# taz.de -- Saisoneröffnung Berliner Schaubühne: Bad Rumours from Kurfürstendamned
       
       > Thomas Ostermeier inszeniert mit „Stereophonic“ ein erfolgreiches
       > Broadway-Theaterstück. Die Softrockmusik ist ja ganz gut, aber reicht
       > das?
       
 (IMG) Bild: Zwischen Chorgesang und Morddrohung: Marcel Kohler und Eva Meckbach in „Stereophonic“
       
       Es ist der 7. Oktober 2026, ein AfD-Mann wurde gerade erstmals zum
       Präsidenten eines bundesdeutschen Landtags gewählt und die ganze Republik
       singt. Am Tag der Deutschen Einheit lagen sich CDU und SPD noch zu
       „Griechischer Wein“ in den Armen, nach dem krassen Tabubruch in
       Sachsen-Anhalt stimmten die Sozialdemokrat*innen auf dem Bebelplatz,
       auf dem vor nicht mal 100 Jahren Nazis Bücher verbrannten, dann in einem
       Akt der Verzweiflung die Nationalhymne an.
       
       Dies ist das Hintergrundrauschen, vor dem die Berliner Schaubühne mit einem
       extrem eskapistischen Stück ihre neue Spielzeit eröffnet. Gut, das Haus,
       das am Kurfürstendamm, der Flaniermeile der Westberliner Schickeria liegt,
       war nie Speerspitze eines dezidiert politischen Theaters, trotzdem wirkt
       die Entscheidung, zum Auftakt der Saison mit einem Musikstück [1][über eine
       fiktive, an die Band Fleetwood Mac angelehnte 70er-Jahre-Softrockcombo] zu
       beginnen, etwas uninspiriert.
       
       Nun muss man fairerweise sagen, dass [2][die Berliner Theater] gerade durch
       schwierige Zeiten navigieren. Die allgemeine Stimmung ist aufgeheizt, dazu
       kommen Sparzwänge und ein bevorstehender Wechsel im Kultursenat. Und dann
       ist an der Schaubühne auch noch das vorläufige Aus der beliebten
       Diskursreihe „Streitraum“ verkündet worden, nachdem die Förderung dafür
       Knall auf Fall abgesagt wurde. Insofern ist es schon auch begreiflich, dass
       der Intendant des Hauses und [3][Regisseur des Abends, Thomas Ostermeier,]
       nicht nur auf sein altbewährtes realistisches Theater setzt, sondern es
       auch noch möglichst weit weg in einer vergangenen Zeit in Kalifornien
       ansiedelt.
       
       Das preisgekrönte Stück zur Inszenierung mit dem Titel „Stereophonic“
       stammt von dem US-Dramatiker David Adjmi und wurde am Broadway und im
       Londoner West End bereits rauf und runter gespielt. Es handelt von den
       [4][turbulenten Probeaufnahmen] zu einem zweiten Album, bei dem die
       Musiker*innen ja bisweilen unter besonderem Erfolgsdruck stehen. In
       diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass vier der fünf Bandmitglieder
       miteinander verpartnert sind und inmitten von [5][Drogenexzessen,
       Rivalitätskämpfen und Eifersuchtsdramen] nicht fertig zu werden drohen.
       
       ## Urheberrechtsklage gegen Adjmi
       
       Ein pikantes Detail ist die Urheberrechtsklage des
       Fleetwood-Mac-Produzenten, der Adjmi vorwarf, Teile seines Memoirs über die
       Arbeit an dem Megaseller-Album „Rumours“ (1977) übernommen zu haben. Sie
       wurde jedoch außergerichtlich beigelegt. Bei der Premiere ist Adjmi
       zugegen, ebenso wie Will Butler von der kanadischen Band Arcade Fire, der
       die Songs für die Inszenierung komponiert hat. Sie reichen nicht ganz an
       den Stil von F. M. heran, sind rauer, rockiger und haben ihre eigene
       Qualität.
       
       Vor allem die Herzschmerz-Ballade „Bright“, live gesungen von Magdalena
       Lermer, ist der Wahnsinn. Ihre Figur ist es auch, die innerhalb des
       dreistündigen Abends die größte Entwicklung durchmacht – von der ihrem
       Freund und Frontmann hörigen Sängerin zur eigenständigen Künstlerin.
       
       In der Pause unterhalten sich Adjmi und seine Crew über die
       Requisiten-Zigaretten auf der Bühne, die auch schon in New York verwendet
       wurden und einem Reddit-Eintrag zufolge zu Unwohlsein in den vorderen
       Reihen geführt haben sollen. Das Berliner Publikum gibt sich gewohnt
       unverwüstlich. Jedenfalls raucht, trinkt und schnieft die Band zusammen mit
       den Tontechnikern ganz schön was weg, auch wenn der ausgestellte Exzess
       dann doch eher kontrolliert daherkommt.
       
       Die Dialoge sind witzig: „Wie redest du mit dir selbst über mich?“ Und
       Adjmi ist ein toller Beobachter von Beziehungsdynamiken, die in der
       klaustrophobischen Enge eines Aufnahmestudios – es ist dies das einzige
       Bühnenbild des Abends – so richtig eskalieren. Ein absolutes Highlight ist
       die Szene, in der sich Morddrohungen und sanfter Chorgesang abwechseln –
       und das gewohnt souverän von Ostermeier mit einem musikbegabten Ensemble
       inszeniert. Man fühlt sich also gut unterhalten, nur stellt sich die Frage,
       ob derart viel Realitätsflucht aktuell wirklich zur Aufgabe von Theatern
       gehört oder ob da in Sachen Gesellschaftsanalyse nicht doch mehr geht.
       
       8 Oct 2026
       
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