# taz.de -- Queerfeindlichkeit unter Jugendlichen: An der Toleranzgrenze
       
       > Ausgerechnet in den Niederlanden sinkt die Akzeptanz von Homosexualität
       > unter Jugendlichen drastisch. Was kann man tun? Zu Besuch an einer
       > Schule.
       
 (IMG) Bild: Mit dem Lila Freitag feiern Schulen in den Niederlanden – hier in Utrecht – einmal im Jahr sexuelle und geschlechtliche Vielfalt
       
       Der Tag geht schon gut los. „Homo!“, schimpft einer der Schüler, gleich in
       der ersten Stunde. Und das ausgerechnet heute. Doch Silvie Arts, 23,
       Lehrerin an einer Berufsschule in Nijmegen, bringt das nicht aus der Ruhe.
       „Hast du eine Ahnung, warum ich heute Lila trage?“, fragt sie den Schüler.
       „Oh, natürlich! Es ist Lila Freitag“, fällt es jemandem anders in der
       Klasse ein. Dieser Tag, auf Niederländisch [1][„Paarse Vrijdag“], wird seit
       2010 jährlich an Schulen im ganzen Land begangen. Unter anderem durch
       violette Kleidungsstücke soll Solidarität mit queeren Schüler:innen gezeigt
       und geschlechtliche und sexuelle Vielfalt gefeiert werden.
       
       Nach der Stunde sitzt Silvie Arts, die neben einer Bluse in hellem Lila
       auch ein Regenbogen-Armband trägt, in einem kleinen Arbeitszimmer der
       Schule und erzählt von dieser Anekdote. „Daraus entwickelte sich ein
       Gespräch darüber, warum dieser Tag nötig ist. Das ist manchmal ziemlich
       schwierig, Die Frage kam auf: ‚Warum gibt es keinen Tag für Heteros?‘ “ Die
       anderen am Tisch nicken wissend: ein Lehrerkollege und zwei Schüler*innen
       sitzen dort. Sie sind gekommen, um mit der taz über den Lila Freitag zu
       sprechen, der in diesem Jahr unter besonderer Beobachtung steht.
       
       Ende September diskutierte [2][das Land über eine Befragung] der
       Universität Utrecht und des Instituts Trimbos. Die Untersuchung, für die
       alle vier Jahre 11- bis 16-jährige Jugendliche befragt werden, ergab, dass
       die Akzeptanz von Homosexualität extrem abgenommen hat. Nur noch 51 Prozent
       der Mädchen und 22 Prozent der Jungen äußerten sich positiv. 2021 waren es
       noch 78 beziehungsweise 40 Prozent gewesen. Für die niederländische
       Gesellschaft, die lange als Inbegriff von Toleranz galt und sich auch
       selbst gern so sah, war das ein Schock.
       
       An der Berufsschule am westlichen Rand Nijmegens werden 450 Schüler:innen
       zum Beispiel zu Automechaniker:innen oder Elektrotechniker:innen
       ausgebildet. Die Schule positioniert sich klar. Das Kollegium hat gemeinsam
       entschieden, dass Teile der Fassade und die Türen im Innenbereich mit Blick
       auf den Lila Freitag violett gestrichen wurden.
       
       ## Ein Regenbogen verspricht Sicherheit
       
       Ryan van der Pluijm erinnert sich noch an den ersten Tag an dieser Schule.
       „An dem Tag trug eine Dozentin einen Regenbogen-Anstecker. Da war mir klar:
       Bei ihr kann ich offen sein und muss nicht ‚mein Freund‘ sagen, wenn ich
       eine Freundin habe.“ Van der Pluijm ist 22 Jahre alt, nonbinär und wird
       hier in der Schule als Elektrotechniker:in ausgebildet. Aufgewachsen in
       Spanien, kehrte Van der Pluijm vor vier Jahren in die Niederlande zurück.
       Heute gehört Van der Pluijm zur Gender Sexuality Alliance der Schule. Das
       ist eine Gruppe von Schüler:innen und Lehrkräften, die sich für ein
       sicheres Umfeld einsetzen. Queere und nichtqueere Menschen sind in der
       Allianz vertreten. Nach Angaben des landesweiten Netzwerks dieser Allianzen
       gibt es solche Gruppen an etwa 80 Prozent der weiterführenden Schulen.
       
       Der Lila Freitag hat für Van der Pluijm eine Wirkung. „Heute geben sich
       auch Dozent:innen, die nicht das ganze Jahr mit Regenbogen-Symbolen
       rumlaufen, zu erkennen. Als queere Person fühle ich mich dadurch sicherer.“
       Zugleich weiß Van der Pluijm, dass auch dieser Tag längst nicht alle
       Probleme löst. Als die Ergebnisse der Umfrage zur Queerfeindlichkeit
       Jugendlicher veröffentlicht wurden, habe Van der Pluijm das erschreckt.
       „Ich gebe mich so offen wie möglich, auch um anderen, die sich outen
       wollen, zu helfen.“ Jetzt sei da eine neue Angst. „Ich denke mehr darüber
       nach, wie ich mich präsentiere. Und wenn ich eine Partnerin habe, stelle
       ich mir eher die Frage, ob wir Hand in Hand über die Straße laufen.“
       
       Neben Ryan van der Pluijm im Arbeitsraum der Schule sitzt Stef, ein
       18-Jähriger Schüler, der sich zum Automechaniker ausbilden lässt und lieber
       mit Vornamen genannt werden möchte. Er ist nicht queer, aber auch er merkt,
       dass sich etwas um ihn herum etwas verschiebt. „Es gibt Leute die dagegen
       sind, und es gibt solche, die einfach mitlaufen.” Aber er sieht auch, dass
       Veränderung möglich ist. „Wenn sie dann eine LGBTQ-Person kennenlernen,
       bekommen sie ein anderes Bild.”
       
       ## Der schwule Premier bekommt Hassnachrichten
       
       Noch immer sehen sich die Niederlande gern als Land der Regenbogenflaggen.
       Sie waren [3][2001 der erste Staat der Welt, der die Ehe für queere Paare
       öffnete]. Seit 2026 regiert mit [4][Rob Jetten] nicht nur der jüngste
       Premier in der Geschichte der Niederlande, sondern auch der erste offen
       schwule. Allerdings: Schon in den ersten zwei Tagen nach seinem Amtsantritt
       im Frühling bekam er hunderte homophobe Hassnachrichten.
       
       Dass ablehnende Haltungen gegenüber queeren Menschen besonders unter jungen
       Männern zunehmen, ist aber kein rein niederländisches Phänomen. Das
       Marktfoschungsunternehmen Ipsos führt eine [5][jährliche Pride-Umfrage] in
       26 Ländern durch, dort bildeten sich [6][im vergangenen] Jahr ähnliche
       Tendenzen ab. Der Rückzug in soziale Netzwerke seit der Coronapandemie und
       die antifeministischen Tendenzen dort – Stichwort Manosphere – werden oft
       als Gründe für die Veränderung genannt.
       
       Jaser Husseini beobachtet das besonders bei den Jüngeren an seiner Schule.
       Husseini unterrichtet Bürgerschaftskunde an der Berufsschule in Nijmegen
       und hat heute die Farbe seines Hemds auf den Tag abgestimmt. „Ich zähle
       mich selbst nicht zur Regenbogen-Community“, sagt der 40-Jährige, aber er
       gehört wie Van der Pluijm auch zur Gender Sexuality Alliance. „Was die
       ersten beiden Ausbildungsjahre betrifft, in denen Jugendliche ab 15 sind,
       sehen wir diese Tendenzen auch“, sagt er. Bei den älteren Jahrgängen nehme
       das ab. „Da merkt man, dass unser Ansatz funktioniert, sehr bewusst das
       Gespräch anzugehen und Schüler:innen mit anderen Meinungen zu
       konfrontieren. Das hat nicht mit einem Mal Wirkung. Es ist eher wie ein
       Saatkorn zu pflanzen, das man dann gießt.“
       
       Wie das genau aussieht? „Wenn mir jemand sagt: ‚Dieser LGBTQ-Kram wird uns
       aufgezwungen‘ – ein klassischer Satz aus Social-Media-Blasen –, antworte
       ich: ‚Nenn mit doch drei Beispiele aus dem letzten Monat!‘ Dann kommt oft
       erst mal nichts, und dann die Geschichte von einer Parkbank, die in
       Regenbogen-Farben gestrichen wurde. ‚Wo steht die Bank, in welchem Park?‘,
       bohre ich weiter. Worauf die Person ihr Telefon rausholt und nachschauen
       muss. Die entscheidende Frage lautet dann: ‚Wieso wird dir damit etwas
       aufgezwungen?‘ “
       
       ## Das Problem sind nicht nur Jugendliche
       
       Husseini ist sich bewusst, dass die Wirkung solcher Strategien zunächst
       einmal begrenzt ist. Auf die großen gesellschaftlichen Fragen, auf das, was
       online passiert, darauf habe man keine Antwort. „Wir konzentrieren uns auf
       unsere Schule“, sagt er. „Wir versuchen, am Ende der Ausbildung Menschen in
       die Gesellschaft zu schicken, die argumentieren können und Normen und Werte
       wie Respekt und Akzeptanz vertreten.“
       
       Doch queerfeindliche Tendenzen an Schulen nur als Jugendproblem zu sehen,
       greift zu kurz. Daan Krahmer ist in den Niederlanden zu einem inoffiziellen
       Experten zu diesem Thema geworden. Er unterrichtet seit mehr als zehn
       Jahren an weiterführenden Schulen und publiziert daneben über seine
       Erfahrungen als queerer Mann im Bildungsbereich. Dafür bekommt er auch von
       Kollegen oft heftige Reaktionen, wie er im Telefongespräch mit der taz
       erzählt. „Einmal fragte mich jemand, ob ich Aids hätte. Ein anderer sagte,
       er sei sich sicher, dass seine Kinder nicht so würden wie ich. Und ein
       dritter schrie mich urplötzlich an: ‚Alle meine Freunde sagen, dass du Teil
       einer Agenda bist, die uns aufgezwungen wird!‘ “
       
       Er selbst könne damit umgehen, so Krahmer. Anders sei das bei manchen
       Jugendlichen, die sich wegen des feindseligen Klimas nicht mehr in die
       Schule trauen oder beschließen, offen queer zu leben, wenn sie ihre
       Schullaufbahn beendet haben. Dieses andere Bild der Niederlande existiere
       neben dem ungleich bekannteren von dem progressiven Land. „Zu dieser
       anderen Realität gehören Politiker wie Thierry Baudet und Geert Wilders,
       die von ‚Gender-Terror‘ oder ‚Gender-Indoktrinierung‘ sprechen. Das wird
       online dann ständig wiederholt, bis ich es irgendwann wieder von
       Jugendlichen in der Klasse höre.“
       
       Aber auch in queeren Kämpfen und Gegenstrategien gegen den Backlash haben
       die Niederlande viel Erfahrung. Die Organisation COC Nederland ist nach
       eigenen Angaben die älteste noch existierende Interessenvertretung queerer
       Menschen auf der Welt. Sie erstellt auch die Unterrichtsmaterialien zum
       Lila Freitag. Der ist zwar heute nicht mehr die Party, die er mal war, aber
       zumindest die Zahl der Schulen, an denen er stattfindet, steigt weiter. In
       diesem Jahr haben sich nach Angaben der Organisation erstmals über 3.000
       Schulen beteiligt. Seit 2020 nehmen auch Grundschulen teil.
       
       Zurück in der Berufsschule in Nijmegen. Ein abschließender Rundgang führt
       in die Kantine, wo Lehrkräfte sitzen, die Regenbogen-Anstecker tragen oder
       Pride Aufkleber auf dem Laptop haben. Robert Meeuwsen unterrichtet Logistik
       und hat heute auch noch Geburtstag. Auch er begann den Morgen mit der
       Frage: „Wisst ihr, was heute für ein Tag ist?“ – „Dein Geburtstag“,
       antworteten die Schüler*innen. Auf den Lila Freitag kam die Klasse erst
       danach. Also sprach Meeuwsen mit den Schüler:innen über den Hintergrund.
       
       Kam die Botschaft an? „Auf jeden Fall. Aber als ich ganz am Ende auf einen
       Teller mit lila Armbändern zeigte und fragte: ‚Wer möchte eins?‘, meldete
       sich trotzdem niemand. Das war dann doch zu viel.“ In einem der Praxisräume
       hat der Logistik-Lehrer eine Regenbogenflagge aufgehängt. Er nimmt sie
       nicht wieder ab, sie bleibt dort 365 Tage im Jahr hängen.
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://oudersenonderwijs.nl/en/purple-friday/
 (DIR) [2] https://www.hbsc.org/positive-attitudes-towards-homosexuality-fall-sharply-among-adolescents-in-the-netherlands/
 (DIR) [3] /Homo-Ehe-in-den-Niederlanden/!1212399/
 (DIR) [4] /Regierungsbildung-in-den-Niederlanden/!6149426
 (DIR) [5] https://www.ipsos.com/sites/default/files/ct/news/documents/2026-07/ipsos-lgbt-plus-pride-surey-report-2026.pdf
 (DIR) [6] https://www.ipsos.com/de-at/ipsos-pride-survey-2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Müller
       
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