# taz.de -- Neuköllner Linke und das B-Wort: Alles klar, Bruder!
       
       > Wen der Neuköllner Linken-Politiker Ferat Koçak „Bruder“ nennt, muss
       > nicht sein Freund sein. Über die Semantik eines Missverständnisses.
       
 (IMG) Bild: Ferat Koçak in seinem Wahlkreis Neukölln, wo er bei der Bundestagswahl das Direktmandat holte
       
       Es gibt Momente, in denen ein einziges Wort den angespannten Zustand eines
       ganzen Landes widerspiegeln kann. Oder vielmehr die Reaktionen auf den
       Kontext, in dem dieses Wort gefallen ist. Nicht nur zeigen sie, wie die
       eine gesellschaftliche Gruppe auf die andere blickt. Sie stehen dafür, wie
       fremd man sich geblieben, besser: mal wieder geworden ist.
       
       „Bruder!“ Mit Ausrufezeichen gesprochen! Zu lesen war die Anrede in
       [1][Chats des Neuköllner Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak mit Firas
       Remmo, Sprössling der gleichnamigen Berliner Großfamilie]. Üblicherweise
       ein ordinäres Verwandtschaftsverhältnis zuschreibend, sind viele der
       Auffassung, dass „Bruder“ hier für eine problematische Nähe Koçaks zu
       einigen – sagen wir mal, kriminalitätsaffinen – Personen aus jener
       Großfamilie stehe.
       
       Über Vergangenheit und Zukunft des Linkenpolitikers wird an anderer Stelle
       debattiert, ich will ihn weder verklären noch dämonisieren. Einsatz für die
       Menschen in Neukölln kann ihm niemand absprechen. Hier soll es um einen
       Moment gehen, der sich direkt am Tag nach der Berlinwahl abspielte. Also
       als die Sammlung erklärungsbedürftiger Details noch nicht bekannt, der
       erste Screenshot aus dem Chat durch Remmo junior aber bereits gepostet war.
       
       „Er nennt ihn Bruder?!“, empörten sich viele mit sichtbarer Halsschlagader
       und meinten damit Koçaks Nachricht an Remmo. Als gehörte die Geschichte
       schon allein der Anrede wegen unverzüglich vor Gericht.
       
       Ein Freund von mir nannte einst seine eigenen Schutzgelderpresser „Bruder“.
       Sie kamen in seinen Kiosk – wo er sich jeden Tag 14 Stunden lang abbuckelte
       – und hielten ihm auch schon mal ein Messer an den Hals. Wer das voreilig
       als Bestätigung für das Verhältnis zwischen Koçak und den Remmos sieht,
       sollte auch von den anderen Bedeutungen erfahren. Als Berliner mit
       afghanischer Geschichte kenne ich sie alle.
       
       ## Synonym für Digger, Alter, Atze, Keule
       
       Die Anrede „Bruder“ kann ein Vertrauensvorschuss sein oder für Augenhöhe
       stehen. Sie kommt als Mahnung oder Machtspiel daher, als Erwartungshaltung
       für Zugewandtheit, als Ausdruck einer Irritation, jedoch mit Respekt.
       „Bruder“ läuft als Synonym für Digger, Alter, Atze oder Keule. Das Wort ist
       Jugendjargon und Straßensprech, kursiert aber insbesondere als sinngemäße
       Übersetzung ähnlicher, warmherzig gemeinter Anreden in den
       Herkunftssprachen.
       
       Und deshalb, vielleicht das Entscheidende, als identitätsstiftendes Merkmal
       untereinander – um dem machtvollen Othering der anderen Seite etwas zu
       entgegnen. Als Reaktion auf einen andauernden Prozess der Fremdmachung.
       Einer Stigmatisierung, die nicht erst mit „kleine Paschas“,
       „Messermigranten“ oder der fadenscheinigen Rede vom Stadtbild begann.
       
       Selbst junge Teenagerinnen, ob in Kreuzberg oder im gutbürgerlichen
       Wilmersdorf, schreien sich, wie ich gerade erst selbst erfahren durfte, von
       ihren [2][hochtourigen E-Scootern] aus mit „Bruder“ an. Ganz ohne
       Testosteronrausch.
       
       „Er nennt ihn Bruder?!“ symbolisierte zu Beginn der Causa Koçak das
       Hinterwäldlerische einer Haltung, die irgendwo zwischen „Aber ich esse doch
       Döner“, „Woher kommst du wirklich?“ und „Wie nützlich sind Migranten?“
       feststeckt. Aus selbstverschuldeter Ahnungslosigkeit oder politischem
       Kalkül.
       
       „Bruder“ mag für einen Parlamentarier naiv sein, für sich allein genommen
       sagt es nicht genügend aus, um es als Beleg für illegitime oder illegale
       Machenschaften zu deuten.
       
       Der Umgang damit sagt allerdings etwas über eine Gesellschaft aus, in der
       relevante politische, mediale und sonstige Akteure auf [3][eine über sechs
       Jahrzehnte alte Einwanderungsgesellschaft] starren wie das Kaninchen auf
       die Schlange – in Wahrheit aber die Schlange sind.
       
       17 Oct 2026
       
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