# taz.de -- Koçak und der Antifaschismus: Eine Chance für den Innenausschuss?
       
       > Der Linken-Abgeordnete Ferat Koçak gibt seinen Sitz im Innenausschuss
       > auf. Für die parlamentarische Arbeit der Linken könnte das eine gute
       > Entwicklung sein.
       
 (IMG) Bild: Blick in den Saal des Innenausschuss, in dem Ferat Koçak nicht immer zugegen war
       
       Der Linken-Abgeordnete Ferat Koçak hat am Mittwoch seinen Sitz im
       Innenausschuss abgegeben. Seinen Posten als Sprecher für Antifaschismus und
       Antirassismus behält er jedoch. Ein ungewöhnlicher Schritt.
       
       Auch Koçaks Vorgängerin Martina Renner war gleichzeitig Sprecherin für
       Antifaschismus und hatte einen Sitz im Innenausschuss. Wer für Koçak
       übernimmt, wird wohl kommende Woche in der Fraktion besprochen. Eine
       Anfrage der taz blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
       
       ## Wenn Kontakte nicht zum Ausschuss passen
       
       Der Grund für Koçaks Rücktritt waren fragwürdige Kontakte zu Personen aus
       der organisierten Kriminalität. In einem Video, das Koçak am Freitag auf
       Instagram veröffentlichte, zeigt er sich nun einsichtig. [1][Zuvor hatte er
       der Zeit seinen WhatsApp-Chat mit Firas Remmo offengelegt].
       
       Das ist der Sohn von Issa Remmo, dessen Familienmitglieder wegen
       organisierter Kriminalität immer wieder vor Gericht stehen und teils auch
       verurteilt wurden. In seinem Video sagt Koçak, er habe zwei Prinzipien: Er
       wolle niemals Menschen vorverurteilen und organisierte Kriminalität sei
       „scheiße.“
       
       Weder er noch seine Partei hätten damit etwas zu tun. Trotzdem hatte der
       Bundestagsabgeordnete Kontakt mit der – in Teilen von Gerichten
       verurteilten – Remmo-Familie. Koçak erklärt, wie es dazu gekommen sein
       soll, und räumt ein, sich nicht eindeutig genug von ihr abgegrenzt und
       seine Partei nicht rechtzeitig darüber informiert zu haben. Die einen
       finden das sympathisch und geben sich damit zufrieden, andere überzeugt es
       nicht, schließlich kann man in einem Video viel behaupten.
       
       Kritisiert wird Koçak aber nicht nur aufgrund seiner [2][Kontakte zur
       Familie Remmo], sondern auch für ein Foto mit Ibrahim Ibrahim, das am
       Wahlabend enstanden ist. Dieser wirbt für die Terrororganisation Volksfront
       zur Befreiung Palästinas (PFLP). Den getöteten Hamas-Chef Yahya Sinwar,
       einen Drahtzieher des Massakers vom 7. Oktober, nannte Ibrahim einen
       „Märtyrerhelden“ und zollte ihm seine „Hochachtung“. Koçak und er sind
       schon bei denselben Demonstrationen aufgetreten. Doch um Ibrahim und
       Antisemitismus geht es in Koçaks Video gar nicht.
       
       [3][Sowohl Koçaks Kontakte zu Personen aus dem Umfeld der organisierten
       Kriminalität als auch die politische Nähe zu Terrorverrlichern] sind für so
       manchen unvereinbar mit der Arbeit im Innenausschuss und als Sprecher für
       Antifaschismus und Antirassismus. So kritisierte die Thüringer
       Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss bereits vergangene Woche, Koçak
       vertrete kein umfassendes Verständnis von Antifaschismus und solle das
       Mandat niederlegen. Denn dazu gehöre eine klare Haltung gegen
       Antisemitismus, so König-Preuss.
       
       ## Ausschuss oder Instagram
       
       Zudem kritisierte sie, Koçak lasse seine Arbeit im Ausschuss schleifen. Als
       Sprecher müsse man hartnäckig Informationen sammeln, um Journalistinnen
       oder Wissenschaftlerinnen damit zu unterstützen. Diesem Anspruch werde der
       Neuköllner Abgeordnete nicht gerecht. Tatsächlich sind der Innenausschuss
       und Kleine Anfragen wichtige Instrumente der Opposition, etwa um an
       Informationen über Neonazis, Islamisten oder auch über Vorgänge in Behörden
       wie der Polizei zu gelangen.
       
       Auch die altgediente Linken-Politikerin und ehemalig
       Parlamentsvizepräsidentin Petra Pau kritisierte Koçak auf X. Als MdB trage
       er eine Verantwortung. Pau, die selbst lange im Innenausschuss saß,
       schreibt ihm: „Ich hatte gehofft, Du setzt die Arbeit von mir und Martina
       Renner fort, nichts ist zum REX, Antisemitismus, Antiziganismus passiert.“
       Dass Koçak nicht immer im Ausschuss zugegen und nicht immer über alle
       Themenbereiche informiert ist, bestätigten der taz mehrere Mitglieder des
       Innenausschusses.
       
       Die taz hat mal nachgezählt: Seit seinem Einzug in den Bundestag hat Koçak
       gerade einmal 21 Kleine Anfragen gestellt. 14 davon befassen sich mit
       Rechtsextremismus, zum Beispiel mit Aufmärschen, Gewalttaten, Waffenbesitz
       oder Gruppen wie den Reichsbürgern oder dem NSU. Mehrere Anfragen betreffen
       Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus. Nur eine einzige befasst
       sich auch mit Antisemitismus. Diese enthält zehn Unterfragen, in denen es
       aber hauptsächlich um Islamfeindlichkeit geht. Im Vergleich dazu stellte
       seine Vorgängerin Martina Renner in ihrem ersten Jahr im Innenausschuss
       etwa dreimal so viele Anfragen.
       
       Nun kann man sagen, dass er wertvolle Waffen der Opposition ungenutzt
       lässt, untätig ist er allerdings nicht gewesen. Koçak setzt bei seiner
       Arbeit aber einen anderen Fokus: Seine Reden aus dem Bundestag etwa gehen
       auf Insta viral, er spricht wie normale Menschen auf der Straße und
       versteht es zuzuspitzen. Gleichzeitig ist er der Neuköllner der erste
       direkt gewählte Kandidat der Linken außerhalb des Gebiets der ehemaligen
       DDR. Schon viele Jahre vor seinem Einzug in den Bundestag leistete der
       Deutsch-Kurde unermüdliche Arbeit zur Aufklärung von Neonazi-Strukturen in
       Neukölln, die [4][auch auf ihn selbst einen Brandanschlag] verübten.
       
       In seinem Insta-Video am Freitag macht er deutlich: Er wolle vor Ort in
       Neukölln sein, dafür sei er gewählt worden. Auch Insta-Reels seien wichtig,
       um „Ali in der Gropiusstadt“ und „Oma Erna in Britz“ zu erreichen, findet
       er. Am Ende des Videos versichert er im Hemd mit Kragen, er bleibe „einer
       von euch“. Er wolle kein „Anzug tragender Politiker“ werden.
       
       2 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /Debatte-nach-Wahlsieg/!6211074
 (DIR) [4] /Neonazi-Prozess-in-Berlin/!6051397
       
       ## AUTOREN
       
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 (DIR) Lotte Laloire
       
       ## TAGS
       
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