# taz.de -- Vor den Kabinettsberatungen: Langes Ringen um geplante Pflegereform nicht zu Ende
> Bis zuletzt verhandeln Union und SPD über die Pflegereform – und ob der
> Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Linnemann wie geplant im Kabinett
> beraten wird.
(IMG) Bild: Die SPD bremst ihn aus: Carsten Linnemann (CDU), Bundesminister für Gesundheit
dpa | Union und SPD haben wenige Stunden vor den geplanten
Kabinettsberatungen weiter [1][über die Pflegereform] gerungen. Es blieb
zunächst unklar, ob der Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Carsten
Linnemann (CDU) wie geplant am Mittwoch im Bundeskabinett beraten werden
kann.
Die Gespräche dauerten über den gesamten Dienstag an, hieß es in der
Koalition. Bereits seit dem Wochenende hatte die Koalition in verschiedenen
Runden verhandelt. Linnemann hatte auf der Basis einer Vorlage seiner
Vorgängerin Nina Warken (CDU) einen Entwurf vorgelegt, mit dem insbesondere
weitere Beitragserhöhungen in der Pflege im kommenden Jahr verhindert
werden sollen. [2][Die SPD lehnt „ein reines Kürzungspaket“ ab], wie
Fraktionschef Matthias Miersch (SPD) schon am Samstag erklärt hatte.
## Klingbeil: „Kein reines Einsparpaket“
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) bekräftigte am Nachmittag in Mainz:
„Das darf jetzt nicht ein reines Einsparpaket sein, sondern wir brauchen
auch strukturelle Veränderungen.“ Er habe schon vor Monaten deutlich
gemacht, dass es einen Ausgleich zwischen Privatversicherten und der
gesetzlichen Pflegeversicherung geben müsse. „Da ist die SPD klar, das
wollen wir jetzt in den Verhandlungen auch erreichen.“
Dabei hoffe er auf eine schnelle Einigung, sagte Klingbeil. „Wir wissen,
dass wir Reformen in der Pflege brauchen.“ Die Arbeiten daran liefen „mit
Hochdruck“.
Doch für die Union sind die [3][SPD-Forderungen] schwer akzeptabel, wie
sich in den vergangenen Tagen zeigte. Linnemann lehnte eine
Kostenbeteiligung der privaten Versicherung an der gesetzlichen
Pflegeversicherung als „Griff in fremde Kassen“ ab. Auch
NRW-Gesundheitsminister und CDU-Vize Karl-Josef Laumann – prominenter
Vertreter des CDU-Sozialflügels – warnte im Deutschlandfunk vor einem Aus
für das duale System von gesetzlicher und privater Versicherung.
Auf dem Tisch lagen hingegen Forderungen Linnemanns an Klingbeil: Das
Bundesfinanzministerium müsse mehr als fünf Milliarden Euro Corona-Hilfen
an die Pflegeversicherung zurückzahlen, hatte Linnemann am Montag der dpa
gesagt.
## Unterschiedliche Befürworter für Pflegedeckel
Widerstreitende Interessen hinsichtlich der Kosten für die
Pflegeheimbewohner und -bewohnerinnen erschwerten die Kompromisssuche. Die
SPD brachte den Vorschlag eines Pflegedeckels in die Verhandlungen ein. Sie
will auf die vielfach kritisierten, immer weiter steigenden Eigenanteile
bei den Kosten fürs Heim reagieren. Warkens Entwurf umfasste hingegen
spürbare Einschnitte bei den Zuschüssen, die die Betroffenen für diese
Kosten heute erhalten.
Allerdings würden durch den von der SPD vorgeschlagenen 1.500-Euro-Deckel
bei den reinen Pflegekosten zunächst nur wenige hundert Euro gespart werden
– bei Kosten für einen Heimplatz von im Bundesschnitt 3.364 Euro im Monat
für Betroffene oder Angehörige. Unter Berufung darauf hatte Linnemann auch
auf diesen Vorschlag ablehnend reagiert.
Der Präsident des Landkreistags, Achim Brötel (CDU), nannte einen solchen
Deckel hingegen einen möglichen „wichtigen Teil der Lösung“. Schon heute
seien die Landkreise faktisch die zweite Pflegekasse. Weil immer mehr
Menschen künftig Pflege bräuchten, drohten ihnen langfristig jährliche
Kosten von zwölf Milliarden Euro. Die Kreise springen mit ihren
Sozialämtern ein, wenn Pflegebedürftige und ihre Angehörigen die
anfallenden Heimkosten nicht tragen können.
## Weitere Beratungen
Zündstoff gibt es also genug. Konkret sollen laut Warkens Entwurf die 2022
eingeführten Leistungszuschläge für Bewohnerinnen und Bewohner von
Pflegeheimen zeitlich gestreckt werden. Diese Zuschläge sollen die immer
weiter steigenden Eigenanteile abfedern; die Pflegeversicherung trägt nur
einen Teil der Kosten. Die Streckung soll die Pflegekassen im Jahr 2027 um
2,6 Milliarden Euro entlasten. Zu den vorgeschlagenen Sparmaßnahmen zählen
auch eine strengere Einstufung in Pflegegrade und Einschränkungen bei der
kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern.
Bereits Dienstagnachmittag wurde auch eine spätere Kabinettsbefassung nicht
ausgeschlossen. Auch nach einem Kabinettsbeschluss dürfte es weitere
Verhandlungen in den anschließenden parlamentarischen Beratungen geben. Die
Pflegekassen hatten vor einem Defizit der Pflegeversicherung von 4,4
Milliarden Euro im laufenden Jahr gewarnt. Für 2027 seien zusätzlich 10
Milliarden Euro nötig.
Laumann begründete die ablehnende Haltung der Union zu den SPD-Vorschlägen
damit, dass diese „alle sehr viel Geld“ kosteten. „Und es ist eben das Geld
überhaupt nicht da, im Gegenteil, wir müssen gucken, wo können wir in der
Pflegeversicherung auch noch Geld einsparen.“ Sinn des Gesetzes sei das
Sparen, um steigende Beiträge zu verhindern. Der Beitragssatz liegt bei 3,6
Prozent, bei Kinderlosen bei 4,2 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen.
30 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Reform-der-Pflegeversicherung/!6217266
(DIR) [2] /Pflegereform-der-Bundesregierung/!6216411
(DIR) [3] /Umbau-des-Sozialstaats/!6211112
## TAGS
(DIR) Pflegeversicherung
(DIR) Pflege
(DIR) Carsten Linnemann
(DIR) Schwarz-rote Koalition
(DIR) Bundesregierung
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kabinett erzielt Einigung: Regierung lässt Kinderlose für Pflegereform zahlen
Die Bundesregierung bringt die Pflegereform auf den Weg, über die Union und
SPD bis zur letzten Minute gerungen hatten. Nun werden erste Details
bekannt.
(DIR) Reform der Pflegeversicherung: Menschen aus dem Blick geraten
Die Debatte um die Pflegereform dreht sich vor allem ums Geld. Was es
bräuchte, wäre ein Paradigmenwechsel. Ein Blick ins Nachbarland Dänemark
lohnt.
(DIR) Koalition diskutiert über Pflegereform: CDU-Sozialpolitiker kritisiert „teure Wünsche“ der SPD
Karl-Josef Laumann drängt auf das Sparpaket für die Pflegeversicherung. Es
soll das drohende Milliardendefizit der gesetzlichen Pflegeversicherung und
steigende Beiträge verhindern.
(DIR) SPD droht mit Blockade: Intensive Verhandlungen um die Pflege
Die Pflegereform steht auf der Kippe: Die SPD warnt vor einem
Kürzungspaket. Das Gesundheitsministerium hält am Kabinettsbeschluss am
Mittwoch fest.