# taz.de -- Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“: Vergleichen, aber nicht gleichsetzen
> Das Deutsche Historische Museum Berlin wagt sich an ein Reizthema. Wie
> unterscheidbar sind koloniale und nationalsozialistische Gewalt
> tatsächlich?
(IMG) Bild: Alfredo Gauro Ambrosi, „Bombardement in Ostafrika“, Trient, 1936
Kann ein Vergleich neue Perspektiven eröffnen?“ Durch den „Raum der Fragen“
betritt man die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und
nationalsozialistische Gewalt“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) in
Berlin. Und steht zunächst vor zwei nebeneinander in gläsernen Vitrinen
ausgestellten Objekten.
In der einen befindet sich eine helle Peitsche aus Nilpferdhaut – das
berüchtigte Instrument, welches zur Züchtigung und Folter von Menschen in
afrikanischen Staaten und Kolonien eingesetzt wurde. In der anderen Vitrine
eine leere Metalldose. Darauf deutlich sichtbar: ein Totenkopfemblem sowie
die Aufschrift „Giftgas!“.
Die rostige Dose stammt aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Sie enthielt
Zyklon B, ein Schädlingsbekämpfungsmittel, basierend auf Blausäure. Die SS
setzte es in Auschwitz für den industriellen Massenmord an allein dort über
einer Million Menschen ein, die meisten von ihnen Juden.
Produziert wurde Zyklon B in einer ursprünglich zur Zuckerherstellung
gebauten Fabrik in Dessau – im Auftrag des Firmenkonglomerats aus Degesch,
Degussa und IG Farben. Ausliefernder Zwischenhändler war die Hamburger
Firma Tesch & Stabenow, später die SS selbst.
## Methodisch klar
Peitsche und Gasdose – der Prolog zu einer Ausstellung, die anschaulich und
dennoch komplex über Objekte, Dokumente, Videos, Hörstationen und
Texttafeln von den Ähnlichkeiten und den Unterschieden kolonialer sowie
nationalsozialistischer Gewaltausübung erzählen will.
„Methodisch ist dabei klar“, stellt DHM-Direktor Raphael Gross einleitend
bei der Eröffnung fest: „Vergleichen heißt nicht gleichsetzen.“
Man leiste hier vielleicht Pionierarbeit, so Stephan Malinowski, Historiker
und Chefkurator der Ausstellung. Der renommierte Historiker hat 2022 für
sein Buch „Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration“
den Deutschen Sachbuchpreis erhalten. Auch ihm geht es um „eine empirisch
fundierte Annäherung an jene Sachverhalte, die in kolonialen wie
nationalsozialistischen Gewaltregimen sinnvoll miteinander in Beziehung
gesetzt werden können, ohne deshalb ineinander aufzugehen oder identisch zu
sein“.
## Italiens Abessinien-Krieg
In acht analytisch unterteilten Räumen hebt die Ausstellung nun einzelne
Aspekte ausschnitthaft hervor. Der erste rückt etwa den Angriffskrieg des
faschistischen Italiens auf Abessinien 1935/36 in den Blick. Der Duce
Benito Mussolini spekulierte auf neuen „Lebensraum“ in Ostafrika. Ein
Gemälde von Alfredo Gauro Ambrosi wirkt zunächst irritierend pittoresk.
Im Stil futuristischer Luftmalerei stellt das Bild ein grotesk
idealisiertes Kampfflugzeug beim Bombenabwurf dar. Wo die Bomben
einschlagen, steigen im unteren Abschnitt des Gemäldes kleine Wolken wie
Zigarettenrauch aus einer menschenleeren ostafrikanischen Landschaft auf.
Eine original italienische Gasbombe schwebt an einer Aufhängung über den
Besuchern des Ausstellungsraumes. Zur Eroberung des durch interne
Widersprüche geschwächten Kaiserreichs Abessinien (heute Äthiopien) betrieb
das faschistische Italien eine Kriegsführung, die Historiker mit der der
deutschen Wehrmacht in Polen vergleichen.
Gegenüber dem Gemälde des Futuristen Ambrosi befindet sich an der Wand die
lebensgroße Reproduktion eines Fotos von Haile Selassie. Der Kaiser von
Äthiopien warb in einer Rede 1936 vor dem Völkerbund in Genf um
internationalen Beistand. Mit Hilfe Großbritanniens wurden die Italiener
1941 wieder vertrieben. Danach blieb Haile Selassie bis 1974 absoluter
Herrscher Äthiopiens.
## C.L.R. James in London
Eine weitere großformatige Fotografie in diesem Ensemble zeigt C. L. R.
James in jenem Moment, in dem der aus Trinidad stammende Intellektuelle im
August 1935 auf einer Kundgebung auf dem Trafalgar Square in London sprach
und vor dem bevorstehenden Einmarsch Italiens in Abessinien warnte. Wie
Frantz Fanon schloss er damals noch die vom Antisemitismus bedrohten und in
Deutschland verfolgten Juden solidarisch mit ein.
Reduktion und Verdichtung, ohne zu trivialisieren, scheinen der Ausstellung
fast mühelos zu gelingen. Auch wenn sie verengte nationalistische
Sichtweisen antikolonialer Führer und Theoretiker wie Jawaharlal Nehru,
Mahatma Gandhi oder Aimé Césaire thematisiert.
Beispielhaft zitiert eine Wandbeschriftung aus dem Disput zwischen Gandhi,
Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, und dem Religionsphilosophen
Martin Buber.
## Gandhis Empfehlung und Bubers Antwort
Vor seinem britisch-indischen Erfahrungshintergrund ordnet Gandhi die
Ereignisse im nationalsozialistischen Deutschland zwei Wochen nach der
Reichspogromnacht am 26. November 1938 so ein: „[Die Entrechtung der Inder]
in Südafrika war nahezu von dem gleichen Typus wie die der Juden in
Deutschland. […] Doch die Juden in Deutschland können Satyagraha
[gewaltfreien Widerstand] unter unendlich besseren Voraussetzungen
praktizieren als die Inder in Südafrika.“
Buber antwortete in einem Brief vom 24. Februar 1939: „Aber wissen Sie,
oder wissen Sie nicht, Mahatma, was ein Konzentrationslager, welches die
Martern des Konzentrationslagers, welches seine Methoden des langsamen und
des schnellen Umbringens sind? […] Und meinen Sie etwa, ein Jude könnte in
Deutschland auch nur einen einzigen Satz eines Vortrages wie jenes von
Ihnen öffentlich aussprechen, ohne niedergeschlagen zu werden?“
„Umstrittene Verwandtschaft“ macht in verblüffenden Details Ähnlichkeiten
und Unterschiede kolonialer und nationalsozialistischer Ordnungs- und
Gewaltregime deutlich.
Historische Plakate der französischen Kolonialverwaltung in Algerien etwa
wiesen der muslimischen Frau den Weg in eine Zukunft ohne Kopftuch und
Schleier, um assimiliert Teil des modernen Französisch-Algeriens zu werden
– während eine Tafel aus der Wochenzeitung Der Stürmer 1935 so etwas für
Juden negierte und üble antisemitische Karikaturen gleich mit
Weltausschlussanspruch verbreitete: „Das ist der Jude: Der Feind aller
Nationen“.
## Muslimische SS-Brigade, britische Kolonialtruppen
Dabei waren andere, überraschende Kollaborationen durchaus möglich. Eine
Ausgabe der Kölnischen Illustrierten präsentierte 1943 auf dem Titelfoto
die strahlenden Gesichter einer muslimischen SS-Brigade. Ab 1941 residierte
der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, bei Adolf Hitler in
Berlin.
Wohingegen wiederum auf französischer und britischer Seite historische
Plakate davon sprechen, Angehörige kolonisierter Staaten zum Kampf gegen
den Nationalsozialismus anzuwerben.
Die Ausstellung beschönigt auch nicht [1][die von der Kaiserlichen
Schutztruppe begangenen Kolonialverbrechen] an den aufständischen Nama und
Herero in Deutsch-Südwestafrika. Doch regt sie dazu an, [2][die Verbrechen
in einem anderen historischen Kontext zu begreifen] als den später
industriell organisierten Massenmord an den europäischen Juden.
## Der achte Raum
Der achte Raum der Ausstellung ist dann auch den Menschen der jüdischen
Gemeinde von Rhodos gewidmet. Erinnerungsfotos zeigen Mädchen beim
Schulsport, beim Baden im Meer, Frauen mit Hut bei einem Kaffeekränzchen
oder posierende Männer des Maccabi-Sportvereins.
Noch im Sommer 1944, die Niederlage vor Augen, deportierten die Deutschen
unter großem logistischem Aufwand die etwa 1.670 Menschen der jüdischen
Gemeinde von Rhodos in die 2.000 Kilometer entfernten Vernichtungslager von
Auschwitz.
„Ohne und gegen jede militärische und ökonomische Logik“, so Stephan
Malinowski. In Auschwitz wurden die meisten unmittelbar nach ihrer Ankunft
ermordet. Für solche Orte wie Auschwitz, sagt der Historiker, „einzig
erschaffen für die möglichst effiziente Ermordung von Menschen, lassen sich
koloniale Pendants nicht erkennen“.
Entsprechend sei dieser Raum am Ende der Ausstellung ohne vergleichbares
koloniales Gegenstück geblieben.
16 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Delegationsreise-nach-Namibia/!5577096
(DIR) [2] /55-Deutscher-Historikertag-in-Bonn/!6111340
## AUTOREN
(DIR) Andreas Fanizadeh
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Kunst und Kolonialismus
(DIR) Antisemitismus
(DIR) Postkolonialismus
(DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
(DIR) Holocaust
(DIR) Schwerpunkt Völkermord an den Herero und Nama
(DIR) Auschwitz
(DIR) Berlin Ausstellung
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) wochentaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Festivalleiterin über Bismarck-Denkmal: „Der Kolonialismus ist keine abstrakte Geschichte“
Die Bismarck-Statue im Hamburger Alten Elbpark ist umstritten. Auf dem
Fluctoplasma Festival findet dort ein postkolonialer Rundgang statt.
(DIR) Ein Ort der Kolonialgeschichte: Als Preußen bis zur Weichsel reichte
Als Erinnerungsort an den Kolonialismus in Polen könnte die Preußische
Seehandlung viel erzählen. Erzählt aber wird da am Berliner Gendarmenmarkt
nichts dazu.
(DIR) 55. Deutscher Historikertag in Bonn: Kein neuer Antisemitismusstreit
Der ganz große Knall blieb aus. Kontroversen wurden dennoch dezent
sichtbar. Aufschlussreich waren neue Quellen zur NS-Besatzung in Osteuropa.
(DIR) Delegationsreise nach Namibia: Restitution als Chance
Die Namibia-Initiative Baden-Württembergs setzt neue Maßstäbe im Umgang mit
dem Kolonialismus: auf Delegationsreise mit Ministerin Bauer.