# taz.de -- Kabinett erzielt Einigung: Regierung lässt Kinderlose für Pflegereform zahlen
> Die Bundesregierung bringt die Pflegereform auf den Weg, über die Union
> und SPD bis zur letzten Minute gerungen hatten. Nun werden erste Details
> bekannt.
(IMG) Bild: Das Kabinett hat die Pflegereform beschlossen
afp/dpa | In der Pflegeversicherung soll ab 1. Januar 2027 der
Beitragszuschlag für kinderlose Mitglieder steigen. Er soll um 0,3 Punkte
auf 0,9 Prozent angehoben werden, wie das Bundesgesundheitsministerium nach
dem Beschluss der Pflegereform im Kabinett mitteilte.
Ziel des Gesetzentwurfs sei es, die Finanzierung der Pflegeversicherung in
einem ersten Schritt zu stabilisieren, sagte Minister Carsten Linnemann
(CDU) in Berlin. Maßnahmen auf der Ausgaben- und Einnahmenseite trügen dazu
bei. Der Beitragssatz liegt nach einer Erhöhung vergangenes Jahr bei 3,6
Prozent, bei Kinderlosen bei 4,2 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen.
## Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze
Linnemann sagte: „Das System steht massiv finanziell unter Druck.“ Es gebe
eine Verdreifachung der zu Pflegenden: Heute seien es sechs Millionen, vor
20 Jahren seien es noch zwei Millionen gewesen.
Die vom Kabinett auf den Weg gebrachte Reform enthalte auch viele
strukturelle Komponenten. „Deswegen möchte ich nicht allein von einem
Spargesetz sprechen“, sagte Linnemann. So solle künftig im Rahmen der
Pflegebegutachtung konsequenter geprüft werden, ob eine Reha den
Pflegebedarf spürbar besser senken könne.
Geplant ist auch eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze in der Pflege
um 300 Euro pro Monat, wie bei der Krankenversicherung. Zum 1. Januar 2028
soll ein Beitragszuschlag für die Mitversicherung von Ehegatten oder
Lebenspartnern in Höhe von 0,52 Prozent erhoben werden, auch dies wie bei
den Krankenkassen. Ausnahmen sollen etwa für Eltern von Kindern mit
Behinderungen oder pflegende Angehörige gelten.
Die Pflegeversicherung übernimmt dagegen weiterhin – anders als
ursprünglich geplant – die Rentenversicherungsbeiträge für pflegende An-
und Zugehörige voll. Ab 2029 soll es eine jährliche Anhebung der
Leistungsbeiträge der Pflegeversicherung auf Basis der Inflation geben.
## „Keine Abstriche“
„Wir machen keine Abstriche bei der Rente von pflegenden Angehörigen, denn
sie sind die stillen Helden unserer Gesellschaft“, sagte Linnemann. Unter
anderem mit Pflegebegleitung vor Ort werde der Alltag der Pflegebedürftigen
und ihrer Familien erleichtert.
Versicherte ab dem 60. Lebensjahr sollen Anspruch auf eine
Früherkennungsuntersuchung „Check-up 60+“ erhalten. Eine Strukturkommission
soll ab Oktober wie angekündigt grundlegende Reformen erarbeiten,
bekräftigte Linnemann.
Nach Verhandlungen bis zuletzt hatte das Bundeskabinett den Entwurf zuvor
beschlossen. [1][Union] und [2][SPD] hatten bis kurz vor der
Kabinettssitzung beraten. Die SPD hatte „ein reines Kürzungspaket“
abgelehnt und mit [3][Blockade] gedroht.
## Linke wirft SPD Einknicken vor Union bei Pflegereform vor
Nach dem Kabinettsbeschluss zur Pflegereform hat die Linkspartei der SPD
ein Einknicken vor dem Koalitionspartner CDU vorgeworfen. „Das Kabinett hat
heute eine Pflegereform beschlossen, die in weiten Teilen genau so bleibt,
wie Gesundheitsminister Linnemann sie haben wollte“, sagte
Linken-Fraktionschef Sören Pellmann am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP
in Berlin.
„Die zentrale Forderung der SPD nach einer Beteiligung der privaten
Pflegeversicherung ist hingegen vom Tisch und wurde in eine Kommission
verschoben, die bis Januar Vorschläge erarbeiten soll“, kritisierte
Pellmann. „Die Kürzungen gelten aber schon jetzt.“
Die SPD hatte gefordert, dass die finanziell besser dastehende private
Pflegeversicherung die angeschlagene gesetzliche Pflegeversicherung
unterstützt. Der koalitionsinterne Kompromiss sieht laut
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) so aus, dass eine noch
einzusetzende Expertenkommission prüft, ob „Ausgleichsmechanismen zwischen
den Pflegekassen“ verfassungsrechtlich möglich seien und dann Vorschläge
unterbreitet.
Pellmann kritisierte, dass die Zuschläge zu den Heimkosten nun zeitlich
gestreckt werden sollten, „wodurch auf dem Rücken Hunderttausender
Pflegebedürftiger 2,6 Milliarden Euro eingespart“ würden. Außerdem werde
der Zugang zu Pflegegraden erschwert, und bei Pflegegrad 1 fielen
Leistungen ganz weg.
Der Linken-Politiker bekräftigte die Forderung seiner Partei nach einer
Pflegevollversicherung. Gegenfinanziert werden solle diese durch eine
höhere Beitragsbemessungsgrenze, Beiträge auf Kapitaleinkommen und die
Integration der Privatversicherung. „Das würde über 20 Milliarden Euro im
Jahr einbringen und Eigenanteile komplett abschaffen“, sagte Pellmann AFP.
Patientenschützer kritisierten den nun beschlossenen Reformkompromiss
ebenfalls. Es sei „fraglich, ob die Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze
und die Zuschläge für Kinderlose das Defizit der Pflegeversicherung in den
nächsten zwölf Monaten ausgleichen kann“, sagte Eugen Brysch von der
Stiftung Patientenschutz der „Rheinischen Post“. „Auf die zentralen
Zukunftsfragen konnte sich die Koalition nicht verständigen. Wer nicht mehr
weiter weiß, bildet eine Kommission“, betonte er.
30 Sep 2026
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