# taz.de -- Männlichkeitsbilder unter Jugendlichen: Das sagen Schüler zur Manosphere
> Unser Autor fragt sich, warum Jugendliche Leute wie Andrew Tate
> anhimmeln. Wäre er als planloser Teenager eventuell auch in die
> Manosphere abgetaucht?
(IMG) Bild: Propagiert sexistische Rollenmuster: Frauenhasser und Influencer Andrew Tate
Betont bocklos schieben die Jungs aus der achten Klasse eines Berliner
Gymnasiums einen Stuhlkreis zusammen. Manche sitzen breitbeinig und mit
verschränkten Armen da und dösen, andere kippeln sehenswert um die Wette.
Die Schüler brainstormen zur Frage, was der Begriff Männlichkeit für sie
bedeutet. Workshopleiter Ziad Assem steht an der Tafel und notiert
Klischees: tiefe Stimme, zwei Meter, stabiler Bart. Der 23-Jährige muss
schmunzeln, die Schüler beschreiben ihn selbst.
Ziad Assem ist Lehramtsstudent und arbeitet nebenbei für die
Jugendhilfeorganisation Beteiligungsfüchse, ein Programm, das vom
Jugenddemokratiefonds „Stark gemacht“ unterstützt wird. Auch heute wird
Assem wieder den ganzen Tag mit männlichen Jugendlichen über
Geschlechterrollen diskutieren. Und ich höre zu. Weil ich wissen will, was
die Jungs so denken. Denn als sei die Zeit des Erwachsenwerdens nicht schon
verwirrend genug, kommt heute auch noch der Irrsinn der digitalen Welt
dazu.
In den sozialen Netzwerken prasselt die Manosphere auf Jungen ein: eine auf
Dominanz basierende Internetblase aus Männerrechtlern, Chauvis,
Pick-up-Artists, Incels und Nazis, die aus den Fahrersitzen dicker Autos
erklären, wie man ihrer Ansicht nach mit Frauen, Geflüchteten oder
Vegetariern umgehen soll. [1][Straftäter wie Andrew Tate] sind darunter,
aber auch [2][Pseudointellektuelle wie Jordan Peterson und Looksmaxxer wie
Clavicular,] der mit seinen Beauty-Tipps für den perfekten Übermann
unzählige Klicks generiert.
Ohne dass sie danach gefragt hätten, bekommen die Jugendlichen ein
altbewährtes Narrativ serviert: Männer würden gerade besonders leiden, weil
ihre männliche Identität in Frage gestellt wird. Die Lösung für das
Dilemma: die Rückkehr zu den guten alten Zeiten mit klar definierten
Geschlechterrollen.
## Stärke statt Gefühle
In Zimmer 205 wirft Ziad Assem einen Zusammenschnitt von Influencern auf
die Leinwand. Kennt ihr diese Leute? Klar, heißt es, die sozialen Medien
sind voll davon, Tiktok, Insta, Snapchat Spotlight. „Das bockt nicht“, sagt
einer über die Botschaften der Manosphere, und noch einer nickt, aber noch
ein paar mehr sagen lieber nichts und starren stattdessen auf ihre Schuhe.
Ziad Assem hakt nach: Warum gehen solche Videos viral? Warum glauben so
viele Leute daran? „Vielleicht, weil es einfacher ist, Stärke statt Gefühle
zu zeigen“, meint einer.
Betretenes Schweigen macht sich breit. Hier geht es offenbar um etwas, das
nicht so leicht zu fassen ist. Denn dass die Botschaften aus der Manosphere
Quatsch sind, scheint auch den meisten Schülern dieser achten Klasse klar
zu sein. [3][Trotzdem geistern sie in diesem Raum herum, in den Kommentaren
der Schüler, ihren Werturteilen, und seien sie nur als Scherz gemeint.]
Ich frage mich, wer in der Pubertät eigentlich meine Vorbilder waren: Wäre
auch ich den Manfluencern auf den Leim gegangen? Oder bin ich es sogar, nur
in anderer Form?
Als Kind der achtziger Jahre habe ich meine Jugend zwar nicht mit dem
Smartphone, aber dafür mit vielen Videokassetten verbracht. Ständig schaute
ich die neuesten Actionfilme, die mein Cousin als Raubkopien aus der Schule
mitbrachte. „Stirb langsam“, „Rambo“, „Karate Tiger“, diese ganzen
Mehrteiler, in denen ein Muskelpaket mit übermännlichen Kräften den Helden
spielt, entweder um eine Frau zu retten oder gleich die ganze Welt.
## Wo waren die echten Männer?
Haben die wortkargen Filmhelden meine Vorstellung von Männlichkeit so
geprägt wie heute die Influencer ihre Follower? Ist John Rambo vielleicht
der Vorgänger von Andrew Tate?
Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wo die echten Männer waren,
während ich vor der Glotze hing. Wahrscheinlich auf Arbeit, im Bastelkeller
oder so. Ich glaube auch nicht, dass es in jener Zeit mal ein ernstes
Männergespräch gab, wie ich es aus Filmen kannte. Papa klopft an die Tür,
wirft dem Sohn einen Ball zu und sagt: Junge, wir müssen reden, von Mann zu
Mann, du weißt schon.
Mein Vater, mein Opa, meine Onkel, sie alle standen lieber am Grill und
erzählten vom Ruderverein, von der Armee, der Uni. Meistens lief es auf
eine Trinkeskapade hinaus, deren Pointe im verschwörerischen Gelächter
unterging. Gespräche über Sorgen und Wünsche, über Liebe und
Verletzlichkeit: Fehlanzeige.
Vergangenen Sommer habe ich das Männergespräch nachgeholt. Ich besuchte
meine Eltern, weil mein Vater und ich ein Ritual pflegen: Am 4. Juli
schauen wir zusammen „Independence Day“. Ich weiß noch, wie begeistert wir
damals aus dem Kino schlenderten und uns später das Video kauften. 30 Jahre
später gucken wir den trashigen Actionfilm immer noch, aus
Nostalgiegründen. Als Will Smith gerade in seinen Kampfjet steigt, frage
ich meinen Vater nach Männerfiguren aus seiner Jugend. Auch ihm fallen
zuerst nur Filmhelden ein. „Aber hast du dich an denen orientiert?“ – „Nee,
das waren eher die Ruhigen, die Sensiblen, die Nachdenklichen. Romanfiguren
wie Holden Caulfield, der Fänger im Roggen vielleicht.“
## Kung-Fu im Kinderzimmer
Ich blättere in alten Fotoalben und schaue in die Gesichter vermeintlich
sorgenfreier junger Eltern. Mein Vater ist mal als Koch, mal als Klempner
zu sehen, mal sitzt er vor einer alten Schreibmaschine, mal ich auf seinem
Schoß. Auch er war Held, Hüter und Ernährer der Familie, sagen die
Schwarzweißfotos, nur halt nicht als kantiger, muskelbepackter Hüne. Eher
als Hünchen.
Als meine Eltern ihr erstes Kind bekamen, studierten sie noch in Leipzig.
In der damaligen DDR erhielt man eher eine eigene Wohnung, wenn man
heiratete und eine Familie gründete. Doch kaum waren meine Schwester und
ich aus dem Kleinkindalter herausgewachsen, brach das System zusammen und
wir zogen ein paar Kilometer über die alte Grenze nach Unterfranken. Ich
kann mir nur grob ausmalen, welchen Druck mein Vater gespürt haben muss, in
diesen Umbruchszeiten eine Familie zu versorgen.
„Was für ein Vater wolltest du denn sein?“, frage ich, während wir weiter
durch die Alben blättern. Mein Vater, der längst Opa geworden ist,
überlegt. „Für eine klare Rolle hätte ich selbst in mir ruhen, mit mir
selbst fertig sein müssen. War ich aber nicht.“ Stattdessen sei er einfach
nur gerannt und habe gekämpft, für sich selbst, und natürlich auch für uns.
Mein Vater hat mir beigebracht, wie man Comics malt und eine Forelle
entgrätet. Er hat mir Nachhilfe in Geschichte gegeben und erklärt, wie man
Auto fährt. Härte, aggressives Verhalten oder Gewalt waren hingegen nie ein
Thema. Und trotzdem übte ich Kung-Fu im Kinderzimmer und mopste ein
Luftgewehr, mit dem ich zu Zitaten aus „Terminator“ auf Lego-Figuren
schoss. Denn die verrohte Männlichkeit war gefragt. Nicht in der Familie,
aber in der Schule.
## Hauptsache die Mädchen imponieren
In den Pausen auf dem Hof, nach dem Sportunterricht in der Umkleide:
Gerangelt wurde eigentlich immer. Zwar hatte ich auf diese Raufereien nie
wirklich Bock, aber als Außenseiter, zu dem ich als Ossi im Grenzland
geworden war, musste ich täglich mit dem Schlimmsten rechnen.
Ich blättere weiter, die Fotos nehmen Farbe an. Sie zeigen mich, meine
große Schwester und ihre Freunde – die einzigen Kids, vor denen ich damals
keinen Schiss hatte. In der Clique meiner Schwester fühlte ich mich sicher.
Hier lernte ich, wie stark eine Gruppe sein kann. Hier eiferte ich dem
coolen, selbstbewussten, männlichen Verhalten der Jungs nach, die so
erwachsen auf mich wirkten. Statt Glitzeraufkleber sammelte ich nun
Fußballkarten und tauschte die Bravo Hits gegen Punkrock ein. Und ich
machte die Jungssachen, die alle machten: mehr kokeln, mehr klauen, mehr
schwänzen, auch in der Hoffnung, damit bei den Mädchen aufzufallen.
Das passierte aber irgendwie nicht. In der Achten brach mein Herz, weil
sich meine heimliche Liebe für einen Jungen entschied, der für seine
Schulhofschlägereien und lauten Fürze bekannt war. Ob sie damals überhaupt
mitbekommen hat, dass ich etwas für sie empfand?
Wir sitzen im ausgebauten Haus ihrer Schwiegereltern am Küchentisch. Wie
die meisten Leute aus meiner Schulzeit ist Marie nicht fortgezogen. Nach
dem Abi gründete sie bald eine Familie. Unsere alte Schule ist quasi in
Sichtweite, doch unsere Erinnerungen könnten nicht weiter voneinander
entfernt sein. Denn während ich mich noch lebhaft an unsere gemeinsamen
Filmabende auf ihrem Bett erinnere, erinnert sich Marie an nichts. „Mir
haben damals die verwegenen Typen imponiert, die Älteren, die Außenseiter“,
sagt sie. Und mir ja auch.
## Erst mit der Uni kam die Reflexion
Respekt galt denen, die besoffen Verkehrsschilder klauten oder
Seitenspiegel abkickten. Ich erinnere mich an zerlegte Wohnzimmer und an
Moshpits in Partykellern, an fliehende Menschen vor einer Traube grölender
Idioten an irgendeinem Bahnhof, und ich mittendrin. Kann sein, dass ich
erst an der Uni begonnen habe selbstständig zu denken. Dort gab es
plötzlich andere Blickwinkel und Positionen, über die ich nachdenken
konnte. In den Seminarräumen saßen junge Frauen, die reflektiert und
konfrontativ waren, die Ideale hatten und mir Fragen stellten. Die mir
Bücher empfahlen, wenn ich keine Antworten hatte.
Zurück im Klassenzimmer 205. Dass die Beteiligungsfüchse in die Schule
eingeladen wurden, hat Gründe. Es habe Vorfälle gegeben, erzählt ein Lehrer
bei der Begrüßung. Sachbeschädigung, homophobe Äußerungen, Sexismus. Ein
paar Jungs sollten rechtzeitig etwas Wichtiges lernen. Nur: Die
betreffenden Schüler haben sich allesamt krankgemeldet.
Die anwesenden Mitschüler verstehen das Problem nicht. Ja, da ging
kurioserweise irgendwie mal ein Besen zu Bruch. Aber der war ohnehin
hinüber, und sie hätten ihn sofort ersetzt, gleich am nächsten Tag. Das sei
nix im Vergleich zum Zustand der Toiletten mit den Hertha-Stickern in den
Pissoirs, wo nach und nach die Fliesen abgeklopft werden oder auch schon
mal eine ganze Kabinentür verschwindet.
Und was ist mit den Mädchen in eurer Klasse? Ach, die Mädchen … Die Jungen
fangen an zu lästern. Mal kichernd, mal augenrollend werden die jüngsten
Episoden aus dem Unterricht und vom Pausenhof zum Besten gegeben. In der
Grundschule habe noch die ganze Klasse miteinander gespielt. Doch das sei
längst vorbei. „Wir chillen nicht mit denen. Und wenn man mal die
Gelegenheit hat, mit so einem Exemplar sprechen zu dürfen, merkt man
sofort: keine Gemeinsamkeiten.“ Im Kreise der Jungen könne man sich über
Videospiele und Comics unterhalten, auf die letzten Fortsetzungen von „Star
Wars“ schimpfen, goofy sein. „Die Mädchen machen da nicht mit, die finden
uns bescheuert. Die sind wie eine andere Spezies geworden.“
## Selbstbewusstsein, Muskeln, Auto, Feminismus?
Kaffeepause, Sauerstoff tanken. Ich spreche mit Ziad Assem darüber, wie er
sich in dem Alter verhalten hat, insbesondere den Mädchen gegenüber. Was
ihm die Jungs erzählt haben, komme ihm bekannt vor. „Ab der Oberstufe
wollte ich nur noch Mädchen beeindrucken“, sagt er. „Ich habe geflirtet und
Witze gemacht. Mein Notendurchschnitt rauschte in den Keller.“ Dabei seien
er und seine Jungs total schüchtern gewesen. „Wir hatten einfach nur eine
große Klappe. Wenn du cool sein wolltest, musstest du pöbeln.“
Kontakt zu Mädchen gab es hingegen kaum, Ziad Assem und seine Kumpels
fragten sich, wieso. „Irgendwann hat dann jemand ein Buch darüber
mitgebracht, wie man Frauen klärt: mit Selbstbewusstsein, Muskeln und einem
teuren Auto. Wir stuften uns selbst auf einer Skala von 1 bis 10 ein,
welche Chancen wir mit unserem Aussehen hätten.“
Am Ende habe er dann doch noch die Kurve gekriegt. „Eine Freundin hat mich
gerettet. Sie hat mit mir über Feminismus gesprochen. Anfangs habe ich
meine eigenen Diskriminierungserfahrungen gegen ihre aufgewogen. Es hat
eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, was sie überhaupt
meint, und in welchen Rollenbildern ich gefangen war.“ Heute kann er sich
aussuchen, was für ein Mann er sein möchte, sagt Ziad Assem. Er muss in
keine Schublade passen, kann die Klamotten tragen und die Musik mögen, die
er will. Er kann verletzlich sein und seine Gefühle ausdrücken. „Das ist
unheimlich erleichternd, es nimmt so viel Druck raus. Genau das will ich
den Kids weitergeben.“
Wir kehren ins Klassenzimmer zurück. Ziad Assem reicht eine PET-Flasche mit
Cola herum. Noch lässt sich der Kunststoff eindrücken, aber nicht mehr
lange. Denn wer in dieser Woche richtig sauer war, soll die Flasche
schütteln. Das Videospiel hat sich mitten im Bossfight einfach aufgehängt.
Schütteln. Ich habe aus Versehen meinen Lego-Millennium-Falken vom Regal
gestoßen. Schütteln. In der Flasche baut sich Druck auf.
## Umgang mit der Wut
„Wie geht ihr mit eurer Wut um?“, fragt Ziad Assem in die Runde. „Vor allen
Leuten ausrasten ist vielleicht nicht so clever“, sagt der mit der Cola in
der Hand. Jetzt die Flasche öffnen würde eine Riesensauerei geben. Also
zurückziehen, allein sein, abreagieren. „Ich schlage in ein Kopfkissen, das
tut gut.“ – „Ich lenke mich ab, spiele Gitarre.“ „Ich empfehle
Chicken-Burger. Wenn du da rein beißt, Bro, ich sag dir, alle deine Sorgen
sind safe vergessen.“
„Mit Freunden reden, das hilft besonders“, sagt schließlich einer, und das
macht etwas mit mir. Diese kleine, gar nicht so selbstverständliche
Selbstverständlichkeit, die mir offenbar damals fehlte, sie rührt mich,
weil ich spüre, dass ich diese Ehrlichkeit, dieses Vertrauen unter Freunden
auch damals gut hätte gebrauchen können.
Und dann reden sie. Ein Junge spricht über seinen Ärger, seit der
Grundschule gehänselt zu werden. Also müsse man sich eben anpassen, selbst
hänseln, anstatt gehänselt zu werden, einfach mitmachen, denn die Gruppe
sei zu stark für einen Außenseiter. Und dann sagt einer: Die Gruppe, das
sind doch wir. Lauter Freunde, denen man sich anvertrauen könne. Die Gruppe
kann sich doch entscheiden: keine Spitznamen, kein Lästern, kein Mobbing.
„Die Gruppe kann Verantwortung übernehmen“, sagt Ziad Assem. „Ihr könnt
euch sagen, wenn euch etwas verletzt hat. Ihr könnt ehrlich zueinander
sein.“ Dann schreiben die Jungs ein paar Regeln auf ein Papier, wie sie
künftig miteinander umgehen wollen. Jeder unterschreibt, der Vertrag gilt.
Einfach miteinander reden, das hilft.
13 May 2026
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(DIR) Philipp Brandstädter
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