# taz.de -- Die Wahrheit: Acht Mass Tradition
       
       > Lebenslänglich Bayer: Wenn einer aufs Oktoberfest geht, dann nur aus
       > Tradition und mit allem Drumherum und Drunter und Drüber.
       
       Teuer ist es schon. Aber das war es immer schon auf der Wiesn. Voriges Jahr
       hat er acht Mass geschafft. Drunter hat er es eigentlich nie gemacht. 130
       Euro inklusive Trinkgeld, so viel wird ihn die Gaudi kosten. Das sollte
       einem traditionsbewussten Oktoberfestbesucher ein schöner Rausch auf jeden
       Fall wert sein. Auch die 89,90 Euro, die er bei trachten.de für seine neue
       Lederhose Modell „Almbock“ gezahlt hat, waren für ihn eine beinahe schon
       alternativlose Investition. Ohne Tracht aufs Oktoberfest, das geht ja nun
       wirklich nicht. Da ist er traditionsbewusst.
       
       In den achtziger Jahren, da ist er mit seinen Spezln noch in Jeans und
       T-Shirt auf die Wiesn gegangen, aber da hatten die Frauen ja auch noch
       keine Dirndl an. Die Leute wussten damals eben noch nicht, was echte
       Tradition ist. Heute ist das anders. Das findet er gut. Tradition gehört
       schließlich zu Bayern wie „Sweet Caroline“ ins Repertoire der
       Bierzeltmusikanten. Das ist zwar mit ziemlicher Sicherheit nicht gespielt
       worden, als 1810 zum ersten Mal auf der Theresienwiese gefeiert worden ist.
       Wenn aber das Stück damals schon komponiert gewesen wäre, die Leute hätten
       es gewiss mit ebensolcher Inbrunst gesungen wie der bayerische
       Ministerpräsident, der den Song im vergangenen Jahr für seine Fans
       eingesungen hat, da war er sich sicher.
       
       ## Rutschende Röcke
       
       Auch wenn ihm selbst nach acht Mass Bier üblicherweise nicht unbedingt der
       Sinn nach einem Bummel über die Schaustellerstraße auf dem Festgelände
       steht, so wusste er sich am traditionsreichen Teufelsrad Jahr um Jahr daran
       zu erfreuen, wie den Frauen die Dirndlröcke über die Hüften rutschen, wenn
       sie darauf das Gleichgewicht verloren. Er hatte zwar die Vermutung, dass er
       ebenso kuhäugig und geil unter die Röcke schaute wie die anderen Männer um
       ihm herum, aber weil er sich ja selbst nicht sehen konnte, hatte er
       beschlossen, dass ihm das nicht peinlich zu sein hatte. Außerdem war der
       Abstecher zum Teufelsrad eine lieb gewordene Tradition. Und Tradition ist
       schließlich das Wichtigste auf dem Oktoberfest.
       
       Dass man die Frauenfiguren aus Pappmaché auf dem Fahrgeschäft nach einer
       Einlassung der Gleichstellungsstelle der Stadt München umlackiert hatte,
       auf dass sie nicht gar zu freizügig daherkommen, hatte er durchaus mit
       Verwunderung zur Kenntnis genommen. Da hatte ja nun wirklich niemand
       hingeschaut. Er hätte nicht sagen können, dass eine der vier Figuren eine
       schwarze Frau darstellte, deren barer Busen lediglich von einer Blumenkette
       verdeckt war, bevor darüber berichtet wurde.
       
       Jetzt gab es in der Stadt eine Diskussion darüber, ob die Wiesn zu woke
       geworden sei. Mal schauen, ob aus dem Fass, das dieser neue grüne
       Oberbürgermeister, den sich die Münchner gewählt hatten, am Samstag
       anzapfen wird, das Bier wirklich nur mit Tempo 30 in die Krüge fließt.
       Eines hatte er sich jedenfalls vorgenommen. Seine Trinkgeschwindigkeit
       würde er nicht anpassen. Und weniger trinken würde er schon gar nicht. Das
       wäre ja ganz gegen jede Tradition.
       
       18 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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