# taz.de -- Pflegereform und Finanzen: Begutachtungen werden strenger
> Das Kabinett hat am Mittwoch die Pflegereform beschlossen. Geplant sind
> Kürzungen beim Pflegegrad 1 und höhere Beiträge für Kinderlose.
(IMG) Bild: Pflege mit neuen Spielregeln: Eine Seniorin puzzelt in einer Tagespflege in Erlenbach am Main
Wenn im nächsten Jahr der Gutachter klingelt, um den Pflegeantrag von
Gebrechlichen zu beurteilen, müssen sich die Betroffenen auf ein strengeres
Urteil gefasst machen. Denn dann braucht es mehr Einschränkungen im Alltag,
um überhaupt einen Pflegegrad oder einen höheren Pflegegrad zu erreichen
als bisher. Der oder die Gutachter:in vergibt für jede Einschränkung
eine bestimmte Anzahl Punkte. [1][Je höher der Punktwert, desto höher der
Pflegegrad]. Die Schwellen für die Erreichung des nächsten Pflegegrades
werden angehoben im kommenden [2][Gesetz] zur Neuordnung der
Pflegeversicherung (PNOG), das am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossen
wurde.
„Wir werden Einsparungen vornehmen müssen“, sagte Bundesgesundheitsminister
Carsten Linnemann (CDU) am Mittwoch nach der Billigung seines Entwurfs
durch das Bundeskabinett. „Das System steht massiv finanziell unter Druck.“
Er bezeichnete die Reform als „ersten wichtigen Schritt“ zur Stabilisierung
der Pflege. Laut Ministerium droht im nächsten Jahr ein Defizit von 7,6
Milliarden in der sogenannten Sozialen Pflegeversicherung (SPV) bei den
gesetzlichen Krankenkassen.
Laut dem Gesetzentwurf soll allein die Veränderung der Einstufung in die
Pflegegrade eins bis drei im Jahre 2030 rund 4,2 Milliarden Euro an
Einsparungen bringen. Der sogenannte Entlastungsbeitrag von 131 Euro im
Monat im Pflegegrad eins, mit dem man etwa Haushaltshilfen finanzieren
kann, soll gestrichen werden, dies bringt laut Gesetzentwurf Minderausgaben
von 800 Millionen Euro im kommenden Jahr. Die in einem früheren Entwurf
vorgesehene Kürzung der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende
Angehörige kommt allerdings nicht.
Um mehr Einnahmen zu generieren, soll die Beitragsbemessungsgrenze in der
gesetzlichen Pflegeversicherung um 300 Euro im Monat ab 2027 steigen, dies
ist bereits für die gesetzliche Krankenversicherung geplant. Zudem soll die
beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern ohne nennenswertes eigenes
Einkommen eingeschränkt werden. Für diese Gruppe wird den Angaben des
Ministeriums zufolge in der Regel dann ein Beitrag von 0,52 Prozent auf
beitragspflichtige Einnahmen des Partners fällig.
## Verhinderungshilfe soll gestrichen werden
Außerdem soll der Aufschlag, den Kinderlose auf den allgemeinen
Beitragssatz zur Pflegeversicherung zahlen müssen, von 0,6 auf 0,9
Prozentpunkte steigen. Allein dieser Punkt soll im nächsten Jahr 3,3
Milliarden Euro an Mehreinnahmen bringen.
Die Verhinderungspflege, mit der man bis zu 3.540 Euro jährlich für
Ersatzpflege etwa in Ferienzeiten abrechnen konnte, soll gestrichen werden.
Im Gegenzug werden zwar andere monatliche Budgets erhöht und neue
eingeführt, Sozialverbände haben aber gegen diese Umstrukturierung
[3][protestiert.]
Die SPD hatte im Vorfeld der Kabinettsbefassung gefordert, die Eigenanteile
bei der Pflege im Heim stärker durch Mittel der Pflegeversicherung zu
deckeln. Dies wurde im neuen Entwurf nicht berücksichtigt. Allerdings
findet sich im neuen Entwurf nicht mehr der Vorstoß, bei den bisherigen
Zuschüssen der Pflegekassen für die Eigenanteile beim Heimaufenthalt zu
kürzen. Dies hatte der frühere Entwurf unter Bundesgesundheitsministerin
Warken noch vorgesehen.
## „Nur ein Minimalkompromiss“
Zuletzt wollte die SPD einen Finanzausgleich zwischen privater und
gesetzlicher Pflegeversicherung. Dieser hätte bedeutet, dass die privaten
Pflegekassen (die zu den privaten Krankenkassen gehören) einen
Finanzausgleich an die gesetzlichen Kassen zahlen. Die Privatkassen haben
im Schnitt weniger pflegebedürftige Mitglieder und daher auch weniger
Ausgaben.
Linnemann sagte, dieses Thema sollte zusammen mit vielen weiteren in einer
Fachkommission besprochen werden. Das Kabinett solle den Auftrag für das
Gremium in der kommenden Woche beschließen. Schon Ende Januar erwarte er
Empfehlungen der Kommission, um „das Pflegesystem für die 30er-Jahre fit zu
machen“, sagte Linnemann. Diese sollten dann vor Ostern im Kabinett
beschlossen werden.
Die AOK-Krankenkasse rügte, die Pflegereform sei „nur ein
Minimalkompromiss“. Es würden nur Beitragszahlende und Pflegebedürftige
herangezogen, um „kurzfristig Finanzlöcher zu stopfen“. Die Grünen
erklärten, für eine „echte Strukturreform“ fehlten der Regierung „Kraft und
Vision“.
In Deutschland beziehen 5,7 Millionen Menschen Leistungen aus der
Pflegeversicherung, darunter werden 4,9 Millionen zu Hause gepflegt. Unter
den 800.000 Pflegebedürftigen in Heimen müssen mehr als 40 Prozent Hilfe
vom Sozialamt für die Pflegekosten beziehen.
30 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Reform-der-Pflegeversicherung/!6217266
(DIR) [2] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/P/Kabinett-GE_Pflegeneuordnungsgesetz_PNOG.pdf
(DIR) [3] /Sozialkuerzungen/!6214377
## AUTOREN
(DIR) Barbara Dribbusch
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