]: der wie amputiert wirkende, zurückgelehnte
Frauentorso aus Gustave Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“.
Aufgedruckt und aufgeblasen zu einer riesigen Kunststoffpuppe ohne
Gliedmaßen und ohne Kopf.
Dann endlich erscheinen die ersten Performerinnen auf dem Dach. Die Menge,
ja scheinbar die ganze Stadt verstummt. Wabernd erklingt die E-Gitarre,
kratzend im Mikrofon die Worte einer der Darstellenden. Unten kann man sie
kaum verstehen, aber das macht nichts. Die Handlung ist schnell klar: Nackt
wird sich am Gebäude abgeseilt, dann mit weißen Handtüchern und Besen die
Fassade geputzt, dann gefickt: In wilden Kopulationsbewegungen winden sich
die Frauen in ihren Klettergeschirren.
## Squirten vom Dach
Zu erwartbar sich steigernder Musik erreicht die Aktion ihren Höhepunkt (!)
im symbolischen Pinkeln (oder Squirten?) der Courbet’schen Puppe auf den
Platz, gefolgt von spritzenden Fontänen aus dem Pool. Ein mattes Jubeln in
der Menge, viel amüsiert zuckende Mundwinkel. Nach knappen 20 Minuten endet
das Spektakel so unscheinbar, wie es begann. Nur die final gehissten weißen
Flaggen geben Rätsel auf: Wird hier von Beginn an kapituliert? Und wenn ja,
vor wem?
Die Menge zerstreut sich. „Ich war ja gestern nochmal hier baden“, erzählt
jemand, „da sprach mich eine Frau mit breitem badischen Dialekt an. Ob ich
aus Berlin sei? Sie hätte heute schon das Brandenburger Tor und den
Reichstag besichtigt, und weil sie gehört hätte, dass hier jetzt bald die
Linksextremisten alles übernehmen, wollte sie sich das mal ansehen, deshalb
sei sie jetzt hier.“ „Und, wie fand sie es?“ „Sie war sehr überrascht.
Nichts sei angsteinflößend oder eklig, im Gegenteil. So wie hier, fände sie
es dann ganz, ganz toll.“
Auf dem Dach sackt derweil der nackte Ursprung in sich zusammen. Der Sommer
ist vorbei. Die Luft ist raus. Und vielleicht verläuft die nächste Debatte
auch ein wenig abgekühlter.
2 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
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